Die Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Mitgliederversammlung VfB Stuttgart

So verlief die Mitgliederversammlung des VfB

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Sie begann mit technischen Problemen und endete mit der Wiederwahl von Präsident Claus Vogt. Die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart im Protokoll.

Die Sonne scheint bei angenehmen 21 Grad, als VfB-Präsident Claus Vogt pünktlich um 11 Uhr die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart in der Mercedes-Benz-Arena eröffnet. Am Wetter kann es also nicht liegen, dass statt der möglichen 5000 Mitglieder lediglich stimmberechtigte 1976 auf der Haupttribüne Platz genommen haben. Das sind weniger als drei Prozent der insgesamt etwa 72.000 Vereinsmitglieder. Eine erstaunlich geringe Zahl angesichts der Bedeutung der Veranstaltung.

Denn im Mittelpunkt steht die Wahl des Präsidenten. Der 51-jährige Amtsinhaber Claus Vogt will vier weitere Jahre Vereinschef bleiben. Als Gegenkandidat hat der Vereinsbeirat des Fußball-Bundesligisten Pierre-Enric Steiger (49), Präsident der Björn-Steiger-Stiftung in Winnenden, aufgestellt. Zudem werden zwei Vize-Präsidenten neu gewählt.

Technische Probleme bei Probeabstimmung

Angesichts der bitteren Erfahrungen bei der Mitgliederversammlung 2019, als die Veranstaltung mit 4500 Anwesenden abgebrochen werden musste, weil die Technik streikte, wird zunächst eine Probeabstimmung durchgeführt. Auch dieses Mal melden einige anwesende VfB-Mitglieder leichte technische Probleme, Wahlhelfer mit Tablets kümmern sich. Erst nach 20 Minuten liegt das Ergebnis auf die belanglose Frage "Gefällt Ihnen das heutige Wetter?" vor. Dennoch gibt sich Präsident Vogt anschließend optimistisch, dass es später funktionieren würde.

Kurz darauf brandet Beifall in der Arena auf. Mario Gomez, der in 191 Spielen für den VfB Stuttgart 85 Tore erzielt und im vergangenen Jahr seine Karriere beendet hatte, erhält die Verdienstmedaille des Vereins. Der 35-Jährige ist selbst nicht vor Ort, bedankt sich aber per Videobotschaft aus Ibiza. Die Stimmung in der Arena verbessert sich noch mehr, als der Präsident der sportlichen Leitung um Thomas Hitzlsperger, Sven Mislintat und Trainer Pellegrino Matarazzo für die Entwicklung in der zurückliegenden Saison dankt. Der Aufsteiger hatte mit einer jungen, offensivfreudigen Mannschaft einen guten neunten Platz belegt.

Dann wird es ernster. Der Vereinsbeirat bezieht deutlich Stellung zur Datenaffäre. André Bühler und Rainer Weninger sprechen davon, dass die Aufklärung der Affäre schneller und günstiger gewesen wäre, "hätten die Beteiligten an der Aufarbeitung aktiv mitgearbeitet." Die Anforderungen an das Amt des Vereinsbeirats habe man kolossal unterschätzt.

Hohe Umsatzeinbußen und Millionenverluste

Bittere Wahrheiten verkündet anschließend Interims-Finanzchef Tobias Keller. Der VfB Stuttgart muss coronabedingt tiefe finanzielle Einbußen hinnehmen.

Die Bilanz des Geschäftsjahres 2020 weist einen Umsatzeinbruch von mehr als 74 Millionen und einen Verlust von mehr als 28 Millionen Euro aus. "Die Folgen der Pandemie sind auch für einen seriös wirtschaftenden Fußballklub existenzbedrohend. Es ist nicht so, dass wir hier das Geld ohne Sinn und Verstand mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen haben." Das coronabedingte Gesamtminus der in eine Aktiengesellschaft ausgegliederten Fußballabteilung lag zwischen März 2020 und Juni 2021 bei etwa 56 Millionen Euro. Der fünfmalige deutsche Meister sei aber so aufgestellt, "dass er in dem Moment, in dem wir in die Normalität zurückkehren können, wieder Gewinne erzielen und insgesamt gestärkt aus der Krise herauskommen werden", verspricht Keller. Zum Vergleich: Höhere Einbußen mussten ligaweit wohl nur Branchenführer Bayern München, Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt hinnehmen. Der Umsatz der VfB AG betrug im Geschäftsjahr 2020 noch 97,6 Millionen Euro. Dem stand ein Aufwand von 126 Millionen Euro gegenüber; am höchsten war der fürs Personal (69,1 Millionen Euro).

"Überfordert": Hitzlsperger und sein offener Brief

Nach diesen ernüchternden Zahlen tritt ein angespannt wirkender Vorstandschef Thomas Hitzlsperger ans Rednerpult. Er ist sichtlich erleichtert, als es keine negativen Reaktionen auf seinen Auftritt gibt. Von den Rängen kommt eher verhaltener Applaus. Der 39-Jährige sagt, für jede überzogene Minute seiner Rede wolle er 100 Euro an die neu gegründete VfB-Frauenabteilung spenden. "Lass dir bitte Zeit, Thomas", kommentiert Präsident Vogt scherzend. Zumindest nach außen demonstrieren Hitzlsperger und Vogt auf dieser Veranstaltung Harmonie pur. Dabei schien noch im Winter das Tischtuch zwischen den beiden zerschnitten. Hitzlsperger geht auf seinen offenen Brief von Dezember 2020 ein, der einer Abrechnung mit dem Präsidenten glich. Er sei von der damaligen Situation "überfordert" gewesen, gesteht er. "Mit meinem viel diskutierten Brief wollte ich offen spielen und nicht mit verdeckten Karten. Wir lernen alle daraus. Lasst uns nicht mehr in den Rückspiegel schauen, sondern nach vorne."

Vogt und Hitzlsperger entschuldigen sich für die Datenaffäre

Claus Vogt, Präsident des VfB Stuttgart, und Vorstandschef Thomas Hitzlsperger (Foto: Imago, Imago / Pressefoto Baumann)
VfB-Präsident Claus Vogt (links) und Vorstandschef Thomas Hitzlsperger entschuldigen sich für die Datenaffäre. Imago Imago / Pressefoto Baumann

Kurz darauf treten Vogt und Hitzlsperger gemeinsam ans Mikrofon. "So etwas wie die Datenaffäre darf nie wieder bei unserem Verein passieren," sagt der Präsident. Dann bitten beide die Mitglieder ausdrücklich um Entschuldigung. Es wirkt wie eine Art Schulterschluss zwischen den beiden Führungskräften. Beide scheinen einen Schlussstrich unter das dunkle Kapitel der vergangenen Monate ziehen zu wollen, als der Präsident und der AG-Boss nur noch übereinander und nicht mehr miteinander sprachen. "Thomas Hitzlsperger hat sich entschuldigt," betont Vogt im Hinblick auf den offenen Brief vom Dezember 2020. "Und ich habe die Entschuldigung angenommen." Das Thema ist auch für Hitzlsperger erledigt: "Ich bin es leid, mich immer für meine Fehler in der Vergangenheit entschuldigen zu müssen," sagt er, als ihm in einem Redebeitrag vorgeworfen wird, er habe sich nicht aufrichtig für seine Fehler entschuldigt. "Ich habe mich mehrmals dafür entschuldigt - und das muss jetzt auch mal reichen."

Entlastung für Vogt und Hitzlsperger

Vogt und Hitzlsperger sind wenig später auch die Einzigen, die als (Ex-)Präsidiumsmitglieder für die Geschäftsjahre 2019 und 2020 entlastet werden. Hitzlsperger wird mit gut 81 Prozent der Stimmen entlastet, Vogt mit jeweils gut 91 Prozent (2019 und 2020). Mit deutlicher Mehrheit stimmen die Mitglieder hingegen gegen eine Entlastung von Ex-Präsident Wolfgang Dietrich (86 Prozent), Bernd Gaiser (76,5 bzw. 74,42 Prozent), Rainer Mutschler (76,48 bzw. 76,91 Prozent) und Hans H. Pfeifer (53,36 Prozent).

Erste Personalentscheidungen: Der neue Vereinsbeirat

Zunächst wählen die stimmberechtigten Mitglieder den neuen Vereinsbeirat mit insgesamt neun Gremienplätzen. Jeweils drei Kandidaten werden in die drei Gremien "Mitglieder und Fans", "Sport und Verein" sowie "Wirtschaft und Gesellschaft" gewählt. Die Kandidaten präsentieren sich zunächst in einem kurzen Video, ehe die Fans ihr Votum abgeben.

Das ist der neue Vereinsbeirat:

  • Sport und Verein: Dr. Nicolai Schlecht (1.549 Stimmen), Kai Engler (1.020), Werner Gass (834).
  • Mitglieder und Fans: Rainer Weninger (1.505 Stimmen), Bernadette Martini (1.117), Susanne Schosser (817)
  • Wirtschaft und Gesellschaft: Prof. Dr. André Bühler (1.529 Stimmen), Michael Astor (913), Martin Bizer (887)

Adrion und Riethmüller ins Präsidium gewählt

Die frisch ins VfB-Präsidium gewählten Rainer Adrion (li.) und Christian Riethmüller (Mitte) beglückwünschen sich gegenseitig. (Foto: Imago, imago images/Pressefoto Baumann)
Die frisch ins VfB-Präsidium gewählten Rainer Adrion (li.) und Christian Riethmüller (Mitte) beglückwünschen sich gegenseitig. Imago imago images/Pressefoto Baumann

Neben dem Präsidenten gibt es zwei freie Posten im VfB-Präsidium . Dafür stehen vier Bewerber zur Wahl, die in direkten Duellen gegeneinander antreten: Rainer Adrion gegen Markus Scheurer und Hubertus Dutsch gegen Christian Riethmüller. Die Kandidaten bekommen jeweils sechs Minuten Redezeit, die anschließenden Wahlen fallen eindeutig aus: Rainer Adrion setzt sich mit 1.579 zu 153 Stimmen gegen Markus Scheurer durch. Christian Riethmüller sammelt 1.612 Stimmen, während auf Hubertus Deutsch 168 Stimmen abfallen. Adrion und Riethmüller sind damit für vier Jahre als Präsidiumsmitglied gewählt.

Vogt mit klarer Mehrheit zum Präsidenten gewählt

Vogt wurde mit überwältigender Mehrheit in seinem Amt bestätigt. Der 51- Jährige setzte sich mit 92,25 Prozent der Stimmen gegen Herausforderer Pierre-Enric Steiger durch. Vogt hatte das Amt am 15. Dezember 2019 übernommen. Nach seiner Wiederwahl bedankte er sich und sagte: "Ich habe die Bitte, dass wir Respekt vor allen haben, die sich einem demokratischen Prozess gestellt haben und nicht gewählt wurden."

Wilfried Porth nicht mehr im VfB-Aufsichtsrat

Am Montag legte der als Kritiker von Vogt bekannte Wilfried Porth sein Amt im Aufsichtsrat der VfB Stuttgart 1893 AG mit sofortiger Wirkung nieder. Das teilte die Daimler AG, deren Personalvorstand Porth ist, mit. "Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen", betonte Porth. Er werde dem VfB als überzeugter Fan weiterhin eng verbunden bleiben und wünsche dem VfB, seinen Spielern und Fans viel Erfolg für die nächste Saison. Porth hatte bereits im Mai erklärt, seinen Verbleib im Aufsichtsrat vom Ausgang der Präsidentschaftswahl bei der Mitgliederversammlung am Sonntag abhängig zu machen. Wer das Aufsichtsratsmandat von Porth übernehmen wird, steht noch nicht fest.

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