Marc-Oliver Kempf on fire beim VfB Stuttgart (Foto: Imago, imago/kolbert-press)

Bundesliga | VfB Stuttgart Das Schock-Ritual von VfB-Verteidiger Marc Oliver Kempf

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Nach Startschwierigkeiten ist er jetzt ein Fels in der Defensive des VfB Stuttgart: Marc Oliver Kempf gibt Vollgas im Abstiegskampf. Und hat ein außergewöhnliches Ritual vor jedem Spiel.

Am Samstag wird er es wieder tun. So wie vor jedem Spiel. Wenn Marc Oliver Kempf vor der Partie gegen 1899 Hoffenheim in der Stuttgarter Arena angekommen ist und den Rasen getestet hat, wird er sein Ritual praktizieren. Der 24-Jährige wird sich in der Kabine seiner Sachen entledigen und sich einen Temperaturschock verpassen. "Ich dusche kurz vor jedem Spiel", hat er kürzlich der Bild-Zeitung verraten. "Es hilft mir, noch mal in mich zu gehen und richtig wach zu werden."

Bollwerker und Kopfball-Ungeheuer

Wer seine letzten Auftritte im Trikot des VfB Stuttgart gesehen hat, weiß: Dieser Mann ist hellwach und ein Fels in der Brandung mitten im Abstiegskampf der Schwaben. Gemeinsam mit Ozan Kabak (18) und Weltmeister Benjamin Pavard (22) bildete er am vergangenen Wochenende bei der 1:3-Niederlage in Dortmund das Stuttgarter Dreier-Abwehr-Bollwerk. Kempf war mit seinen 24 Jahren der Oldie in diesem Trio.

Hinten links hielt der Mann die Ordnung in der Defensive, vorne erzielte er auch noch den Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1. Per Kopf natürlich. Wie sonst? Alle seine vier Bundesliga-Tore (zwei für den SC Freiburg, zwei für den VfB Stuttgart) hat der gebürtige Hesse mit dem Kopf gemacht.

Holpriger Start

Im vergangenen Sommer hatte der VfB Stuttgart Marc Oliver Kempf vom SC Freiburg geholt. Ein echter Transfer-Coup. Ein deutscher U19- und U21-Europameister, jung, aber schon mit der Erfahrung von 43 Bundesliga-Spielen und obendrein noch ablösefrei - besser geht es kaum. Aber Kempfs Start in der Landeshauptstadt verlief ziemlich holprig. Erst wurde er vom damaligen Trainer Tayfun Korkut nicht berücksichtigt, dann zog er sich einen Muskelfaserriss zu. Bis zum 11. Spieltag musste der Linksfuß auf sein Pflichtspiel-Debüt für den neuen Arbeitgeber warten.

"Zweikampf-Monster"

Dann aber verlieh er beim 2:0-Sieg in Nürnberg der Wackel-Abwehr Stabilität. Und plötzlich war in den Medien vom "Zweikampf-Monster" Kempf die Rede. Weil er mit einer überragenden Zweikampf-Quote von 91 Prozent überzeugt hatte: "Das ist kein ganz so schlechter Spitzname", kommentierte er grinsend. Seit dem Nürnberg-Spiel ist Kempf aus der Startelf nicht mehr wegzudenken. Nur in Bremen ging er nicht über die volle Distanz.

Bundesliga-Debüt mit 17

Sein Bundesliga-Debüt verdankt Kempf dem VfB-Meistertrainer von 2007, Armin Veh. Veh trainierte in der Saison 2012/13 Bundesligist Eintracht Frankfurt, Kempf spielte noch bei den Junioren.

Weil es bei den Profis viele Verletzte gab, holte Veh den damals 17-Jährigen von der Schulbank ins Profigeschäft und schrieb ihm persönlich die Entschuldigung für die Fachoberschule. Am 27. November 2012 gab Kempf sein Bundesliga-Debüt (1:3 gegen Mainz 05).

"Er hinterfragt oft, manchmal zu viel, macht sich viele Gedanken. Er darf nicht anfangen, an sich zu zweifeln. Aber, wer Intelligenz mitbringt, der hinterfragt sich auch."

Frank Wormuth, ehem. U20-Bundestrainer, über Kempf

Ablösepoker mit dem SC Freiburg

Weil er sich unter Veh dann doch nicht richtig entwickeln konnte, wechselte Kempf 2014 zum SC Freiburg. Hier mutierte der Defensivspieler unter Coach Christian Streich zu einer festen Größe im Team. Das weckte das Interesse anderer Klubs. Der VfB Stuttgart wurde schon 2017 auf den 1,86 m-Mann aufmerksam. Ex-Manager Jan Schindelmeiser wollte Kempf bereits damals an den Neckar lotsen. Aber die aufgerufene Ablöse war dem VfB zu hoch. Also holten sich die Schwaben den Verteidiger ein Jahr später. Ablösefrei. Vertrag bis 2022.

Bundesliga | VfB Stuttgart Marc Oliver Kempf - Bilder einer Überflieger-Karriere

Die Brüder Kempf. Zwei Sportarten, eine Leidenschaft: Die Lust auf Erfolg. Marc Olivers 20 Monate älterer Bruder Marcel spielt ebenfalls in der Bundesliga: Im Skaterhockey als Torwart für die Rhein-Main Patriots. (Foto: SWR)
Die Brüder Kempf. Zwei Sportarten, eine Leidenschaft: Die Lust auf Erfolg. Marc Olivers 20 Monate älterer Bruder Marcel (rechts) spielt ebenfalls in der Bundesliga: Im Skaterhockey als Torwart für die Rhein-Main Patriots. Bild in Detailansicht öffnen
Mit 12 Jahren kommt Marc Oliver Kempf ins Nachwuchsleistungszentrum von Eintracht Frankfurt. Seine Ziele formuliert er als 16-jähriger Kapitän der A-Junioren: Bundesligaprofi werden, später vielleicht den Meistertitel gewinnen oder optional den Champions-League-Titel. Bild in Detailansicht öffnen
Profidebüt mit erst 17: Sein erstes Bundesligaspiel absolviert Kempf im Herbst 2012 für Eintracht Frankfurt unter dem damaligen Trainer Armin Veh. 90 Minuten steht Kempf bei der 1:3-Niederlage gegen Mainz auf dem Platz. Imago imago/Jan Huebner Bild in Detailansicht öffnen
Im Sommer 2014 feiert Kempf mit der deutschen U19 den Europameistertitel. Danach wechselt der junge Innenverteidiger für etwa 800.000 Euro aus Frankfurt zum SC Freiburg. Unter Trainer Christian Streich werfen ihn zwar immer wieder Verletzungen zurück, trotzdem macht er durch seine Leistungen andere Klubs auf sich aufmerksam – beispielsweise den VfB Stuttgart. Imago imago/Jan Huebner Bild in Detailansicht öffnen
Ein weiterer Meilenstein in Kempfs (im Bild rechts außen) junger Profikarriere folgt im Sommer 2017. Mit der deutschen U21-Auswahl gewinnt er als gesetzter Verteidiger unter Trainer Stefan Kuntz seinen zweiten Europameistertitel im Nachwuchsbereich nach 2014. Einige seiner einstigen U21-Teamkollegen, wie Serge Gnabry (FC Bayern München) oder Thilo Kehrer (Paris St. Germain) spielen heute bei europäischen Spitzenclubs. Imago imago/Ulmer Bild in Detailansicht öffnen
Im Sommer 2018 wechselt er ablösefrei vom SC Freiburg zum schwäbischen Konkurrenten VfB Stuttgart. Sein Start verläuft holprig: Unter Ex-Trainer Korkut wird er zunächst nicht berücksichtigt, dann zieht er sich einen Muskelfaserriss zu. Seit November gehört er aber unter Coach Weinzierl zum Stammpersonal. Aufgrund seiner starken Zweikampfwerte wird er als "Zweikampfmonster" bezeichnet. Doch auch er kann den Abstieg der Schwaben nicht verhindern. Imago imago/Ulmer/PT Bild in Detailansicht öffnen
Doch Marc Oliver Kempf hat mit seinen Leistungen trotzdem überzeugt. Beim erneuten Neustart soll der 24-Jährige eine wichtige Rolle spielen. Gegegen Hannover führt er den VfB Stuttgart als Kapitän zum Auftakt-Sieg gegen Hannover 96. Das Ziel ist klar: sofortige Rückkehr in die Bundesliga. Imago imago images / Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen

Freundin Carolin als Stütze

Beim VfB fühlt sich der 24-Jährige (als sein Vorbild nennt er Ex-Chelsea-Verteidiger John Terry) mittlerweile pudelwohl. Immer an seiner Seite: Freundin Carolin, mit der er seit fünf Jahren zusammen ist. Sie ist eine große Stütze für ihn. "Sie hat mich immer stark geredet", erinnert er sich an seine schwierige Anfangszeit in Stuttgart. "Sie hilft mir in solchen Momenten unheimlich."

Jetzt will Kempf dem VfB Stuttgart helfen, die Klasse zu halten. Am Samstag will er dazu beitragen, dass die Punkte aus dem brisanten Spiel gegen Hoffenheim in Stuttgart bleiben. Nach der Partie wird er wieder unter die Dusche gehen. Dann wird er sich allerdings warmes Wasser gönnen.

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