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Zwei Jahre lang hat Silas Katompa Mvumpa alle getäuscht - und selbst wohl am meisten darunter gelitten. Dennoch gehört der Flügelspieler des VfB Stuttgart bestraft, meint SWR Sport-Redakteur Michael Richmann.

Ja, Silas Wamangituka - oder wie er eigentlich heißt: Silas Katompa Mvumpa - hat einen Fehler gemacht. Im deutschen Aufenthaltsgesetz steht, dass die Einreise nur mit gültigem Pass und gültigem Aufenthaltstitel erlaubt ist. Der Flügelstürmer des VfB Stuttgart hatte beides nicht. Silas Katompa Mvumpa ist also ein illegaler Einwanderer. Und das ist eine Straftat. Und - so leid mir das für den hochtalentierten Flügelflitzer tut - ich finde, dass muss auch geahndet werden. Denn ein Staat hat das Recht und die Pflicht, seine Grenzen und seine Interessen - beim Aufenthaltsrecht in der Regel die Staatskasse - zu schützen. In der Tat können falsche Angaben dazu führen, dass eine Aufenthaltserlaubnis erlischt - auch rückwirkend. Wenn jemand "unrichtige oder unvollständige Angaben macht oder benutzt, um für sich oder einen anderen einen Aufenthaltstitel oder eine Duldung zu beschaffen" kann er mit einer Geldstrafe und sogar mit drei Jahren Haft bestraft werden.

Und nun? Weg mit dem Schurken? Das halte ich für überzogen.

Wem hat Silas Katompa Mvumpa eigentlich geschadet?

So einfach ist die Sache nicht. Ich bin kein Jurist, und letztlich müssen sich die Fachleute mit diesem Fall beschäftigen und ihn bewerten. Aber wenn ich eines über die Juristerei gelernt habe, dann, dass jedes Wort, jeder Punkt und jedes Komma zählen. Und da frage ich mich: Wer ist der Geschädigte?

Das deutsche Grenzregime hat Silas Katompa Mvumpa definitiv verletzt. Das ist allerdings in erster Linie dazu da, die BRD vor Terroristen, Mördern und Drogendealern zu schützen. Silas Katompa Mvumpa ist nichts davon.

Bleibt das fiskalische Interesse. Im Gesetzbuch steht: Für eine Aufenthaltserlaubnis muss ein Mensch nachweisen, dass sein "Lebensunterhalt ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel gesichert ist". Wir reden hier von einem Bundesliga-Fußballer. "Einkünfte mindestens in Höhe des einfachen Sozialhilferegelsatzes zuzüglich der Kosten für Unterkunft und Heizung sowie etwaiger Krankenversicherungsbeiträge" dürfte Silas locker erwirtschaften. Er brauchte also keinen falschen Namen, um die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Aufenthaltserlaubnis zu erfüllen.

Wer ist eigentlich der Übeltäter?

Viel wichtiger erscheint mir jedoch die Frage: Wer ist eigentlich der Übeltäter?

Wie der VfB Stuttgart den Sachverhalt schildert, hat letztlich ein zwielichtiger Spielervermittler die falschen Papiere mit dem Namen "Wamangituka" besorgt. Zudem hat er den jungen Mann ausgenutzt und ihn systematisch isoliert. Demnach hatte der Spieler nicht einmal Zugriff auf sein eigenes Konto und war längst abhängig von seinem "Berater".

Wenn die Geschichte so stimmt, kann man Silas Katompa Mvumpa höchstens vorwerfen, das Spiel so lange mitgespielt zu haben. Aber der damals 19-Jährige wollte offensichtlich lieber dem Ball und seinen Träumen hinterherjagen, als sich um Zahlen und Paragraphen zu kümmern. War das naiv? Seine Abhängigkeit sollte sich jedenfalls im Strafmaß widerspiegeln.

Der Mann hat Courage bewiesen

Vor allem hat Silas Katompa Mvumpa in meinen Augen jedoch unfassbare Größe bewiesen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie viel Kraft es braucht, so eine Lüge zwei Jahre lang aufrecht zu erhalten und sich bei jedem Gang in die Kabine, bei jedem Check-in im Spieler-Hotel und bei jedem Eintrag in den Spielberichtsbogen ein Stück weit selbst zu verleugnen. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie viel Courage es braucht, dieses Konstrukt, an dem im Zweifel die Träume, das Einkommen und die gesamte Existenz eines Menschen hängen, offenzulegen und einzureißen - noch dazu vor den Augen seiner Chefs. Und die haben in meinen Augen geradezu vorbildlich reagiert, um das Problem endlich zu lösen und sich in der Öffentlichkeit schützend vor ihren Mitarbeiter gestellt.

Ja, Silas Katompa Mvumpa hat einen Fehler gemacht. Mit dem hat er jedoch weniger den Interessen der Bundesrepublik als sich selbst geschadet. Strafe muss sein - und zwar mit der vollen Milde des Gesetzes.

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