Tayfun Korkut musste beim VfB Stuttgart vorzeitig seinen Hut nehmen (Foto: Imago, Eibner)

Bundesliga | VfB Stuttgart Trainerwechsel bringen nicht mehr Punkte

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Wenn der Erfolg im Fußball ausbleibt, ist der Schuldige meist schnell gefunden: der Trainer. So wie jetzt Tayfun Korkut beim VfB Stuttgart. Aber: was bringen Trainerwechsel eigentlich?

Am 7. Spieltag dieser Bundesliga-Saison hat es den ersten Übungsleiter erwischt: Tayfun Korkut wurde nach einer Amtszeit von acht Monaten und sieben Tagen beim VfB Stuttgart entlassen.

Immer kürzere Halbwertszeit

In der vergangenen Spielzeit mussten insgesamt 10 Bundesliga-Trainer vorzeitig ihren Hut nehmen. Die Amtszeiten der Coaches werden immer kürzer. Vereinsführungen sehen sich aufgrund des medialen Drucks und der Erwartungshaltungen im Umfeld im Falle von Erfolgslosigkeit zum schnellen Handeln verpflichtet. Sportwissenschaftler Daniel Memmert erläutert im SWR-Gespräch die Gründe für diese Mechanismen.

SWR-Sport: Herr Memmert, wie sehr hat Sie die Entlassung Korkuts zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison überrascht?

Memmert: Natürlich hofft man, dass etwas mehr Geduld bei den Entscheidungsträgern da ist. Ich weiß aber, dass Sportvorstand Michael Reschke ein sehr besonnener Mensch ist, der sich die Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht hat. Wenn er der Überzeugung ist, dass er mit einem anderen Trainer bessere Ergebnisse erzielen kann, muss er - auch zu einem solch frühen Zeitpunkt - diesen Entschluss fassen.

Der VfB Stuttgart ist aktuell Schlusslicht. Wie entscheidend ist bei einer Trainerentlassung der Blick auf die Tabelle?

Diese Momentaufnahme Tabellenplatzierung kann nur ein Kriterium bei einer Trainerentlassung sein. Aber ich habe den Eindruck, dass beim VfB Stuttgart andere Faktoren eine wesentliche Rolle gespielt haben: Wie ist das Binnenverhältnis Trainer/Spieler? Nehmen die Profis die Spielphilosophie an? Hat der Trainer die Mannschaft weiterentwickelt? Die Verantwortlichen haben offensichtlich nicht mehr an den Trainer geglaubt. Es ist, wie ich finde, eine mutige Entscheidung, einen Trainer zu einem solch frühen Zeitpunkt zu entlassen.

Durchschnittliche Amtszeit: 18 Monate

Die allerdings auch viel Geld kostet. Vorgänger Hannes Wolf bekommt sein Gehalt noch bis 2019, Tayfun Korkut und sein Trainerteam werden ihr Salär noch bis 2020 überwiesen bekommen.
Tayfun Korkut war der 13. Trainer des VfB Stuttgart in den vergangenen zehn Jahren. Gibt es im Profifußball noch so etwas wie Nachhaltigkeit?


Die Halbwärtszeiten von Trainern werden tatsächlich immer kürzer. Derzeit ist die durchschnittliche Amtszeit eines Trainers 18 Monate. Das ist schwierig für Trainer. Man muss sofort performen, man muss unmittelbar Erfolg haben. Man hat kaum Zeit, sich auch als Trainer weiter zu entwickeln. Der Druck lastet auf allen Verantwortungsträgern, die Fans wollen Resultate sehen. Fußball ist ein Mediengeschäft geworden, womit viel Geld verdient wird. Entsprechend viel Druck ist im Kessel. Somit werden die Akteure auch häufiger ausgetauscht.

Sportwissenschaftler Daniel Memmert (Foto: Imago, Eibner)
Sportwissenschaftler Daniel Memmert Imago Eibner



Warum werden in anderen Sportarten die Trainer seltener gewechselt als im Fußball?

In Sportarten wie Handball oder Basketball spielt der Zufall nicht so eine bedeutende Rolle wie beim Fußball. 40 Prozent aller Tore im Fußball fallen durch Zufall. In den anderen Sportarten fallen dagegen weitaus mehr Tore bzw. werden weitaus mehr Punkte erzielt. Deshalb spielt diese Zufallskomponente dort eine geringere Rolle. Die besser besetzten Teams setzen sich fast immer gegen schwächere Mannschaften durch. Dadurch können die Fans besser abschätzen, wo ihr Team am Ende einer Saison landen wird. Es gibt in diesen Sportarten nie eine solche Diskrepanz wie im Fußball. Hier kann es - wie jetzt dem VfB Stuttgart - passieren, dass man in der Vorsaison zweitbeste Rückrundenmannschaft war und jetzt Tabellen-Schlusslicht ist. Und: Fußball-Vereine können es sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse eher leisten, einen Trainerwechsel vorzunehmen, als Klubs aus anderen Sportarten.

Trainerwechsel bringt nicht mehr Punkte

Rein statistisch betrachtet: was bringen Trainerwechsel?

Eine Studie hat gezeigt, dass - was die Punkteausbeute angeht - Trainerwechsel in der Tat wenig bringen. Auf der anderen Seite wissen wir aber auch, dass der Teamgeist enorm wichtig ist. Und dafür ist der Trainer mit seinem Team verantwortlich. Das gelingt dem einen besser als dem anderen.

In der Fußball-Bundesliga arbeiten aktuell nur vier Trainer, die länger als zwei Jahre bei ihrem Verein sind: Friedhelm Funkel (Fort. Düsseldorf/2 Jahre, 6 Monate), Julian Nagelsmann (1899 Hoffenheim/2 Jahre, 7 Monate), Pal Dardai (Hertha BSC/3 Jahre, 8 Monate) und mit weitem Vorsprung Christian Streich, der Trainer des SC Freiburg. Streich ist seit 6 Jahren und 9 Monaten im Amt. Warum geht das in Freiburg ohne Trainerwechsel?

Weil die Erwartungshaltung in Freiburg eine ganz andere ist. Die Fans wollen attraktiven Fußball sehen. Ob das dann in der 1. oder 2. Liga ist, spielt keine entscheidende Rolle. Da wird auch mal ein Abstieg verkraftet und als nicht dramatisch angesehen. Deshalb behält man den Trainer - unabhängig von der Spielklasse. Wenn eine solche Erwartungshaltung im ganzen Verein - also bei Vorstand, Spielern, Fans und Medien - vorhanden ist, dann schafft das eine entspannte Atmosphäre.


ZUR PERSON:
Daniel Memmert (47) ist Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln und lebt in Neckargmünd. Er leitet dort das Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik. Memmert besitzt Trainerlizenzen in den Sportarten Fußball, Tennis, Snowboard sowie Ski-Alpin und ist Herausgeber und Autor von Lehrbüchern zum modernen Fußballtraining.

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