Polizei im Stadion (Foto: IMAGO, IMAGO/Peter Hartenfelser; )

Zunehmende Aggressionen im Fußball

Ultras contra Polizei: "Die Lage in Stuttgart ist an einem kritischen Punkt"

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Martin Thiel

Zwischen der Stuttgarter Polizei und den Fans der Stuttgarter Kickers und des VfB Stuttgart kam es zuletzt verstärkt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Wo liegen die Ursachen?

Die Stimmung bei den Stuttgarter Fans an diesem 15. Oktober ist ausgelassen. Soeben hat der VfB seinen ersten Sieg in dieser Bundesliga-Saison geschafft: 4:1 gegen Bochum. Wie schon vor dem Spiel wollen die VfB-Anhänger auch nach der Partie einen Fan-Marsch durchführen. Doch plötzlich eskaliert die Situation, die Stimmung kippt. Vermummte Schläger greifen die Einsatzkräfte der Polizei mit Tritten und Schlägen an. Die Beamten wehren sich mit Pfefferspray, berittene Polizei setzt Schlagstöcke ein. Vier Beamte werden bei der Auseinandersetzung verletzt, es gibt auch verwundete Fans.

Auch rund um das Auswärtsspiel des VfB Stuttgart am vergangenen Wochenende in Dortmund kam es fast zu einer Massenschlägerei, die Polizei schloss 350 VfB-Fans für fünf Stunden ein. "Das war übertrieben, dass wir das Spiel nicht sehen durften", beschwerte sich ein VfB-Anhänger. Er gehört zu den sogenannten Ultras. Ultras sind organisierte, besonders fanatische Fußballfans.

Ein Anhänger des Oberligisten Stuttgarter Kickers berichtet ebenfalls von angeblich übertriebenen Polizeieinsätzen. Nach dem Liga-Spiel gegen den SSV Reutlingen am vergangenen Samstag soll es nach seiner Schilderung an einer U-Bahnstation zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

"Es kam zu Rangeleien und Pfefferspray-Einsatz. Es wurde Gewalt angewendet, ohne dass irgendetwas war. Dabei war von uns keiner vermummt, keiner aus unserer Gruppe hat aggressives Verhalten an den Tag gelegt. Wir haben uns den ganzen Tag betont zurückgehalten. Aber es hat leider trotzdem nicht gereicht, um ohne Vorfälle nachhause zu kommen."

Solche Aussagen lassen sich nur schwer überprüfen. Bemerkenswert ist aber, dass sich Mitglieder der sonst so medienscheuen Ultra-Gruppierungen beider Fanlager anonym an unsere Redaktion wenden. Sie verstehen die verstärkte Polizeipräsenz nicht und empfinden sie als Provokation.

Zunahme von Gewalt?

Vorwürfe gegen die Polizei kommen auch von einem Anhänger aus der Ultraszene des VfB Stuttgart. Er war bei dem Fanmarsch nach dem Bochum-Spiel dabei. Nachdem dieser Marsch nicht auf der abgesprochenen Route blieb, kam es dort zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit der Polizei. Die Beamten hatten den Fans den Weg auf die bereits für den Verkehr wieder freigegebene Mercedesstraße verwehrt.

"Wir haben gesehen: Vorne geht es ab, und dann sind die Polizisten auch hinten drauf gegangen. Einer wurde am Hinterkopf getroffen. Der wusste gar nicht, was passiert ist. Wir haben ihm dann erzählt: Das war ein berittener Polizist, der ihm von oben mit dem Schlagstock eine mitgegeben hat. Die Stimmung war sehr hitzig. Wir haben versucht, in alle Richtungen davon zu kommen."

Die Stuttgarter Polizei weist die Vorwürfe nach dem Bochum-Spiel von sich und wirft ihrerseits den Fans vor, gewalttätig geworden zu sein. Videoaufnahmen sollen dies belegen, gegen die Täter sollen zeitnah Strafverfahren eingeleitet werden.

"Die Aggression, die uns nach dem Bochum-Spiel entgegengeschlagen ist, war sehr überraschend. Die funktionale Integrität des Staates wurde nicht nur in Frage gestellt, sondern sie wurde angegriffen. (…) Das hatten wir in der Form in Stuttgart noch nicht, dass die Gewalt sich ausschließlich gegen die Polizei richtet und nicht gegen gegnerische Fans. Nach dem Bochum-Spiel war die Polizei das Ziel von Gewalt, und das darf nie passieren.“

Wer provoziert wen?

Übertreibt die Polizei? Überziehen die Ultras? Wie so oft liegt die Wahrheit wohl dazwischen. Natürlich, wer eine Straftat begeht, muss zur Rechenschaft gezogen werden. Gewalt ist mit nichts zurechtfertigen. Das gilt aber für alle Seiten. Fakt ist: Viele Ultras fühlen sich von der Polizei durch übertriebene Maßnahmen gegängelt. Die Kluft zwischen Ordnungshütern und organisierten Fanszenen scheint immer größer zu werden.

Umstritten sind auch die Mittel der Polizei, die bei den Stuttgarter Kickers bisher nicht eingesetzt wurden. Ausgerechnet beim DFB-Pokalspiel gegen Frankfurt, für viele Kickersfans das Highlight des Jahres, wurden Betretungsverbote ausgesprochen. Das heißt, zahlreiche Anhänger durften nicht in die Nähe des Stadions und verpassten somit das Spiel.

Die Zündschnur wird kürzer

Daniel Metz, Sozialarbeiter vom Kickers-Fanprojekt, sieht solche Betretungsverbote kritisch. Sie verfehlten eine pädagogische Wirkung. "Im Unterschied zu reinen Stradionverboten wird bei den Betretungsverboten der Mensch nicht in den Blick genommen." D.h. es wird nicht mit den Fanvertretungen und Vereinen gesprochen, die ihre "Problemfälle" ganz gut kennen. So entsteht Frust bei denjenigen, die unschuldig von ihrem sportlichen Höhepunkt ausgeschlossen wurden. Dies sei kontraproduktiv, behauptet Metz.

Die Lage in Stuttgart ist angespannt und befindet sich an einem kritischen Punkt. Das spürt man bei den Gesprächen mit der Polizei, aber auch mit den Fans. Das Stuttgarter Fanprojekt e.V. versucht, hier zu vermitteln und mit allen Seiten im Gespräch zu bleiben.

"Man spürt eine gewisse Spannung zwischen Fans und Polizei. Die ist greifbar. Ich habe manchmal das Gefühl, dass beide Seiten eine kürzere Zündschnur haben. Das nehme ich auch in der Gesellschaft wahr: Alle sind schneller oben raus. Das ist seit Corona so."

"Äußerst sensibel vorgehen"

Mit seiner Beobachtung, dass die Zündschnur kürzer geworden ist, ist Daniel Metz nicht allein. Polizei und Fans stimmen ihm beide zu. Gleichzeitig machen sich gegenseitig den Vorwurf, für die gewalttätigen Auseinandersetzungen verantwortlich zu sein. Wer hat Recht? "Beide", sagt Harald Lange, Fanforscher an der Universität Würzburg.

"Beide Gruppen haben für sich gesehen Recht. Gewaltvorkommnisse im Fußball haben in der Regel ein gemeinsames Merkmal: Bestimmte Situationen schaukeln sich als solche hoch. Als Polizei muss man deshalb äußerst sensibel vorgehen."

Situation nicht besorgniserregend

Natürlich, so Lange, müssten gewalttätige Fußballfans für ihr Verhalten bestraft werden. Andererseits muss die Polizei sehr genau darauf achten, Unbeteiligte nicht mitzubestrafen. Bei Pfefferspray-Einsätzen passiere dies aber häufig.

"Man muss in zwei Richtungen vorgehen. Man muss diejenigen, die Gewalttaten begangen haben, zur Rechenschaft ziehen. Gleichzeitig muss man vorsichtig sein, wie man im Feld agiert, um die Stimmung nicht gegen sich, sprich gegen die Polizei, aufzubringen. Denn das wäre das Allerschlimmste."

Fanforscher Lange stuft die Situation in Stuttgart allerdings nicht als besorgniserregend ein, auch wenn er in der Nach-Coronazeit mehr Emotionalität wahrnimmt. Die Polizei geht ebenfalls davon aus, dass sich die Lage entspannen wird. Dennoch bereitet sich sich auf alle möglichen Szenarien vor, so Polizei-Vizepräsident Carsten Höfler.

Auch Sozialarbeiter Metz vom Kickers-Fanprojekt ist optimistisch. Er glaubt nicht, dass die Fans in Stuttgart gewaltbereiter geworden sind. Die Anhänger der Ultras, mit denen wir gesprochen haben, sind ebenfalls nicht an einer weiteren Eskalation interessiert. Die meisten sagen, sie hielten nichts von Gewalt. Sie wollen lieber mit tollen Choreographien und lautstarken Gesängen ihre Mannschaft unterstützen.

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Martin Thiel

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