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Es war am 21. Oktober 2000. Statt des von Christoph Daum propagierten "reinen Gewissens" entlarvte seine Haarprobe den Bundestrainer in spe: Der vom einstigen Meistermacher des VfB Stuttgart geleugnete Kokainkonsum war nachgewiesen.

Christoph Daum ist dieser Tage unterwegs, um seine Biografie zu promoten. Anders als früher trägt er nicht mehr nur noch den Schnauzer, der auf Stoppellänge gehaltene Bart ziert jetzt auch Kinn und Wangen. Sein Blick ist wie eh und je: mal schelmisch, mal hoch konzentriert, mal stechend und angriffslustig. "Immer am Limit" heißt sein Buch, obwohl man im Verlag mal kurz die Titel-Idee "Schnee von gestern" hatte. Es ist eine von vielen Anspielungen, mit denen der Stuttgarter Meistertrainer von 1992 seit diesem 21. Oktober 2000 leben muss. Der Tag, an dem das Ergebnis seiner freiwilligen Haarprobe publik wurde: Positiv. Christoph Daum, der Mann, der eigentlich im darauffolgenden Sommer Bundestrainer werden sollte, war des Kokainkonsums überführt worden.

"Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe!"

Christoph Daum zur Abgabe seiner Haarprobe, 9. Oktober 2000

Christoph Daum hatte mal kurz die Idee, statt die Kokainaffäre in der Biografie zu thematisieren, einfach zwanzig geschwärzte Seiten im Buch zu haben. "Typisch Daum", nennt er das selbst. Aber diese Tage im Herbst 2000 bleiben immer ein Teil seiner Geschichte. Weil es der große Bruch im Leben des Erfolgstrainers war. Drei Tage vor seinem 47. Geburtstag flogen seine Lügen damals auf. Er hatte sich auf einen Vorab-Test verlassen. Anonym hatte er den durchführen lassen, Ergebnis negativ, nichts nachweisbar. Also ging er am 9. Oktober 2000 mit dem öffentlichen Test in die Offensive. Das "reine Gewissen" flog ihm mitsamt seiner Zukunftsplanung als DFB-Trainer nur wenige Wochen später um die Ohren.

Abgetaucht, um wieder aufzutauchen

Bis heute spielt in vielen Darstellungen der damalige Bayern Manager Uli Hoeneß eine Hauptrolle. Ausgerechnet sein damaliger Erzfeind Daum, der Anfang Oktober 2000 noch Anzeige gegen Hoeneß wegen Verleumdung und übler Nachrede gestellt hatte, winkt längst ab. Uli Hoeneß habe keine Gerüchte gestreut, er habe lediglich gesagt, "wenn die Gerüchte stimmen, dann kann er nicht Bundestrainer werden". Und damit lag er richtig. Nur kurz tauchte Daum damals ab, um am 12. Januar 2001 öffentlich wieder aufzutauchen, um sich zu entschuldigen. In Deutschland folgte dem Kopfschütteln auch ein Prozess: der Vorwurf des illegalen Drogenbesitzes konnte nicht nachgewiesen werden, Freispruch. Seine Trainerkarriere ging im Ausland erfolgreich weiter, unter anderem gewann er weitere Titel mit Fenerbahce Istanbul und Austria Wien.

Erfolge im Schatten der Haarprobe

Christoph Daum, heute 66, saß bei über 900 Profispielen als Trainer auf der Bank. Er holte insgesamt fünf Meistertitel, den ersten 1992 mit dem VfB Stuttgart, entwickelte Bayer Leverkusen zu einer Spitzenmannschaft und war zuletzt Nationaltrainer in Rumänien.

Als er vor Kurzem in einer Talkshow gefragt wurde, ob ihm das immer noch weh tue, dass er bei all den sportlichen Erfolgen so oft auf das Thema Haarprobe reduziert werde, konterte er den Moderator mit breitem Grinsen: "Ist das hier so 'ne seelische Outing-Sendung?", amüsierte sich selbst damit am meisten. Noch so ein typischer Daum. Der gebürtige Zwickauer mit rheinländischem Humor und einer beeindruckenden Trainerkarriere. So sähe wohl sein Idealbild von sich selbst aus. Dass dies bis heute nicht ungetrübt ist, auch daran ist dieser 21. Oktober 2000 schuld.

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