Präsident Claus Vogt (links) und Thomas Hitzlsperger - die zwei Hauptdarsteller des VfB-Machtkampfs (Foto: Imago, imago images / ULMER Pressebildagentur)

Fußball | Bundesliga

Der VfB Stuttgart - eine schrecklich zerstrittene Familie

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Der Machtkampf beim VfB Stuttgart zwischen Vorstandschef Thomas Hitzlsperger und Präsident Claus Vogt spaltet den Verein in zwei Lager. Die Atmosphäre beim Fußball-Bundesligisten ist vergiftet, es herrscht ein Klima des Misstrauens. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Es fallen Worte wie "Orkan", "Desaster" oder "höchste Eskalationsstufe". Wer sich intensiv mit gut vernetzten, ehemaligen Funktionsträgern und Insidern des VfB Stuttgart unterhält, bekommt ein Gespür, wie vergiftet die Atmosphäre beim Fußball-Bundesligisten in diesen Tagen sein muss. Während der Aufsteiger - trotz des 0:3 in Bielefeld - sportlich ordentlich da steht, scheint das Innenleben des Klubs Fans und Vereinsmitglieder gleichermaßen zu belasten und zu desillusionieren. Auslöser ist der Machtkampf zwischen Vorstandschef Thomas Hitzlsperger und Präsident Claus Vogt.

Szenen einer unschönen Ehe

Vieles erinnert an Szenen einer unschönen Ehe. Bis Mitte November vergangenen Jahres schien die Liaison zwischen Vorstandschef Hitzlsperger (seit Oktober 2019 im Amt) und Vereinspräsident Vogt (gewählt im Dezember 2019) noch harmonisch in geordneten Bahnen zu verlaufen. Die beiden schienen das perfekte Paar zu sein: Hitzlsperger trieb den sportlichen Erfolg voran, Vogt scharte mit seiner Fannähe die große VfB-Familie um sich. Doch dann traten die Differenzen immer offener zutage. In den Vereinsgremien wurde mehr gestritten als konstruktiv zusammengearbeitet. Kompromisse, die gefunden wurden, waren schon einen Tag später Makulatur. Die Hitzlsperger-Freunde warfen dem Präsidenten vor, sich nicht mehr an gefasste Beschlüsse erinnern zu können. Die andere Seite konterte, auch Hitzlsperger habe sich nicht an getroffene Entscheidungen gehalten. Was stimmt? Wer hat Recht?

Wer tiefer in die Klubfamilie hinein hört, erfährt, dass aus dem anfangs sachlichen Austausch von Argumenten zunehmend eine persönliche Fehde zwischen Hitzlsperger und Vogt wurde. Der Familienfrieden war bedroht. Es soll mehrere Versuche einer Mediation gegeben haben, um beide Seiten wieder miteinander zu versöhnen. Diese seien gescheitert, heißt es. Das Ganze erinnert an eine Paartherapie, in der beide Parteien nach einem Seitensprung versuchen, zum Wohle der Familie wieder zueinander zu finden. Aber noch während des Beratungsprozesses geht die eine oder andere Seite erneut mehrere Male fremd, so dass die VfB-Familienmitglieder letztlich betroffen feststellen müssen: Es ist nichts mehr zu kitten, das Tischtuch ist zerschnitten.

Öffentlicher Liebesentzug

Nach den gescheiterten Schlichtungsversuchen war es vorbei mit Rücksichtnahme und Respekt. Ein Rosenkrieg begann. Hitzlsperger ging in die Offensive und warf seinen Hut als Präsidentschaftskandidat in den Ring. Der ehemalige VfB-Meisterspieler von 2007 hat augenscheinlich ein großes Ziel: Vogt soll weg, denn die Ehe mit dem Vereinsboss ist gescheitert. Wenn sich Partner trennen, sollten sie tunlichst alles daran setzen, trotz emotionaler Verletzungen respektvoll miteinander umzugehen - auch zum Wohle ihrer Kinder. Beim VfB Stuttgart ist dies gründlich misslungen.

Der offene Brief des Vorstandsvorsitzenden Hitzlsperger vom 30. Dezember an die VfB-Familie glich einer knallharten Abrechnung mit dem Ex. Ein öffentlicher Liebesentzug, zugleich ein einmaliger Vorgang in der Historie des Vereins. "In der Wirtschaft wäre Hitzlsperger sofort rausgeschmissen worden", sagt ein ehemaliger VfB-Funktionär, der nicht mit Namen genannt werden möchte. Er glaube nicht, dass Hitzlsperger den Brief selbst verfasst habe. Dahinter stecke sicherlich ein Berater und Kommunikationsprofi, meint er. SWR-Recherchen scheinen diese Auffassung zu bestätigen.

Zwei unversöhnliche Lager

Was besonders verwundert: Kein Mitglied der VfB-Familie hat den Präsidenten gegen den verbalen Frontalangriff Hitzlspergers öffentlich verteidigt. Das Familienoberhaupt wurde massiv angegriffen, aber die Mitglieder, in diesem Fall die Vereinsgremien, schwiegen. Was sagt ein solches Verhalten über den moralischen Zustand der VfB-Familie aus? Erst als Außenstehende das Foulspiel Hitzlspergers verurteilten, rang sich dieser zu einer dürren Entschuldigung durch ("Ich habe mich im Ton vergriffen"). Die inhaltlich schwerwiegenden Vorwürfe gegen Vogt ließ er hingegen weiter im Raum stehen.

Nicht nur die Gremien, auch jene erwachsenen Kinder, die für die Datenaffäre verantwortlich zeichnen, hüllten sich in Schweigen. Sie weigerten sich, Verantwortung für begangene Fehler zu übernehmen. Wie kleine Kinder, die mit dem Ball eine Blumenvase zerdeppert haben, beharrten sie auf ihrer Version: 'Ich war's nicht. Die Vase ist von alleine heruntergefallen.' Vereinsvater Vogt blieb nichts anderes übrig, als zu strengeren Erziehungsmethoden (Beauftragung der externen Kanzlei Esecon) zu greifen.

Kommt es am 18. März zum großen Showdown?

So stehen sich im Rennen um das Amt des Präsidenten zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Im Verein herrscht ein energieraubendes Klima des Misstrauens ("Es ist derzeit schlimm, hier zu arbeiten"), und auch die erweiterte VfB-Familie, die Fans, ist zerstritten. Die Glaubensfrage lautet: Vogt oder Hitzlsperger? Keiner von beiden gibt nach, keiner zieht zurück.

Kommt es also am 18. März bei der Mitgliederversammlung zum großen Showdown? Wird der Vereinsbeirat tatsächlich diese beiden Streithähne der VfB-Großfamilie (ca. 72 000 Mitglieder) zur Wahl vorschlagen? Was ist mit dem dritten Bewerber, dem Unternehmer Volker Zeh? Oder zaubert der Vereinsbeirat womöglich noch einen anderen Kandidaten aus dem Hut? Ein Headhunter wurde mit der Suche beauftragt. "Da wird sich keiner melden", ist eine ehemalige Führungskraft des Vereins überzeugt. Das würde sich bei der aktuellen Gemengelage keiner antun wollen.

"Orkan" über dem Klubgelände

Ganz nebenbei belastet die Trennung zwischen Hitzlsperger und Vogt auch die Familienkasse. Nachdem schon erkleckliche Summen für die Aufklärung der Datenaffäre und für die Umstrukturierung der AG ausgegeben wurden, öffnete der Vereinsbeirat die Schatulle jetzt auch noch für die juristische Klärung der Kandidatur Hitzlspergers und für die Headhunter-Suche nach potentiellen Bewerbern. All dies in Zeiten, da die Kassenlage in der Corona-Pandemie extrem angespannt ist, etliche Mitarbeiter bis zum Saisonende in Kurzarbeit bleiben müssen und der Verein Hilfe vom Staat in Form eines KfW-Kredits beantragt hat.

Eigentlich wollte der Vereinsbeirat bis Ende dieser Woche seine zwei Präsidentschafts-Kandidaten bekanntgeben. Jetzt spielt er auf Zeit. Man wolle zunächst auf den Abschlussbericht der Berliner Kanzlei Esecon zur Datenaffäre warten. Anfang Februar soll der Bericht vorliegen. Dann muss sich das Gremium aber sputen. Die Einladung zur Mitgliederversammlung muss laut Vereins-Satzung spätestens am 11. Februar rausgehen. Darin sollten auch die Namen der Kandidaten für das Amt des Präsidenten stehen.

Bis dahin wird der "Orkan" weiter über das Familienanwesen des VfB Stuttgart fegen. "Ich hoffe, dass er dann irgendwann abebbt", sagt ein ehemaliger VfB-Verantwortlicher. So ganz sicher scheint er sich aber nicht zu sein.

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