Seite an Seite: VfB-Sportdirektor Sven Mislintat und VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo. (Foto: imago images, IMAGO / Sportfoto Rudel)

VfB Stuttgart | Meinung

Gefährliche Romantik im Dampfkochtopf des VfB Stuttgart

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Der VfB Stuttgart erfindet sich gerade neu: Sportdirektor Mislintat und Trainer Matarazzo wollen dem Club auch im Abstiegsfall die Treue halten. Ein erfrischendes Bekenntnis, das man so beim VfB bisher nicht kannte. Und doch ist der neue Weg gefährlich, meint SWR-Sportredakteur Michael Bollenbacher.

Für langjährige Anhänger des schwäbischen Bundesligisten VfB Stuttgart dürfte die aktuelle Lage durchaus verwirrenden Charakter besitzen: Einerseits treibt es ihnen angesichts des Negativtrends vermutlich mal wieder die Tränen der Verzweiflung in die Augen - gleichzeitig dürften sie sich selbige verwundert reiben.

Denn die letzten Jahre, samt der Abstiege 2016 und 2019, glich die Lage beim Verein für Bewegungsspiele oft einem Dampfkochtopf. Kaum war mal ein bisschen Druck drauf, wurde der Deckel gelupft, die angestaute Luft direkt abgelassen. Das Ventil im Kessel: meistens der Trainer.

Wer in der Landeshauptstadt nach neuen Besen suchte, er fand sie verlässlich beim Deutschen Meister von 2007. Ob Luhukay, Zorniger, Schneider, Wolf, Walter, Weinzierl und Co., sie alle kennen spätestens seit ihrer Entlassung das schwäbische Sprichwort: "Kehrwoch' isch emmer".

Neue Treue - erfrischend oder gefährlich?

Und jetzt? Alles anders! Ruhe im Kessel, obwohl dieser momentan mal wieder gefährlich überzukochen droht. Doch statt überschüssigen Druck rauszulassen, sind die Verantwortlichen, insbesondere Sven Mislintat, um größtmögliche Beschwichtigungen bemüht. "Rino", also VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo, sei im "worst case" in der 2. Liga dabei - genau wie er selbst. Ungewohnte Worte, untypisch, aber auch gut? Auf jeden Fall finde ich den neuen Weg, den man gehen will, erfrischend für diesen Club nach all den Jahren mit fehlender Konstanz.

Und doch zischt und kocht es im Dampfkessel wie nie zuvor seit Pellegrino Matarazzo am 30. Dezember 2019 auf seinem Stuttgarter Trainerstuhl Platz genommen hat. Sechs Spiele sieglos und eine Ausbeute von 18 Punkten nach 21 Spielen wurde nur in der Abstiegssaison 2018/2019 (15 Punkte) unterboten.

Matarazzo verliert seinen Optimismus nicht

Und dennoch gibt sich Matarazzo, trotz erneutem Corona- und Verletzungspech vor dem schweren Auswärtsspiel in Leverkusen, weiter optimistisch, bekennt sich klar zum neuen Stuttgarter Weg. "Ich will diese Aufgabe erfolgreich gestalten, egal, wie lange es dauert". Die 2. Liga möchte er wegen der Negativ-Wirkung zwar nicht in den Mund nehmen, aber man solle als Journalist doch bitte zwischen den Zeilen lesen. "Ich renn' nicht weg, ich bin da, ich bin VfB-Trainer". Heißt: Ja, auch in der 2. Liga wäre ich von meiner Seite aus weiter an Bord!

Hand in Hand in Richtung Abgrund?

Während das Szenario dritter Abstieg in sechs Jahren mit jeder Niederlage bedrohlicher auf den VfB zurollt, gibt Sportdirektor Mislintat also seelenruhig den schwäbischen Buddha. Die Philosophie der Gelassenheit ist der neue Weg. Das klingt romantisch, aber auch gefährlich und für mich auch irgendwie komisch: Mislintat spricht nicht nur dem Trainer, sondern auch sich selbst eine Jobgarantie aus. Eine Aufgabe, wofür in einem Fußballverein eigentlich andere zuständig sind.

Es leuchtet ein, dass nur durch Kontinuität Identifikation entstehen kann. Das, was man beim VfB seit dem Meistertitel 2007 oft so vergeblich suchen musste. Aber Kontinuität um jeden Preis? Auch bei weiteren Niederlagen? Übertrieben gesagt: Hand in Hand im Sonnenuntergang Richtung Abgrund? Das klingt mir doch wie ein zu romantisches Versprechen im sonst so schnelllebigen Fußball-Business.

Was halten die Spieler davon, dass öffentlich schon von der 2. Liga gesprochen wird? Von Versprechen und Treue-Bekenntnissen? Vom riskanten und scheinbar unumstößlichen Weg "Jung, wild 2.0"? Mit der Verpflichtung des erst 19-jährigen Stürmers Tiago Tomas hat Sven Mislintat diesen mal wieder deutlich unterstrichen. Was, wenn Ergebnisse weiter ausbleiben, wenn Ansprachen des Trainers auf dem Platz nicht fruchten sollten - und das Team doch weiß: Personell ändert sich nichts?

Der Druck sollte im Kessel bleiben

Ja, auch das gilt es zu betonen: Beim VfB war das Saisonziel von Beginn an klar und unmissverständlich der Klassenerhalt. Und dennoch ist inzwischen mächtig Druck drauf. Was hält der kommende Boss Alexander Wehrle, der im Frühjahr in Stuttgart aufschlagen soll, vom eingeschlagenen Weg?

Fragen über Fragen. Viele der Antworten kann die Mannschaft auf dem Platz geben. Aus Sicht von langjährigen VfB-Anhängern, die sich diese Konstanz wünschen, kann man nur eines hoffen: Dass nicht irgendwann doch der Deckel wegfliegt, oder besser noch: Dass der Druck am besten komplett im Kessel bleibt - und der VfB Stuttgart in der Bundesliga.

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