Sven Mislintat gilt in Fachkreisen als "Daten-Nerd" (Foto: Imago, imago/DeFodi)

Bundesliga | VfB Stuttgart Sven Mislintat: So tickt der neue VfB-Sportdirektor

In Dortmund, wo Sven Mislintat von 2006 bis 2017 als Analyst und Scout arbeitete, nannten sie den 46-Jährigen wegen seines Blicks für Talente das "Diamantenauge". Er entdeckte Topspieler wie Shinji Kagawa, Ousmane Dembélé oder Pierre-Emerick Aubameyang.

Manchmal erzählt eine einfache Geschichte mehr über einen Menschen als die beeindruckende Vita mit einer langen Liste seiner beruflichen Erfolge. In diesem Fall spielte die Geschichte Anfang 2016: Das komplette Trainerteam von Borussia Dortmund, samt dem damaligen Chefscout Sven Mislintat, hatte intern beschlossen, den Spieler Óliver Torres von Atlético Madrid zu verpflichten. Im Interview mit der "Zeit" erinnert sich Mislintat: "Die ganze Arbeit war erledigt, Óliver kämpfte für seinen Wechsel. Dann aber wollte ihn unser Trainer (Thomas Tuchel) nicht mehr. Für mich war der 'Point of no Return' erreicht. Wenn ich mich mit einem Spieler verbinde, muss er wissen, dass ich für ihn da bin. Es ging um Glaubwürdigkeit." Das Vertrauensverhältnis zu Tuchel war zerstört, Ende 2017 verließ Mislintat Dortmund Richtung Arsenal London.

Spitzname "Diamantenauge"

Glaubwürdigkeit steht bei Mislintat offenbar ganz oben auf der persönlichen Wertetabelle. Der 46-Jährige ist ein Kind des Ruhrpotts. Er stammt aus Kamen, dort hat er ein Haus und dort leben auch seine Frau und die Kinder. Er selbst pendelt zwischen der Stadt am Autobahnkreuz, internationalen Fußballstadien und seinem jeweiligen Arbeitsort.

Als aktiver Fußballer hatte es Sven Mislintat bis in die Oberliga Westfalen geschafft, 2003 beendete der Mittelfeldspieler seine Karriere beim Lüner SV. Zuvor hatte er kurzzeitig als Co-Trainer bei Westfalia Herne gearbeitet. Mislintat befasste sich also schon früh mit dem Thema Spielanalyse. Er ist Mitbegründer einer Firma in diesem Segment und stieg 2006 bei Borussia Dortmund ein. Erst als Scout, dann als Chefscout, später als Leiter Profifußball. Die erfolgreiche Ära von BVB-Trainer Jürgen Klopp mit zwei Meistertiteln, einem Pokalsieg und der Teilnahme am Champions-League-Finale trägt auch Mislintats Handschrift. Seit dieser Zeit trägt er den Spitznamen "Diamantenauge". Seinen guten Ruf hatte er sich unter anderem durch die Empfehlung der Transfers von Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang oder Shinji Kagawa erworben. Und Mislintat achtet bei seiner Spielersuche vor allem auf die Kleinigkeiten, die in den Daten über den Spieler nicht vorkommen.

Die Suche nach dem Besonderen

"Ich suche nach dem Besonderen, einer Waffe", sagt Mislintat über seine Arbeit. Bei Julian Weigl, den er für Dortmund bei 1860 München scoutete, war es "der Blick über die Schulter", mit dem dieser "schnell mal die ganze Umgebung scannt." Bei Aubameyang faszinierte ihn das "Tempo, gepaart mit fast klinischer Präzision im Abschluss." Mislintats entscheidender Türöffner in der Branche aber war die Entdeckung Shinji Kagawas. "Wir waren zehnmal in Japan, aber eigentlich war ich nach den ersten 30 Spielminuten sicher. Den konnte keiner greifen. Mit einer Bewegung änderte er die komplette Richtung des Spiels", erzählt der 46-Jährige.

Die herausragende Trefferquote Mislintats bei seinen Talentsichtungen sprach sich auch bis in die englische Premier League herum. Im November 2017 wechselte der 46-Jährige - enttäuscht vom anfangs erwähnten Verhalten Thomas Tuchels - von Borussia Dortmund zum FC Arsenal London. Dies galt als Sensation: zum ersten Mal wurde für einen Scout beziehungsweise Kaderplaner eine Ablösesumme bezahlt, da Mislintat noch einen Vertrag bis 2021 besaß. Dortmund kassierte einen siebenstelligen Betrag.

Einer der gefragtesten Köpfe

Mislintat, der traditionelles Scouting und datengestützte Analysen gekonnt miteinander kombiniert, machte auch in London als "Head of Recruitment" einen hervorragenden Job. Durch personelle Umbesetzungen im Verein geriet allerdings die ursprüngliche Planung, Mislintat zum Technischen Direktor zu machen, ins Wanken. Anfang Februar entschied sich Mislinat daher, seine Arbeit bei den Gunners zu beenden. Seitdem ist er einer der gefragtesten Köpfe in der Fußball-Szene. Der VfB Stuttgart hat ihn nun für sich gewinnen können.

Fußball | Bundesliga Diese Talente entdeckte der neue VfB-Sportdirektor Sven Mislintat

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Der neue Sportdirektor des VfB Stuttgart Sven Mislintat hatte schon oft einen richtigen Riecher für neue Talente: Spieler-Transfers zählen nun auch in Stuttgart zu seinen Aufgaben. In seiner Zeit als BVB-Chef-Scout (2006-2017) wurden aus seinen Talenten begnadete Fußballer und Weltmeister, die wiederum ihrem Verein viel Geld in die Kassen spülten. Eine Auswahl seiner größten Entdeckungen (Marktwerte von transfermarkt.de). Imago imago/DeFodi Bild in Detailansicht öffnen
Nach der gewonnenen Fußball-EM 2016 wechselte der 22-jährige Raphaël Guerreiro vom französischen Zweitligisten FC Lorient für 12 Millionen Euro zum BVB. Nach einigen Höhen und Tiefen etablierte sich der junge Familienvater in der Mannschaft der Dortmunder. Wer ihn heute verpflichten will, müsste mindestens 20 Millionen Euro auf den Tisch legen – so hoch wird sein aktueller Marktwert angesetzt. Imago imago/Thomas Bielefeld Bild in Detailansicht öffnen
Mit 20 Jahren kam Sven Bender 2009 durch BVB-Scout Sven Mislintat aus seiner bayerischen Heimat nach NRW. Sein alter Verein, der TSV 1860 München, erhielt für ihn eine Ablösesumme von 1,5 Millionen Euro. Mittlerweile spielt Sven Bender zusammen mit seinem Bruder Lars bei Bayer 04 Leverkusen, die dem BVB 2017 eine Transfer-Summe von 12,5 Millionen abtreten mussten. Gewinn: 11 Millionen Euro. imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Im Juli 2013 zahlte Dortmund rund 27,5 Millionen Euro an den ukrainischen Meister Schachtar Donezk. Im Gegenzug kam Henrich Mchitarjan nach Dortmund und war somit die bis dato teuerste Spielerverpflichtung der BVB-Vereinsgeschichte. Nach drei Jahren zog es den Armenier weiter in Richtung Premier League. Für 42 Millionen Euro wechselte er zu Manchester United, mittlerweile spielt er bei Arsenal London. Gewinn: 14,5 Millionen Euro. Imago imago/DeFodi Bild in Detailansicht öffnen
Zur Saison 2010/2011 machte der BVB auf seiner Einkaufstour Halt beim japanischen Zweitligisten Cerezo Osaka, wo Shinji Kagawa für 350.000 Euro verpflichtet wurde. Diese doch eher ungewöhnliche Anlaufstelle entpuppte sich als weiterer Glücksgriff von Mislintat: Kagawa entwickelte sich unter Klopp zum Leistungsträger und Stammspieler. Zwei Jahre später wechselte er für 16 Millionen Euro zu Manchester United – eine Steigerung von mehr als 15 Millionen Euro. Imago imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Der deutsche Nationalspieler Julian Weigl kam im Sommer 2015 vom TSV 1860 München für rund 2,5 Millionen Euro in den Pott. Durch gute Leistungen machte er nun auch andere Clubs auf sich aufmerksam: Gerüchten zufolge soll er mit einem Wechsel zu seinem alten Coach Thomas Tuchel bei Paris St. Germain liebäugeln. Auch hier hätte der ehemalige Scout Mislintat gute Arbeit geleistet, da Weigls aktueller Marktwert auf 22 Millionen Euro geschätzt wird. imago/Thomas Bielefeld Bild in Detailansicht öffnen
Geboren wurde İlkay Gündoğan in Gelsenkirchen und spielte auch unter anderem in der Jugend des FC Schalke 04. Im Jahr 2011 lockte der BVB den jungen Deutsch-Türken für 5,5 Millionen Euro vom 1. FC Nürnberg ins Ruhrgebiet zurück. Im Sommer 2016 wechselte der deutsche Nationalspieler dann auf die Insel zu Manchester City und Coach Pep Guardiola - für 27 Millionen Euro. Gewinn: 21,5 Millionen. Imago imago/Laci Perenyi Bild in Detailansicht öffnen
Marco Reus wurde in Dortmund geboren und spielte bereits in der BVB-Jugend. Seine ersten Schritte im Profi-Fußball machte er allerdings bei Rot Weiss Ahlen und Borussia Mönchengladbach. 2012 kehrte er für eine Ablösesumme von rund 17 Millionen Euro in seine Heimatstadt zurück – heute hat der Nationalspieler einen Marktwert von 50 Millionen Euro. Imago imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Im Sommer 2013 wechselte Pierre-Emerick Aubameyang für 13 Millionen Ablöse von AS St.-Étienne zum BVB, für die er 141 Tore in 213 Pflichtspielen schoss. Sein Talent erkannten daher auch rasch die europäischen Top-Adressen des Fußballs. Im Janaur 2018 wechselte er für 63,75 Millionen Euro zum FC Arsenal in die Premier League. Gewinn: 50,75 Millionen Euro Imago imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Wer ist Robert Lewandowski? Diese heute unvorstellbare Frage stellten sich Dortmund-Fans im Sommer 2010. Damals holte Sven Mislintat den unbekannten Stürmer für knapp 5 Millionen Euro von Lech Posen zu den Schwarz-Gelben. Wie es weiterging, ist bekannt: Zur Saison 2013/14 wechselte der Pole ablösefrei zum FC Bayern München, wo sein aktueller Marktwert auf 70 Millionen Euro geschätzt wird. Imago imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Den richtigen Riecher für junge Talente bewies Sven Mislintat auch bei dem jungen US-Amerikaner Christian Pulisic. 2015 wechselte er ablösefrei von den Pennsylvania Classics in die Dortmunder U17. Seinen Traum, in der Premier League zu spielen, erfüllt sich Pulisic ab der kommenden Saison beim FC Chelsea. Der Verein musste dafür aber mit 64 Millionen Euro tief in die Tasche greifen. Der Gewinn: 64 Millionen Euro. Imago imago/DeFodi Bild in Detailansicht öffnen
Als Jugendspieler von Manchester City wechselte Jadon Sancho 2017 für 8 Millionen Euro zum BVB, wo er einen Vertrag ohne Austiegsklausel bis 2022 erhielt. Mittlerweile ist der 19-Jährige englischer Nationalspieler und wird laut Gerüchten seitdem von nahezu jedem großen europäischen Club gejagt. Sanchos aktueller Marktwert liegt bei 80 Millionen Euro – eine Ablösesumme bei einem frühzeitigen Wechsel wohl bei rund 120 Millionen Euro liegen. Imago imago/DeFodi Bild in Detailansicht öffnen
Zur Saison 2016/2017 angelte sich Dortmund das französische Top-Talent Ousmane Dembélé. Damals streikte er sich von Stade Rennes für 15 Millionen Euro zum BVB – wo es allerdings mit der Arbeitsniederlegung nicht endete: Oft fehlte er unentschuldigt im Training, womit er sich letztlich seinen Wechsel zum FC Barcelona für 120 Millionen Euro Ablöse erzwang. Die 120 Millionen Euro Ablöse könnten erfolgsbezogen noch auf 145 Millionen steigen. Gewinn: 105-130 Millionen Euro. Imago imago/DeFodi Bild in Detailansicht öffnen
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