Der VfB Stuttgart im Trainingslager in Marbella (Foto: IMAGO, IMAGO / Kirchner-Media)

Fußball | Bundesliga

Teamcheck: Weckt Bruno Labbadia den zu stillen VfB Stuttgart auf?

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Michael Bollenbacher

Mit neuem Trainer und neuem Sportdirektor will der VfB Stuttgart den dritten Abstieg seit 2016 verhindern. Die Tabellensituation macht Sorgen, Coach Bruno Labbadia ist die Mannschaft zu ruhig.

So lief es vor der Winterpause:

Tabula rasa beim Verein für Bewegungsspiele. Nach historischem Fehlstart und neun Liga-Spielen ohne Sieg musste Aufstiegs-Trainer Pellegrino Matarazzo am 10. Oktober seinen Hut nehmen. Auch Sven Mislintat ist in Stuttgart Geschichte, die neuen Lenker in Cannstatt heißen Bruno Labbadia und Fabian Wohlgemuth. Der alte Bekannte auf der Trainerbank und der neue Sportdirektor, der aus Paderborn an den Neckar wechselte, sollen den Traditionsklub im Tandem zum großen Ziel Klassenerhalt führen.

Der von vielen Fans als wichtig angesehene Weg der Kontinuität wurde also verlassen, "der Erfolg steht über allem!", machte Vorstandsboss Alexander Wehrle unlängst im Trainingslager in Marbella klar. Dass der sichere Klassenerhalt einer Mammutaufgabe gleichkommt, wissen sie alle in Stuttgart. Platz 16 nach 15 Spielen und nur 14 Punkte auf dem Konto ist die bescheidene Bilanz vor der WM-Winterpause. Zum selben Zeitpunkt der Vorsaison hatte Stuttgart sogar drei Zähler mehr auf dem Konto. Immerhin: Interimstrainer Michael Wimmer konnte den VfB vor der WM-Pause zu drei Liga-Siegen führen, letztlich aber nicht genügend Argumente für seine Weiterbeschäftigung sammeln, da das Team auswärts nicht punktete.

Stattdessen vertraut der Traditionsklub der großen Erfahrung eines Bruno Labbadia, der deutlich macht, welcher Fußball für die derzeitige Situation der angemessene sei. "Ich will begeisternden Fußball spielen, definitiv. Das ist das, was mich total antreibt. Fußball mit Freude, Leidenschaft. Nur, dafür braucht man Zeit, und momentan wäre es das Falscheste, zu weit zu denken. Jetzt ist nur der Fokus: Wie bleiben wir in der Liga?"

Wer kommt, wer geht?

Bislang wurde von den Schwaben keine Winter-Verpflichtung bekanntgegeben, doch Bruno Labbadia ließ im Trainingslager in Marbella durchblicken, dass ihm seine Mannschaft zu leise sei. "Wir haben eine sehr ruhige Mannschaft, kaum einer der spricht; das heißt, ich will sie sehr, sehr animieren, dass sie auch aus sich herausgehen und Dinge umsetzen, die wir ihnen vorgeben. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, eine gewisse Ruhe auszustrahlen", sagt der 56-Jährige. Der Wunsch nach Spielertypen, die mehr Lautstärke mitbringen, ist also da.

Zudem soll Kapitän Wataru Endo im Mittelfeld entlastet werden. Dass es dafür nicht unbedingt "Junge Wilde" braucht, machte Vorstandsboss Wehrle deutlich: "Es geht gar nicht so darum, ob eigene Jugend oder von außen: Der Spieler muss gut sein." Der Name Joshua Guilavogui, erfahrene Mittelfeldkraft und Ex-Spieler unter Labbadia beim VfL Wolfsburg, kursierte zwar in den Medien, doch ein Transfer scheint fraglich.

Perspektivisch ist nach Informationen von SWR Sport die Verpflichtung des serbischen Top-Talents Jovan Milosevic für den Sommer fix. Doch für den Moment ist die Personalsituation vertrackt: Dan-Axel Zagadou verletzte sich im Trainingslager in Marbella, womit Labbadia ein Schlüsselspieler wegfällt. Zudem konnten einige Stammspieler im Trainingslager noch nicht wirklich mittrainieren. Die immer wieder als potenzielle Wintertransfers gehandelten Dinos Mavropanos und Borna Sosa könnten angesichts des Zagadou-Ausfalls quasi zum Bleiben gezwungen werden, sollte Sportdirektor Wohlgemuth nicht noch ein attraktives Angebot auf den Schreibtisch flattern, das die klamme Stuttgarter Vereinskasse beträchlich füllen würde.

Der Trainer: Rückkehrer Bruno Labbadia

Fast zehn Jahre nach seinem ersten Engagement, das von Dezember 2010 bis August 2013 dauerte, ist Bruno Labbadia zurück beim VfB Stuttgart. Zwischendurch trainierte der 56-Jährige den Hamburger SV, den VfL Wolfsburg und zuletzt Hertha BSC.

Der von vielen Fans als notwendig angesehene Weg der Kontinuität wurde verlassen, einige Anhänger äußerten vor allem in den sozialen Netzwerken ihren Unmut über die Labbadia-Verpflichtung. Sie sehen darin einen Rückfall in alte Zeiten, zu viele Retro-Vibes und damit auch eine Abkehr des eingeschlagenen Weges. Der Weg des "jungen" VfB Stuttgart, der mit Matarazzo und Mislintat für viele Anhänger auch extrem lässig daherkam.

Labbadia bringt nicht nur Erfahrung und Expertise mit, sondern auch die nötige Gier. "Das Entscheidende ist, dass man dieses Feuer in sich hat und diese Lust auf diesen Job: Denn der ist natürlich intensiv." Dass dem Sohn von italienischen Gastarbeitern, der mit acht Geschwistern aufwuchs, Arbeitsethos sozusagen in die Wiege gelegt wurde, macht er in diesen Tagen deutlich.

Frühe, intensive Einheiten, dazu der als harte Hund bekannte Co-Trainer Bernhard Trares: im Verbund will Labbadia das Bundesligateam mit den drittschlechtesten Laufwerten schleifen. Dass neben dem Ziel Laufsstärke die nötige Lautstärke zumindest von Trainerseite aus schon da ist, wurde in den Trainingseinheiten in Spanien deutlich.

Erwartungen an die Saison: Der (frühe) Klassenerhalt steht über allem!

Nicht nur der Ton soll ein anderer werden beim VfB Stuttgart, auch die Dramaturgie soll - wenn möglich - nicht so verlaufen wie in der vergangenen Saison, als die Rettung erst am letzten Spieltag gelang. Der Last-Minute-Klassenerhalt durch das Tor von Kapitän Wataru Endo in der vierten Minute der Nachspielzeit gegen Köln hat in der Stuttgarter Vereinschronik zwar schon heute Kultstatus, auf solche Art von Nervenkitzel möchten sie in Cannstatt in dieser Saison liebend gerne verzichten.

Dazu ist eine Leistungssteigerung notwendig, am besten schon am 21. Januar gegen Mainz 05 (15:30 Uhr). Zu sehen war diese Steigerung im Ansatz beim 3:0-Testspielsieg gegen den FC Sion, nachdem der VfB sein erstes Spiel unter Labbadia noch 0:3 gegen Luzern verloren hatte. Die Klarheit im letzten Drittel machte der 56-jährige Trainer noch als Mangel aus, die Zielstrebigkeit gilt es zu verbessern. Hoffnung macht den Schwaben dabei der noch von Mislintat verpflichtete Serhou Guirassy, der nicht nur gegen Sion traf, sondern in seinen zehn Ligaspielen vor der WM-Pause vier Tore erzielte. Außerdem ist die Vertragsverlängerung von Offensivmann Silas ein wichtiges Signal für Klub und Fans.

Den Grundstein für die Formsteigerung haben Labbadia und sein Trainerteam in Marbella gelegt. Dass offenbar an der ein- oder anderen Stellschraube im Kader noch gedreht werden muss, ist den Verantwortlichen um den neuen Sportdirektor Wohlgemuth bewusst. Der an seiner Seite arbeitende Ex-Profi Christian Gentner sieht sich als Leiter des Lizenzspielerbereichs dabei erst mal in einer "beobachtenden, zuhörenden Rolle".

Gelingt es den neuen Köpfen beim VfB, die Mannschaft zu beleben und weiterzuentwickeln, könnte Labbadias Team Konkurrenten wie Hertha BSC, Augsburg, Bochum & Co. hinter sich lassen. Dazu braucht es einen guten Re-Start und einen gewissen Flow, in den der VfB Stuttgart vor der WM-Pause nie gekommen ist. Dann ist der viel beschworene, frühe Klassenerhalt möglich.

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