Der jubelnde Pellegrino Matarazzo nach dem Klassenerhalt (Foto: IMAGO, Eibner)

Fußball | Meinung

Klassenerhalt als neue Meisterschaft beim VfB Stuttgart

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Am letzten Spieltag und erst in der Nachspielzeit hat der VfB Stuttgart den Klassenerhalt perfekt gemacht. Die Saison war für die Schwaben eine emotionale mit gutem Ende. Aber ist damit alles gut, fragt sich SWR-Sportredakteurin Julia Metzner.

Ja, auch ich habe mich beim Jubeln erwischt. An diesem Samstag, in diesem Spiel, in diesem Stadion ging das gar nicht anders. Dazu musste man kein Fan des VfB Stuttgart sein. Es war absolut mitreißend und ja, ich hatte Gänsehaut. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie sich diese Mannschaft an den letzten beiden Spieltagen noch einmal rausgezogen hat aus dem selbstgemachten Sumpf.

Hat der VfB doch mehr richtig als falsch gemacht?

Dieser Gefühlsausbruch bei Fans und Mannschaft war total nachvollziehbar. Allerdings kam mir schon die Frage in den Kopf, was machen die eigentlich, wenn sie mal wieder einen Titel holen? Oder anders gefragt: Ist der Klassenerhalt beim VfB Stuttgart jetzt die neue Meisterschaft?

VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Der Wahnsinn beginnt in der 12. Minute: VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic verschießt einen Elfmeter. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Den darauffolgenden Eckball köpft er ins Tor. 1:0. In der Stuttgarter Arena wächst der Glaube an den Klassenerhalt. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Nach einer knappen Stunde (59.) dämpft Kölns Anthony Modeste mit seinem Ausgleich die Euphorie. VfB-Keeper Florian Müller hatte den Ball zuvor nicht festhalten können. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Die Fans glauben weiterhin an den Klassenerhalt. Als verkündet wird, dass Hertha BSC zurückliegt, "explodiert das Stadion", wie Florian Müller hinterher beschreiben wird. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Dann, es läuft bereits die Nachspielzeit, köpft Kapitän Wataru Endo den Siegtreffer und damit alle, die es mit dem VfB halten, ins Glück. Imago Images / Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen
Im Stadion brechen alle Dämme. Trainer Pellegrino Matarazzo sprintet seinen Spielern entgegen, umschlingt sie. Er sagt später: "Es gibt keine Worte, die diesen Moment beschreiben können." Imago Images / Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen
Der Moment der Erlösung: Wenige Minuten nach Endos Siegtreffer ist Schluss. Der VfB schafft den Klassenerhalt. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Wie Matarazzo stürmt auch VfB-Sportdirektor Sven Mislintat auf das Spielfeld: "Der kleine Dicke ist noch einigermaßen fit im Sprint", beschreibt er schmunzelnd seinen schnellen Antritt. Imago Images / Sportfoto Rudel Bild in Detailansicht öffnen
"Da fällt so viel Last von einem ab", erklärt Florian Müller. Für ihn hätte es wegen seines Patzers ein ganz bitter Nachmittag werden können. Beim Siegtreffer war er im Kölner Strafraum, um irgendwie mitzuhelfen, den Ball ins Tor zu bringen. Imago Images / Langer Bild in Detailansicht öffnen
Nach Spielende stürmen die VfB-Fans den Rasen und feiern mit ihren Helden. Imago images / Langer Bild in Detailansicht öffnen
Einige sichern sich ein Andenken an diesen spektakulären letzten Spieltag. IMAGO / Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen
Erst eine Stunde nach dem Abpfiff kehren sie zurück auf die Tribüne. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Er sei leer, er sei platt, sagt Matarazzo. "Aber ich kriege es schon hin, ein bisschen zu tanzen, ein Bierchen zu trinken, meine Frau zu umarmen und mit den Jungs zu feiern." IMAGO / Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen
Freudentränen oder Tränen des Abschieds? VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic bedankt sich bei den Fans. Der FC Bayern München soll an ihm interessiert sein. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Sven Mislintat fasst zusammen: "Das war ein Sieg einer Mannschaft, einer Gruppe, da möchte ich das gesamte Stadion mitreinnehmen. Es ist ein Sieg von Spirit, von Zusammenhalt und von Gruppendynamik." Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen

Sven Mislintat scheint meine Gedanken gelesen zu haben. Aber der VfB-Sportvorstand weiß ja sowieso, dass nicht nur ich diese Gedanken hatte. Am Tag nach der großen Sause stellte er im SWR-Interview klar, dass andere Ziele als der Klassenerhalt nur möglich seien, wenn andere wirtschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen würden. Das ist unmissverständlich. Als Ausrede hat er es nicht benutzt. Das ist beruhigend. Als ich also gerade zur Bodenhaftung mahnen will, erwische ich mich bei dem Gedanken: Mensch, der VfB hat vielleicht doch mehr richtig als falsch gemacht.

Entwicklung im Stillstand

Ein bisschen zu oft wurde für meinen Geschmack der Saisonverlauf auf die lange Verletztenliste geschoben. Natürlich wurden vor allem Sasa Kalajdzic und Silas schmerzlich vermisst. Dass das zwar ein großer, aber eben nur ein Grund war, stellte Mislintat jetzt noch mal klar. Auch das, beruhigend.

Nach Platz neun als Aufsteiger in der Saison 2020/21 sind im letzten Sommer mit Nicolas Gonzalez und Gregor Kobel zwei Leistungsträger gegangen. Rückschritte in der Entwicklung und Qualitätsverlust sind für Mislintat da selbstverständlich. Und auch hier schneidet er mir die Worte ab, bevor ich mich über den Stillstand bei Spielern wie Mangala, Coulibaly oder Klimowicz wundern kann.

Auch das also: unmissverständlich. Auch das keine Ausrede, aber eine Erklärung. Gleichzeitig eine sehr frühe Vorwarnung die neue Saison betreffend. Wegen der Finanzlage nach Corona werden möglicherweise mit Borna Sosa und Sasa Kalajdzic wieder zwei Leistungsträger gehen. Sie werden wieder Geld in die VfB-Kassen spülen. Und trotzdem ist schon jetzt wieder der Klassenerhalt als Ziel ausgerufen worden? Wir haben zwar alle keinen Einblick in die Bücher der Bundesligisten, aber die Frage sei erlaubt: haben zum Beispiel Union Berlin oder natürlich der SC Freiburg so viel mehr Geld als Stuttgart?

Schöngeredet oder konsequent?

Worauf ich hinaus will? Wird zu viel zu defensiv schön geredet. Oder ist das der Realismus des VfB Stuttgart im Jahr 2022? Dann wäre das für mich im Hier und Jetzt wirklich ein gutes Ende. Denn ich feiere den VfB dafür, konsequent geblieben zu sein. Realität statt große Träumereien. Sich nicht von den Erfolgen der Vergangenheit - der lang zurückliegenden erfolgreichen Vergangenheit - blenden lassen. Kontinuität auch in der Krise. Kein panischer Trainerrauswurf, kein internes Zerfleischen. Stattdessen Vertrauen. Und Festhalten an einem Weg, der nicht immer von allen verstanden und vor allem immer von vielen kritisiert oder zumindest hinterfragt wird.

Das habe ich im Winter auch gemacht. Als der VfB schon dick im Abstiegskampf steckte, als mit Tiago Tomas der nächste 19-Jährige "mit Potential" geholt wurde. Und kein erfahrener Spieler als Stütze für dieses junge Team. Tomas hat mit vier Toren seinen Teil zum Klassenerhalt beigetragen. Vielleicht machen sie beim VfB eben doch mehr richtig, als 33 Punkte in 34 Spielen widerspiegeln.

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