Enttäuschte Spieler des VfB Stuttgart (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Fußball | Bundesliga

Der VfB Stuttgart in der Ergebniskrise - muss sich der Aufsteiger Sorgen machen?

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Der VfB Stuttgart hat als Aufsteiger über weite Teile der Saison mit temporeichem Offensivfußball überrascht und überzeugt - und das mit der jüngsten Mannschaft der Liga. Doch jetzt haben die "neuen Jungen Wilden" ihren ersten echten Durchhänger. Wohin führt der Weg der Schwaben?

Es war der 12. Dezember des letzten Jahres, als der VfB Stuttgart in aller Munde war. Der Aufsteiger überrollte mit seinen Youngstern um Silas Wamangituka (21 Jahre), Mateo Klimowicz (20), Tanguy Coulibaly (19) oder Orel Mangala (22) Borussia Dortmund auswärts mit 5:1. Ein Erdrutschsieg, der ein Erdbeben zur Folge hatte: Trainer Lucien Favre musste im Anschluss beim BVB gehen. Bei den Schwaben herrschte indes verständlicherweise riesige Euphorie.

Das ist gerade mal etwas mehr als sechs Wochen her - und doch erscheint die damalige Hochstimmung weit weg. Denn seitdem gelang dem VfB in sieben Spielen nur noch ein Sieg, dazu kommt das Zerwürfnis unter den Klub-Bossen. Ist Stuttgart damit in der grauen Realität angekommen? Noch liegen die Schwaben auf Platz zehn, aber der Trend spricht aktuell gegen den Aufsteiger. Doch was sind die Gründe dafür?

Die Unerfahrenheit der jungen Mannschaft

Fakt ist: Der VfB spielte in den letzten Wochen gar nicht groß anders als zuvor. In Freiburg hatte die Mannschaft von Trainer Pellegrino Matarazzo 25:10 Torschüsse, 60 Prozent Ballbesitz, eine deutlich bessere Passquote und auch eine Zweikampfbilanz von 56 Prozent. Doch ausschlaggebend ist im Fußball die Anzahl der Tore - und da erzielte der SC zwei, Stuttgart nur eines. Dementsprechend fiel das Fazit von Matarazzo aus: "Wir haben insgesamt ein ordentliches Spiel gemacht. Wenn man am Ende die Torschussstatistik und den Spielverlauf sieht, dann wäre mindestens ein Punkt drin gewesen."

Ähnlich war es eine Woche zuvor gegen Borussia Mönchengladbach (2:2). Gegen ein Top-Team, das im Champions-League-Achtelfinale steht, waren es 19:8 Torschüsse, 60 Prozent Ballbesitz, 59 Prozent Zweikampfquote zugunsten der Stuttgarter. Dass der VfB sich nicht belohnt, ist der mangelnden Abgeklärtheit der jungen Mannschaft geschuldet. Es gab Spiele, als die Mannschaft sich im Flow befand und fast alles klappte - auch in Sachen Torabschluss. Das ist momentan nicht so, was aber elementarer Teil des Lernprozesses ist.

Das Spielglück: Innenfposten und raus

Mit der mangelnden Abgeklärtheit einher geht das Spielglück. Das war den "neuen Jungen Wilden in dieser Spielzeit" schon mehrfach hold, aktuell läuft es aber oft gegen das Matarazzo-Team. So wie gegen Freiburg, als der VfB erst einen Elfmeter verschoss, dann beste Chancen ausließ und zu allem Überfluss in der Schlussphase noch zwei mal den Pfosten traf. SC-Trainer Christian Streich gab nach der Partie zu: "Wir hatten in diesem Spiel so viel Glück, wie in der ganzen Saison noch nicht." Ganze zwölf Pfosten- und Lattentreffer weist der VfB in dieser Saison bereits auf - mit Abstand der Höchstwert. Mainz 05 folgt in dieser Kategorie mit acht Aluminiumtreffern auf Rang zwei.

Ein paar Tage zuvor in Bielefeld (0:3) war es ähnlich, als Stuttgart bis zum 0:1-Rückstand die bessere Mannschaft war und danach auf den Ausgleich drückte, ehe ein unglückliches Eigentor von Marc Oliver Kempf die Vorentscheidung zum 0:2 bedeutete. In der aktuellen Phase ist es der Mannschaft anzumerken, dass sie das Glück oft erzwingen will. Ein Paradebeispiel dafür ist Stürmer Nicolas Gonzalez, der manchmal mit dem Kopf durch die Wand will. Was dann natürlich meist schiefgeht. Die notwendige Lockerheit, die bei allem Einsatz auch dazugehört, ist aktuell nicht immer und nicht bei allen Spielern erkennbar.

Einen wichtigen Einfluss auf die Spielverläufe nimmt auch die Tatsache, ob der VfB das erste Tor erzielt - oder der Gegner. Denn wenn Stuttgart das Spielglück hat, vorne liegt, nach Ballgewinnen umschalten kann und Platz hat, dann brennt es durch blitzschnelle Spieler wie Wamangituka, Gonzalez oder Coulibaly meist kurze Zeit später im gegnerischen Strafraum. Liegt der Aufsteiger indes hinten, tut er sich oft schwer, gegen einen tiefstehenden Gegner zum Erfolg zu kommen. Doch hier ist eine Weiterentwicklung zu Zweitligazeiten deutlich zu sehen, als der VfB etwa gegen Kiel oder Wehen Wiesbaden nicht in der Lage war, nach Rückstand das Spiel zu drehen. In dieser Spielzeit indes kam die Mannschaft bereits mehrfach zurück.

Die Abwehr - kein gehobenes Bundesliganiveau

Vielleicht am deutlichsten Luft nach oben haben die Schwaben in der Defensivarbeit. 29 Gegentore in 18 Spielen - damit befinden sie sich im unteren Bundesliga-Drittel. Rechtsverteidiger Pascal Stenzel stößt immer wieder mal an seine Grenzen und ist ansonsten eher ein solider Arbeiter. Die beiden Innenverteidiger Marc Oliver Kempf und Waldemar Anton zeigen Licht und Schatten, während Borna Sosa auf der linken Seite mit seinen Flankenläufen begeistert, in der Defensive aber noch ab und an zu sorglos agiert. Aber auch hier darf man den Protagonisten weitere Entwicklungssprünge zutrauen - insbesondere Sosa, auf den bereits einige Topklubs ein Auge geworfen haben sollen.

Wie aussagekräftig ist also dieser Trend mit nur einem Sieg aus sieben Bundesligaspielen? Fakt ist: Noch ist das Polster auf den 1. FC Köln auf dem Relegationsrang 16 mit sieben Punkten komfortabel. Es ist nichts passiert, das Team befindet sich als Zehnter weitab vom Abstiegskampf. Und die Leistungen geben keinen Grund zur Sorge, der VfB agiert meist auf Augenhöhe. Das spielerische Potenzial ist vorhanden, Luft nach oben bei jedem Einzelnen aber auch.

Gegen Mainz ist der VfB gefordert

Und mal ehrlich: 22 Punkte nach 18 Spielen - das hätte vor der Saison von VfB-Seite aus wohl jeder unterschrieben. Es ist illusorisch zu erwarten, dass ein Aufsteiger - zumal eine so junge Mannschaft - ohne Durststrecke durch eine Saison kommt. Um erst gar keine Unruhe aufkommen zu lassen, sollte nun auch der erste Heimsieg folgen. Gegen den Tabellenvorletzten 1. FSV Mainz 05 (Freitag, 20:30 Uhr) sind die Schwaben gefordert - und in der Favoritenrolle. Man darf gespannt sein, wie die junge Mannschaft diese diesmal annimmt.

Denn neben aller Entwicklung müssen Punkte her, ganz klar. Gerade aufgrund der aktuellen Durststrecke. Das weiß auch VfB Sportdirektor Sven Mislintat: "Ich bin stolz darauf, in welche Richtung es geht. Wenn wir so weitermachen, werden auch die Ergebnisse wieder in die richtige Richtung, zu unseren Gunsten, ausfallen." Was jetzt zu beweisen wäre!

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