Thomas Berthold (Foto: Imago, Hartenfelser)

Fußball | 2. Bundesliga Thomas Berthold will dem VfB wieder eine Identität verpassen

Thomas Berthold hat nach dem Rücktritt von Präsident Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart seine Ambitionen untermauert, beim Zweitligisten den nun ebenfalls vakanten Posten des Aufsichtsratschefs zu besetzen. SWR-Sport hat mit dem Weltmeister von 1990 darüber gesprochen.

"Es gibt einen Plan und ich komme nicht alleine. Es geht nur als Team. Einzelkämpfer können nichts bewirken im Fußball."

Thomas Berthold auf die Frage, ob er einen Plan hat, wie er dem VfB helfen kann.

SWR Sport: Wenn Sie so die letzten Jahre anschauen und auch die aktuelle Entwicklung: Würden Sie sagen der VfB ist zu einem Chaos-Klub mutiert?

Thomas Berthold: Sie müssen mal schauen, dass die Halbwertszeit der Trainer in den letzten Jahren bei 7,5 Monaten liegt. Dann kamen auch etliche Sportdirektoren - die gingen auch wieder. Es gab auch einen neuen Präsidenten. Von daher ist es ja nie gelungen, bei den Verantwortlichen mal eine gewissen Kontinuität rein zu bringen. Spielideen wurden laufend gewechselt und das ist, glaube, ich das Hauptproblem. Sie müssen schon eine breite Kompetenz in den obersten Entscheidungsgremien haben, damit man mal eine Spielkultur und Spielphilosophie definiert. Der eine will vertikal spielen, der andere will Flügelspiel machen. Da haben sie ja laufend ein Durcheinander, da kann ja auch nichts entstehen.

Dauer

Jetzt war von ihnen auch vor wenigen Tagen zu hören, dass sie sich vorstellen können und auch anstreben, beim VfB Stuttgart das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden zu übernehmen. Wie kam denn die Idee zustande?

Ich bin vor acht Wochen schon mal angesprochen worden und ich weiß nicht, ob Sie das Interview in Sport1 verfolgt haben. Aber das Kommittment steht. Jetzt gibt es ja bei dem Klub einige Vakanzen. Die Gremien müssen aufgefüllt werden und sie brauchen auch einen neuen Präsidenten und einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Aber ich glaube, das Hauptthema ist erstmal, das man in Dialog kommt und dass man miteinander spricht, um da einfach die große Linie festzulegen.

Wenn ich Sie richtig einschätze aus der Ferne, dann glaube ich, dass Sie einen Plan haben und vielleicht auch unter Umständen nicht alleine kommen?

Ja, das ist vollkommen richtig. Es gibt einen Plan und ich komme auch nicht alleine. Aber was ich vermeiden möchte ist, dass wir in der Phase über Namen spekulieren. Aber Sie können davon ausgehen, dass wir uns als Team sehen und ich auch der Meinung bin, dass es nur als Team geht. Diese Einzelkämpfer können nichts bewirken im Fußball. Das zeigen auch die sehr erfolgreichen Vereine in Europa, die gut aufgestellt sind. Das beste Beispiel für mich ist Ajax Amsterdam.

Der Aufsichtsrat ist in der Regel ein Kontrollorgan und schaut auf die Finanzen und auch auf große Transfers, die vielleicht getätigt werden sollen, und hat da auch ein Vetorecht. In wie weit braucht so ein Gremium auch Fußball-Kompetenz?

Ein Fußballverein verkauft ja die Ware Fußball. Von daher geht's um die große Linie. Und wenn man eine große Linie vorgeben möchte, da muss man in der Debatte in so einem Gremium Leute haben, die vom Fach kommen. Es bringt nichts, wenn Wirtschaftsführer debattieren und von der Sache, von der Materie wenig Ahnung haben. Das sieht man bei Ajax Amsterdam: Da sitzen eben Leute im Aufsichtsrat, die die Fußball-Linie vorgeben und sich dazu die passenden Leute raussuchen, die dann im operativen Geschäft wirken.

"Es geht ja auch darum, die Fehlerquoten zu reduzieren und vor allem dem Verein wieder eine Identität zu geben."

Thomas Berthold

Im Normalfall ist ein Sportdirektor an vordersten Front - auch im Zusammenspiel mit den diversen Gremien und natürlich mit dem Trainer - die unmittelbare Sportkompetenz. Die würde Ihnen nicht reichen?

Nein, glaube ich nicht. Das hat ja auch die Vergangenheit gezeigt. Einfach drauf zu hoffen dass man einen guten Sportdirektor oder guten Trainer hat, da istmir einfach die Risikoverteilung nicht ausbalanciert. Von daher glaub ich schon, dass Fachleute in der Diskussion mit Sportvorstand und Sportdirektor die wichtigen Entscheidungen auch gemeinsam treffen sollten. Es geht ja auch darum, die Fehlerquoten zu reduzieren und vor allem dem Verein wieder eine Identität zu geben. Zu meiner Zeit hatte der VfB auch eine gute Nachwuchsarbeit. Und ich glaube, in der heutigen Zeit spielt eine Identifikation mit dem Klub, die richtige Mentalität, eine ganz ganz große Rolle. Und ich glaube, wenn man junge Leute ranführt, die entwickeln dann eine andere Verbindung zum Klub als wenn man ständig auf dem Transfermarkt dieses ganze Spiel mitspielt. Von daher habe ich da eine feste Überzeugung und meine Mitstreiter übrigens auch.

Apropos Mitstreiter. So ein Mann mit Visionen und einer Strategie ist auch Jürgen Klinsmann. Sein Name wabert hier seit einiger Zeit durch die Lande. Unter Umständen auf der Position des Vorstandsvorsitzenden - Thomas Berthold dann Aufsichtsrat. Ist das eine Personalie mit der Sie einverstanden wären? Und mit dem Sie auch könnten?

Ich mag ja meinungsstarke Menschen, aber ich hatte ihnen schon am Anfang unseres Gesprächs schon gesagt, ich führe hier keine Personaldiskussion mit Ihnen und möchte auch keine Namen mit ihnen diskutieren. Man sollte vorher mit allen Gremien reden, damit man alle einweiht. Wenn man über die Medien anfängt, Namen zu diskutieren, hat das meistens den Nachteil, dass man sich schnell verbrennt.

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