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In seinen anderthalb Jahren als Sportdirektor hat Sven Mislintat dem VfB Stuttgart ein neues Gesicht gegeben. Über 20 Neuzugänge hat der 47-jährige Dortmunder in dieser Zeit verpflichtet.

Mittlerweile sieht er den Umbau des Kaders fast am Ziel, die Entwicklung laufe schneller als erwartet. Bei "Steil!", dem SWR Fußball Podcast (alle Folgen auch auf Youtube), warnt der Sportdirektor trotzdem vor zu hohen Erwartungen.  

"Wenn wir die Bundesliga in drei Gruppen einteilen, sind wir in der Dritten", sagt Mislintat. "Das heißt, wir landen irgendwo zwischen Platz 18 und 13, das ist unsere Realität. Dann wäre Platz 13 unser Platz 1 unter den letzten Sechs." Die Erwartungen des Umfelds, möglichst bald an alte Erfolge anzuknüpfen, hält Mislintat für unrealistisch. Ins Mittelfeld der Bundesliga könne man schneller vorstoßen, wenn alles ideal laufe und man keine Fehler mache. Die Top 6 der Liga aber seien sehr weit weg und als Perspektive für den VfB Stuttgart im Moment nicht machbar. 

Mislintat: "Sind weiter als erwartet"

Den beim VfB eingeschlagenen Weg mit Thomas Hitzlsperger an der Spitze bewertet Mislintat nach knapp anderthalb Jahren als Sportdirektor aber sehr positiv. Der Plan, innerhalb von drei Sommer-Transferperioden dem Kader Struktur zu geben und Werte aufzubauen, sei besser gelaufen als erwartet. "Wir sind unheimlich zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Wir sehen uns ein Jahr weiter als das, was wir vorher am Reißbrett entworfen haben", so Mislintat. Wechsel wie der des französischen U 18-Nationalspielers Naouirou Ahamada von Juventus Turin oder Clinton Mola vom FC Chelsea nach Stuttgart sind für Mislintat Beweise für die gute Entwicklung. Dass es gelungen sei, solche Spieler von großen Clubs an den Neckar zu lotsen, stimmt Mislintat sehr optimistisch, weil diese Spieler "für den VfB Stuttgart hervorragende Transfers sind".

Scouting - wichtig ist auch das "Herz am richtigen Fleck"

Seine Kernkompetenz sieht der ehemalige Chefscout von Borussia Dortmund und Kaderplaner von Arsenal London immer noch im Erkennen dieser Talente. Er schaue nach wie vor sehr viel Fußball. Mislintat vertraut bei der Spielersuche auf qualitative Videoanalyse, persönliche Gespräche, aber auch auf Daten.

Dazu kommt die Arbeit in sozialen Medien. Bei der Ansicht der Profile potentieller Neuzugänge, stelle er sich die Frage: "Landen wir da jetzt einen komplett verrückten Treffer hier, passen sie in die Gruppe?" Spieler dürften sicher Persönlichkeit und Charakter haben, auch mal schwieriger sein, aber "sie müssen das Herz und die Seele am richtigen Fleck haben". Ein Paradebeispiel dafür sei für ihn Pierre-Emerick Aubameyang, den er zuerst zu Dortmund und dann zu Arsenal gelotst hatte. Der sei zwar ab und zu extravagant, aber ein toller Mensch. 

Mislintat hat Verständnis für Extravaganzen

Deshalb hält Mislintat auch nichts davon, Spieler wegen mancher Extravaganzen zu verdammen: "Ich möchte nicht wissen, was manche Ex-Profis einen Tag vor dem Spiel gemacht haben, wenn sie aus dem Hotel ausgebrochen sind. Das wäre heute gar nicht mehr möglich." Heutzutage seien die Spieler so gläsern, dass alles sofort an die Öffentlichkeit gelangen würde. Er versteht deshalb die Aufregung nicht, wenn Spieler etwa vor dem Spiel einen Friseur einfliegen lassen. "Ich werde da Spieler nicht dafür verurteilen, sondern versuchen, sie zu verstehen."

Für die weitere Entwicklung des VfB Stuttgart sei es nötig, ruhig weiterzuarbeiten und den eingeschlagenen Weg kompromisslos weiterzugehen. Die Basis sieht er in der funktionierenden sportlichen Leitung mit Thomas Hitzlsperger, Markus Rüdt (Direktor Sportorganisation), Trainer Pellegrino Matarazzo und sich selbst. "Wir sind hier angetreten, um anzupacken - das tun wir!"

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