Tim Walter ist nicht mehr Trainer beim VfB Stuttgart. (Foto: Imago, imago)

Fußball | 2. Bundesliga Drei Fragen, drei Antworten zur Entlassung von Tim Walter mit Tom Bartels

Fußball-Zweitligist VfB Stuttgart hat sich von seinem Trainer Tim Walter getrennt. Eine absehbare Entscheidung? Drei Fragen und drei Antworten mit SWR-Sportreporter Tom Bartels.

SWR Sport: Kurz nach 18:00 Uhr kam die Pressemitteilung vom VfB mit zwei langen Zitaten von Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat, dass man nach langen intensiven Gesprächen unterschiedliche Vorstellungen habe von Kaderzusammenstellung und sportlicher Ziele und dass man natürlich diesen Schritt bedauere. Tom Bartels, war die Trennung von Tim Walter richtig oder hätte man Tim Walter weiter als Trainer behalten sollen?

Tom Bartels: Sagen wir mal so, mich hat das jetzt nicht mehr sonderlich überrascht. Wenn ich zwei Tage brauche, bis ich zu einer Entscheidung komme, dann wäre es für den Trainer natürlich sehr schwer geworden, am 6. Januar wieder die Arbeit aufzunehmen, denn, wenn ich Vertrauen habe in einen Trainer, dann hab ich das direkt nach dem Spiel und teile es ihm direkt mit. Zwei Tage analysieren und dann sagen, er ist immer noch der Richtige, das war uns dann wahrscheinlich - umso länger das dauerte - allen klar, dass es nicht weitergeht. Ich bin trotzdem überrascht von der Entscheidung. Ich denke, es hätte auch sehr viele Argumente gegeben mit Tim Walter weiterzumachen. Zumal, und das ist für mich entscheidend, aus der Mannschaft sehr wenige kritische Stimmen gekommen sind. Die meisten Spieler konnten das nachvollziehen, was er wollte. Es gab ja auch Spieler wie Stenzel, Kempf und Gomez, die sehr deutlich auch für ihn Partei bezogen haben. Und ich denke, das ist dann schon erstaunlich, dass das so nicht gehört wird und man sich trennt.

SWR Sport: Glaubst du denn, aus deiner Sicht, dass der sofortige Wiederaufstieg mit Tim Walter in Gefahr gewesen wäre?

Tom Bartels: Das ist wohl in der Analyse herausgekommen, dass er in Gefahr war. Ich würde trotzdem auf den Hamburger SV verweisen. Da hat man Hannes Wolf letztes Jahr das Vertrauen gegeben, hat dann gesagt, okay er hats nicht geschafft, wir trennen uns von ihm. Wo steht der HSV jetzt? Punktgleich mit dem VfB mit Dieter Hecking. In diesem Umfeld von Traditionsvereinen ist es unglaublich gefährlich, dass man getrieben wird von Fans, von Stimmungen. Ich denke schon, dass das ein Stück weit, neben der Niederlagenserie, die aber auch zustande gekommen ist nach großer Überlegenheit, vielen vergebenen Chancen, dass man da sehr schnell sehr nervös geworden ist. Man sollte vielleicht auch mal festhalten, mit dem Bundesligaabstieg hat Tim Walter nichts zu tun. Und viele dieser Spieler sind noch da. Ob Insua, Badstuber, Gomez, Castro, Didavi, die sind alle abgestiegen. Und wenn wir dann schauen, wen Tim Walter dazu bekommen hat, da ist Silas eine Verstärkung. Da sind natürlich auch alle im Boot, Hitzlsperger, Mislintat. Ich denke, der Verantwortung werden sie sich auch stellen. Jetzt ist es die Frage: Liegt es an Tim Walter, dass Klement, Förster weit unter den Erwartungen bleiben, was die Abschlüsse angeht? Ist die Mannschaft so gut wie sie teuer ist? Den Beweis muss das Team spätestens jetzt antreten. Sie haben Tim Walter letztlich fast im Stich gelassen, weil die Torchancenverwertung haarsträubend war und darüber ist er dann letztlich, leider Gottes, gestürzt. Aber für den, der da jetzt kommt, wird das eine Herkules-Aufgabe.

SWR Sport: Zuletzt, der Trend war nicht sein Freund…

Tom Bartels: Klar, die haben zuletzt ein Heimspiel gewonnen und zweimal auswärts unentschieden gespielt und ich habe schon die Perspektive, dass Bundesliga-Mannschaften nicht auswärts bei Zweitliga-Mannschaften, dass sie wie im Pokal, Woche für Woche gewinnen. Und 2:2 in Hannover, das kann auch Leipzig passieren. Das geht ganz schnell. Das sehen wir im Pokal Runde für Runde und das in diesem Umfeld, wenn du als Trainer angezählt bist, die Ansprüche unglaublich hoch sind "Da müssen wir jetzt mal 3:0 gewinnen", das schafft auch kein Erstligist so ohne weiteres. Und das war am Ende fast eine toxische Mischung.

SWR Sport: Profi-Fußball, ein schwieriges Umfeld. Ganz klar ist natürlich, in Bezug auf die Mannschaft ist der Trainer der unmittelbar Einwirkende. Wenn wir auf das Umfeld des VfB schauen, den Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger mit ins Boot nehmen, auch den Sportdirektor Sven Mislintat, inwieweit tragen die beiden vielleicht auch eine Mitschuld bei diesem sportlichen Negativtrend?

Tom Bartels: Ja gut, aus der Verantwortung werden sie sich sicherlich nicht stehlen können, denn sie haben diesen Trainer ausgewählt und der Trainer hat genau das gemacht, wofür er stand. Der hat seine Art Fußballzuspielen auf den VfB übertragen. Das war ja wohl gewünscht. Den Kader haben letztlich die beiden zusammengestellt. Natürlich auch mit Tim Walter. Karazor hat nicht funktioniert, der hat aber in Kiel funktioniert. Warum das beim VfB nicht hingehauen hat, ist immer schwer zu sagen. Dazu kommen Leute, die es auch gut gemacht haben, wie Klement, Förster, in der zweiten Liga. Stuttgart ist ja ein gefühlter Erstligist. Da wird natürlich verlangt, dass das Woche für Woche passiert. Letztlich ist dann so eine Trainerentlassung der Nachweis von Hitzlsperger und Mislintat zu sagen, pass auf, der Kader, den wir zusammengestellt haben, der ist richtig gut, der ist ganz ganz stark und damit musst du besser stehen. Sonst hätten sie ihn jetzt nicht entlassen. Aber ob das der Wahrheit entspricht, das darf man durchaus bezweifeln. Denn viele Spieler haben die Qualität so nicht auf den Platz gebracht. Die Chancenverwertung war sicherlich nicht erstligareif und da muss man vor allem bei den Spielern nachfragen, warum das so war und das sehe ich weniger beim Trainer, ganz ehrlich.

SWR Sport: Lass uns in die berühmte Glaskugel schauen. Du hast es schon erwähnt, am 6. Januar ist Training, da ist die Winterpause vorbei. Da geht es darum, sich vorzubereiten auf das erste Spiel im neuen Jahr gegen Heidenheim, das wird eine richtig heiße schwäbische Kiste. Irgendein Gefühl bei dir, wer diesen Traditionsverein dann Richtung Aufstieg lotsen könnte?

Tom Bartels: Ja das ist von außen, da hab ich jetzt auch keine wirklichen Einblicke. Ich hab auch den Namen Markus Anfang jetzt mehrfach gehört, der das in Kiel gut gemacht hat und letztlich auch mit Köln aufgestiegen ist. Das war jetzt aber auch kein klarer Aufstieg, das war auch relativ knapp und da gab es auch genug Widerstände und Stimmen. Das ist ja auch für Markus Anfang am Ende schwer gewesen in Köln. Der ist dann ja auch noch vor den vollzogenen Aufstieg entlassen worden aus diversen Gründen. Also, da Heidenheim das Stichwort ist, Heidenheim ist der erste Gegner für den VfB Stuttgart. Irgendwann muss der VfB Stuttgart mal dahin kommen, so etwas zu schaffen. Frank Schmidt, klar, das ist ein ruhiges Umfeld, aber der arbeitet da ein Jahrzehnt, weil er das kann, weil er gute Arbeit macht und weil er eine Mannschaft, die sich verändert hat, immer wieder in die Spur gebracht hat. Eigentlich muss man über solche Leute reden, die über Jahre nachgewiesen haben, was sie leisten können mit einem ganz anderen Finanzvolumen als der VfB Stuttgart. So einen wünsche ich mir dann irgendwann mal beim VfB. Vielleicht hätte man ja Walter die Chance geben sollen, irgendwann so eine Ära zu prägen. Da hat man sich anders entschieden aber Tatsache ist, der Verein wird nur zur Ruhe kommen und dauerhaft Erfolg haben können, wenn man die Nerven behält und den Trainer einfach mal machen lässt und nicht im Halbjahresrhythmus wechselt. Das ist schon ein Schlag und ich bin super gespannt, wie der Reaktion der Mannschaft, gegen dann - eins der Vorbilder des VfB - nämlich gegen Heidenheim. Da herrscht Ruhe und da gibt’s Konstanz aber auch nicht so ein aufgeregtes Umfeld.

REDAKTION
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