VfB-Sportdirektor Sven Mislintat (Foto: imago images, IMAGO / Eibner)

VfB Stuttgart | Interview

Sven Mislintat: "Einen sicheren Klassenerhalt gibt es für Klubs wie den VfB nicht"

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Der VfB Stuttgart steckt in der Länderspielpause tief im Keller der Bundesliga-Tabelle. Platz 15, knapp vor den Abstiegsplätzen. SWR Sport hat mit Sportdirektor Sven Mislintat über die Situation der Mannschaft gesprochen.

SWR Sport: Sven Mislintat, Länderspielpause in der Bundesliga. Heißt das auch für Sie als VfB-Sportdirektor mal etwas durchzuatmen?

Sven Mislintat: "Ja klar, prinzipiell bedeutet zwei Wochen ohne Pflichtspiel die Zeit, wieder etwas detaillierter in einen Themenkomplex eintauchen zu können, analysieren zu können. Aber auch mal an einem Wochenende einen Tag frei zu haben, den man sonst nicht frei hat und etwas durchzuschnaufen. Das tut uns gut vor allem im Hinblick darauf, dass wir sehr viele Reha-Jungs und zurückkommende Spieler haben."

Wie sehr belastet Sie die momentane sportliche und personelle Situation in diesen Tagen?

"Wir müssen nicht herumreden, dass ein voller Kader ein deutlich angenehmeres Gefühl erzeugt. Man muss es aber als Aufgabe annnehmen. Gerade im Offensivbereich sind das alles Kontaktverletzungen, keine muskulären Themen, das ist Pech oder auch negativer Zufall. Aber es nutzt ja nichts, darüber zu lamentieren. Man muss es als Aufgabe erkennen und das auch richtig in der Gesamtsituation mit den zwei Niederlagen gegen Augsburg und Bielefeld einordnen."

Der Trainingsplatz ist nicht gerade üppig gefüllt. Viele Verletzte, die Nationalspieler sind unterwegs. Inwiefern kann man trotzdem an gewissen Stellschrauben zu drehen?

"Man hat jetzt 14 Tage Zeit, man kann sauber aufbauen. Man hat eben 14 Tage ohne Spiel, um die Verletzten wieder zu integrieren. Und da gibt es ja durchaus Spieler wie Marc Oliver Kempf, Kostas Mavropanos, Silas Katompa Mvumpa, Chris Führich und Omar Marmoush, bei denen wir teilweise Hoffnung haben, dass sie wieder in den Kader kommen. Und dann arbeitet man eben sehr sauber an der Wiedereingliederung und am Mannschaftstraining. Und dann ist wichtig, in der zweiten Woche die Nationalspieler gesund wiederzubekommen, sie regenerieren und die vielen Flugkilometer herausschlafen zu lassen, sie in den letzten Trainingseinheiten zu integrieren und dann wieder eine gute Match-Fitness zu haben für das Spiel bei Borussia Dortmund."

Sven Mislintat, der VfB Stuttgart ist ja ein gebranntes Kind, ist in den letzten Jahren zweimal abgestiegen. Muss man sich Sorgen machen, oder wischen Sie solche Bedenken weg, weil Sie eine viel zu große Grundsubstanz haben?

"Nein, im Gegenteil. Wir haben von Anfang an gesagt, weil wir ein gebranntes Kind sind, dass das zweite Jahr eine hohe Aufmerksamkeit braucht. Und genau das bedeutet, dass wir Platz neun nicht überbewerten, sondern vernünftig einordnen. Auch einzukalkulieren, ich sage das immer sehr gerne und sehr laut, dass von Position sieben oder acht bis 18 jeder in der Bundesliga zuerst mal gegen den Abstieg spielt. Das ist die Realität der letzten Jahre mit diesem klaren Auseinanderdriften der Top-Klubs zu den restlichen Zehn, die mitspielen. Da sind so viele Unterschiede in den Möglichkeiten, dass sich das einfach herauskristallisiert hat. Das bedeutet, dass jeder, ob Aufsteiger oder wie wir im zweiten Jahr, oder Klubs im dritten oder vierten Jahr, zuvorderst erstmal die Klasse halten wollen.

Wir haben von Beginn an gesagt, das ist unser Ziel. Deshalb können wir das vernünftig einordnen. Und wenn dann eben das passiert, was gerade passiert, dass wir mit den Verletzten und auch in dieser Saison erstmals mit den Corona-Fällen viele Hindernisse überwinden müssen, dann kann das eben dazu führen, dass wir nicht so sicher durch die Saison kommen wie letztes Jahr, sondern - Stand heute - nur einen Punkt vor Relegation- und Abstiegsplatz stehen. Das ist Teil unserer Realität, das lässt uns nicht nervös werden. Einen sicheren Klassenerhalt gibt es für Klubs wie uns in unserer Einkommensklasse nicht."

Sven Mislintat (Sportdirektor VfB Stuttgart) (Foto: imago images, Imago)
Sven Mislintat mit Flügelspieler Borna Sosa (l.) nach dem 0:1 gegen Bielefeld Imago

Letztes Jahr kam der VfB Stuttgart sicher durch die Saison. Wie sehr müssen Sie aktuell in dieser kritischen Situation gerade mit dieser jungen Mannschaft auch mental arbeiten?

"Gar nicht so sehr wie man das glaubt. Es ist natürlich nicht so, dass die Jungs vor Selbstbewusstsein strotzen, wenn man die zwei Spiele verloren hat und das Pokalspiel eben auch noch. Also mit drei Niederlagen stehst du schon mit einem anderen Selbstbewusstsein auf. Aber wir müssen klar bleiben in der Analyse und in der Einordnung dieser Ergebnisse und erst recht klar bleiben in der Arbeitseinstellung. Diese Mannschaft mit dem Top-Trainerteam an der Spitze und dem Staff hat die maximale Einstellung, an Themen zu arbeiten und besser zuwerden. Und das ist vielleicht das Entscheidende: Auch am Ende mit einem Schuss Lockerheit, nicht im Sinne uns ist alles egal, sondern bleib locker in deinem Tun, mit der richtigen Lockerheit und Entspanntheit in die Woche und ins Spiel zu gehen."

Wie wichtig ist in dieser Situation, dass das Lachen von einem Torjäger wie Silas nach seinem Kreusbandriss wieder zurück ist auf dem Traingsplatz? Wie gut tut das und wann darf man mit seinem Comeback rechnen?

"Als Person und mit seinem Lachen tut uns das unheimlich gut. Genauso aber bringt auch Sasa Kalajdzic mit seinem Wiener Schmäh sowas mit rein. Viel wichtiger ist aber, dass wir sukzessive wieder Qualität zurückzubekommen. Das gilt nicht nur für die Jungs die starten, sondern auch für die Qualität von der Bank, um nochmal Veränderungen herbeizuführen. Mit Sasa, Silas, Chris Führich und Omar Marmoush stehen uns gerade vier Jungs nicht zur Verfügung, die letzte Saison in der Bundesliga und der 2. Liga über 50 Tore plus Assists gemacht haben. Das kann keine Mannschaft kompensieren. Schaue nach Dortmund, Haaland ist Haaland. Das ist bei uns, als würden bei Bayern München Lewandowski, Gnabry, Sane und Müller gleichzeitig ausfallen, dann wären sie auch nicht so eiskalt vor dem Tor. Das soll keine Entschuldigung sein, ist aber ein Teil der Erklärung."

Es rücken beim VfB weitere Spieler nach. In dieser Woche im Test gegen Zürich war der erst 18-jährige Franzose Alexis Tibidi dabei, der Australier Alou Kuol schoss das Siegtor. Sind das Alternativen für die Bundesliga, vielleicht schon für das nächste Spiel in Dortmund?

"Man muss ein bißchen aufpassen in der Entwicklung der Jungs, sie müssen ihre Wege erst noch gehen. Das sind absolute Top-Jungs. Alou war einer der Rookies des Jahres in der australischen Liga, spielt bei uns in der zweiten Mannschaft eine sehr gute Saison, ist immer wieder oben mit dabei. Das Gleiche gilt für Alexis Tibidi in der U19 als offensiver Spieler. Aber es sind für ihn nochmal ganz andere Herausforderungen. Da muss man vorsichtig sein, es geht um einen sauberen langfristigen Aufbau."

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