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Thomas Berthold, Fußball-Weltmeister 1990 und ehemaliger Profi des VfB Stuttgart, tritt seit einigen Wochen öffentlich als Skeptiker der Corona-Maßnahmen auf. Im SWR-Gespräch sagt er, warum er momentan keine Lust auf Fußball hat und warum er sich politisch engagiert.

Es ist nichts mehr so, wie es mal war. Zwar fiel am vergangenen Wochenende der Startschuss zur neuen Bundesliga-Saison. Was sich aber in den neun Erstligastadien abspielte, war ein verwirrender Flickenteppich. Mal blieben die Zuschauerränge - wie in München und Köln - komplett leer, mal durften einige Fans in die Stadien. Knapp 45.000 Anhänger waren bei den neun Spielen live dabei – in Stadien, in denen ohne Corona gut 450.000 Zuschauer Platz gehabt hätten. Mal mussten die Zuschauer Mundschutz tragen, mal nicht. "Wie richtiger Fußball" habe es sich endlich wieder angefühlt, meinte Bremen-Coach Florian Kohfeldt anschließend. Köln-Geschäftsführer Alexander Wehrle hielt dagegen: "Wir müssen die Prozesse hinterfragen und die Verhältnismäßigkeit."

SWR Sport: Herr Berthold, wie haben Sie den Saisonauftakt erlebt?

Berthold: Ich habe gar nichts gesehen. Seitdem wir weltweit sogenannte Geisterspiele sehen, die im Fernsehen übertragen werden, ist bei mir die Luft raus.

Woran liegt es, dass Ihre Begeisterung weg ist?

Das Fernseh-Erlebnis hat sich verändert. Zu Fußballspielen gehört eine Stimmung und eine Energie, die nur von den Fans erzeugt werden kann. So aber wird mir das alles chirurgisch präsentiert. Im März oder April habe ich noch gelegentlich geschaut, aber danach nicht mehr.

Vor jedem Spiel gibt es große Unsicherheiten: Dürfen Fans ins Stadion? Findet das Spiel in einem Risikogebiet statt? Müssen die Fans, wie die Bayern-Anhänger nach dem Supercup-Finale am Donnerstag in Budapest, nach ihrer Rückkehr in Quarantäne? Wie lange werden Vereine und Fans das noch erdulden?

Ich denke, dass die Geduld der Menschen zu Ende geht. Sie wollen irgendwann nicht mehr unter einem Hygiene-Diktat leben. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das alles kippt. Aber dann kippt es in die richtige Richtung.

Der in Hanau geborene Berthold (55) war schon immer unbequem. Auf dem Platz ging der Verteidiger mit seinen Mitspielern nicht besonders zimperlich um. Bei der WM 1986 in Mexiko flog er nach einem Revanche-Foul vom Feld, beim VfB Stuttgart (1993-2000) hält er mit fünf Roten Karten bis heute einen vereinsinternen Rekord. Auch außerhalb des Platzes vertrat der 62-malige Nationalspieler stets klar seine Meinung. Ende 1994 wurde er nach einem Interview aus der Nationalmannschaft aussortiert, weil er den damaligen Bundestrainer Berti Vogts kritisiert hatte. Zuletzt bezog er öffentlich Stellung gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.

SWR Sport: Woher kommt Ihre kritische Art?

Ich bin freigeistig aufgezogen worden. Ich bin genauso wie meine Frau jemand, der alles grundsätzlich hinterfragt. Wir glauben nicht immer alles, was uns täglich serviert wird.

Sie haben am 8. August auf der "Querdenken"-Demo in Stuttgart die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie scharf kritisiert. Für diesen Auftritt wurden Sie teilweise heftig angegangen. Bayerns Ministerpräsident Söder sprach von einer "verheerenden Wirkung", wenn ehemalige Nationalspieler dazu aufrufen, keine Masken zu tragen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich bin kein Social-Media-Follower, und ich habe mich mit der öffentlichen Resonanz auch nicht beschäftigt. Das war ein persönliches Statement von mir, zu dem ich stehe. Was andere Leute denken, ist deren Angelegenheit. Ich habe Feedback bekommen von meinem engeren Umfeld, aber auch von wildfremden Menschen, die mich auf der Straße angesprochen haben. 99 Prozent dieser Rückmeldungen waren positiv. Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft meine Meinung teilen. Sie haben aber Angst, was zu sagen.

Was glauben Sie, woran liegt das?

Wir werden von den Leitmedien zu einseitig informiert. Bestimmte Experten wie Drosten, Streeck oder Kekulé dürfen in diesen Leitmedien zu Wort kommen, renommierte Wissenschaftler wie Bhakdi oder Ioannidis, die eine abweichende Meinung vertreten, aber nicht. Eine direkte Diskussion zwischen diesen Lagern findet nicht statt und wird auch nicht organisiert. Wir müssen es aber schaffen, dass es einen wissenschaftlichen Diskurs zwischen unabhängigen Wissenschaftlern gibt, um die Bevölkerung aufzuklären.

Sie waren auch Redner auf der Demonstration am 29. August in Berlin. Warum engagieren Sie sich so stark gegen die staatlichen Maßnahmen?

Seit Mitte März wurden Gesetze geändert und Verordnungen erlassen. Diese drastischen Maßnahmen und Freiheitseinschränkungen, die unsere Grundrechte als Bürger tangieren, wurden gemacht, um eine Überlastung unseres Gesundheitssystems zu vermeiden. Wenn ich die Zahlen richtig lese, bestand aber nie die Gefahr, dass dieses System zusammenbricht. Aktuell (Stand 23.09.2020) werden 293 Menschen in Deutschland im Zusammenhang mit Covid-19 intensivmedizinisch behandelt, bei einer Bettenkapazität von über 30.000. Warum leben wir also noch unter diesem Hygiene-Diktat? Wie kann es in unserem Rechtsstaat sein, dass die Maßnahmen nicht längst wieder zurückgefahren wurden?

Aber laut Umfragen hält die Mehrheit der Bundesbürger diese Maßnahmen für richtig. Viele haben schlichtweg Angst, sich zu infizieren.

Mir geht es aber um die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen. Wir schauen, wie das Kaninchen auf die Schlange, immer nur auf die Fallzahlen, aber viel zu wenig auf die ökonomischen und soziologischen Konsequenzen dieser Politik. Die wahre Zahl der Insolvenzen werden wir erst 2021 sehen, Kinder müssen in der Schule Masken tragen, alte Menschen vereinsamen in Pflegeheimen, weil sie keinen Besuch mehr bekommen. Das ist dramatisch, was hier stattfindet.

Trotzdem haben wir es mit einem Virus zu tun, das zum Tode führen kann. Weltweit haben wir mittlerweile fast eine Million Menschen, die im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind.

Ich sage ja nicht, dass es das Virus nicht gibt oder dass es völlig ungefährlich ist. Es handelt sich um ein Erkältungs-Virus, das auch die Symptome einer schweren Grippe hervorrufen kann. Deshalb müssen wir die gefährdeten Personen schützen. Alte Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen müssen unbedingt geschützt werden. Was die alten Menschen in Pflegeheimen angeht: Diesen Menschen sollte man die Entscheidung selbst überlassen, ob sie das Risiko eingehen wollen, ihre Verwandten und Enkel zu sehen. Aber wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass Corona kein Killervirus ist, und dass nicht jeder Infizierte tatsächlich auch erkrankt. Wer sich schützen möchte, sollte sich in Eigenverantwortung impfen lassen und eine Maske tragen. Ich persönlich möchte jedoch ohne Maske und Impfung leben.

Die politischen Diskussionen beschäftigen Berthold seit Monaten wesentlich intensiver als die Ereignisse und Ergebnisse im Profifußball. Und das, obwohl der ehemalige Profi (Eintracht Frankfurt, Hellas Verona, AS Rom, Bayern München, VfB Stuttgart und Adanaspor) regelmäßig als Experte für Sport1 oder RTL tätig war.

SWR Sport: Wann werden wir Sie wieder als TV-Experten sehen?

Ich bin mittlerweile weit weg vom Fußball. Mich interessiert der Fußball zur Zeit nicht. Ich habe nie feste Verträge gemacht. Ob da jetzt noch eine Anfrage kommt oder nicht, weiß ich nicht. Ich bin unabhängig. Ich lasse das alles auf mich zukommen. Ich habe jetzt erst mal andere Prioritäten.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Wochen?

Ich wünsche mir, dass wir unser altes Leben zurückbekommen. Dass wir unsere sozialen Kontakte wieder pflegen können. Dass wir uns wieder bei Konzerten oder im Stadion treffen und gemeinsam feiern können. Das macht doch das Leben aus. Es wäre traurig, wenn der Fußball durch unsinnige Maßnahmen kaputt gemacht würde.

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