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Kleiner Etat, geringer Kadermarktwert, wenig Glamour. Der angebliche Provinzklub SV Sandhausen ist das Team der Stunde in der 2. Bundesliga. SWR-Redakteur Johannes Seemüller ist fasziniert.

Ich liebe Heldengeschichten. Als Kind lauschte ich früher besonders aufmerksam der biblischen Story von David. Dieser David ist ein kleiner Junge, der einem übermächtigen Gegner namens Goliath die Stirn bietet. Der mit seiner selbst geschnitzten Steinschleuder diesen schwer bewaffneten, aggressiven Riesen besiegt. Klein schlägt Groß. Der angeblich Schwache erweist sich als bärenstark, furchtlos und mutig.

"David der 2. Bundesliga"

Irgendwie muss ich immer an diesen David denken, wenn ich etwas über den SV Sandhausen lese. Dieser Verein ist in meiner Wahrnehmung der "David der 2. Bundesliga": Klein (nur 918 Mitglieder, Stand 1.7.2019), finanziell eher schwach auf der Brust (mit 18 Millionen Euro der viertgeringste Etat der Liga) und mit bescheidenem Personal (Marktwert des Kaders: 11,15 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Kadermarktwert des VfB Stuttgart beträgt 59 Millionen Euro).

Ausgerechnet dieser Underdog zeigt der Liga, wie man mit Bodenständigkeit und wirtschaftlicher Vernunft im Profifußball überleben kann. Mittlerweile spielen die Kicker aus der 14.000-Einwohner-Gemeinde im Rhein-Neckar-Kreis seit ihrem Aufstieg 2012 ihre achte Zweitliga-Saison in Folge. Und das momentan sogar erfolgreicher als jemals zuvor. Nach dem 2:1-Erfolg am Freitag in Fürth belegt das Team von Trainer Uwe Koschinat Tabellenplatz acht. Bliebe es bei diesem Rang bis zum Saisonende, würde dies einen neuen Vereinsrekord bedeuten (Platz 10 in der Saison 2016/17).

Männel statt Messi

Nur mal so als Vergleich: Tabellennachbar Hannover 96 hat einen Etat und einen Kadermarktwert, die drei Mal so hoch sind wie die der Sandhäuser. Geld ist eben kein Allheilmittel für Erfolg. Diese Erkenntnis gefällt mir. Genauso wie die Maxime der Kurpfälzer, nicht auf Pump zu leben. Es wird nur ausgegeben, was in der Schatulle ist. Und dann auch eher für neue Trainingsplätze als für teure Neuzugänge.

Diese Überzeugung hatten die Sandhäuser zuletzt bei Rurik Gislason, dem 53-maligen Nationalspieler Islands, über Bord geworfen. Der Stürmer wurde aus Nürnberg geholt und avancierte gleich zum Spitzenverdiener. Doch das viele Geld schoss keine Tore. Drei Treffer in 55 Zweitliga-Spielen für den SVS lautet die dürftige Bilanz für Gislason. Vielleicht hat der sympathische Mann aber auch den plötzlichen WM-Ruhm nicht verkraftet. Bei der Fußball-WM 2018 in Russland wurde er durch seine Einwechslung beim Argentinien-Spiel in den sozialen Medien zum Frauenschwarm mit dem eigenen Hashtag #sexyrurik. Die Zahl seiner Instagram-Anhänger schnellte von 30.000 auf 1,3 Millionen. Aktuell sind es nur noch 837.000 Follower. Doch dafür kann sich der Isländer nichts kaufen. Fußball in Sandhausen bedeutet eben: Aue statt Argentinien. Männel statt Messi. Das hat Gislason offenbar nicht verinnerlicht. Also lässt der Klub seinen Vertrag Ende Juni auslaufen.

Schmerzhafte Nadelstiche

Dieses Verhalten ist konsequent. Der Fehler wurde korrigiert. Der SV Sandhausen steht eben nicht für Glitzer und Glamour. Der Klub vor den Toren Heidelbergs steht vielmehr für ehrliche Arbeit, Kontinuität an der Vereinsspitze und Besonnenheit. Mit diesen Tugenden hat der Verein auch in dieser Saison seinen scheinbar übermächtigen Gegnern immer wieder schmerzhafte Nadelstiche versetzt. Wie seinerzeit David dem Riesen Goliath.

Sandhausen ist für mich eine kleine Heldengeschichte.

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