Gonzalo Castro am 15.12.2020 im Spiel gegen Union Berlin (Foto: imago images, Gonzalo Castro am 15.12.2020 im Spiel gegen Union Berlin)

Fußball I Bundesliga

Spielerverträge von Castro, Petersen und Co. laufen aus - na und?

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Ablösefrei - bei diesem Wort zucken Manager von Bundesligaklubs zusammen. Am Ende eines auslaufenden Vertrags kann ein Fußballspieler den Verein verlassen - dann gibt es kein Halten mehr, außer der Klub bietet einen neuen Vertrag. Spieler und ihre Berater haben heute bessere Karten als früher. Der Grund: Ein folgenschweres Gerichtsurteil vor 25 Jahren.

Der Vertrag von VfB-Kapitän Gonzalo Castro läuft 2021 aus. Trotzdem hat der Routinier allen Grund, entspannt zu sein. Castro hat großen Anteil am aktuellen Erfolg des Aufsteigers in der Bundesliga. Im neuen Jahr sollen zwischen ihm und den Verantwortlichen des VfB Stuttgart erste Gespräche stattfinden - ergebnisoffen. Der 33-jährige hat mehrere Optionen: in Stuttgart verlängern, Karriere beenden oder ablösefrei zu einem neuen Klub wechseln.

Diese Möglichkeiten haben auch alle anderen Spieler, deren aktuelle Verträge 2021 enden. So zum Beispiel Castros Vereinskollege Daniel Didavi, Robin Quaison von Mainz 05, Nils Petersen vom SC Freiburg oder auch Bayern-Star David Alaba. Sein Vertragspoker mit dem FC Bayern sorgte für viel Aufsehen. Aber Alaba kann es sich wegen seiner guten Leistungen auch erlauben. Kommt kein neuer Vertrag zustande, wird Alaba ablösefrei wechseln und trotzdem viel Geld von seinem neuen Arbeitgeber kassieren. Der FC Bayern geht in diesem Szenario leer aus.

Früher hatten Vereine die Verhandlungsmacht

Heute ist es selbstverständlich, dass Bundesliga Spieler nach Ablauf ihres Vertrags wechseln können, wohin sie wollen. Ohne Ablösesumme. Vor 1995 war das anders. Damals zahlte der neue Verein an den alten Verein des Spielers immer eine Ablöse, selbst wenn dessen Vertrag schon zu Ende war.

Die Vereine profitierten untereinander von diesem Ablöse-System und konnten mitentscheiden, wie es mit dem Spieler weitergeht. Wenn der Verein den Spieler nicht abgeben wollte, setzte er die Ablösesumme so hoch, dass kein anderer Klub bereit war diese Summe zu zahlen. Dem Spieler blieb dann nur die Vertragsverlängerung oder eine Spielpause.

Bosman-Urteil stärkt Position der Spieler

Dem ehemaligen belgischen Fußballprofi Jean-Marc Bosman ist genau das passiert. Sein Vertrag beim RFC Lüttich lief 1989 aus und Bosman wollte nach Dünkirchen in die zweite französische Liga wechseln. Lüttich wollte ihn nicht gehen lassen und setzte eine Ablösesumme von 800.000 Dollar fest. Der Wechsel platze, weil Dünkirchen nicht bereit war die Summe zu bezahlen.

Bosman klagte. Er sah sich in seiner Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt. Vor 25 Jahren, am 15. Dezember 1995 gab ihm der Europäische Gerichtshof Recht. Ablösesummen nach Ende eines Vertrages sind damit Vergangenheit. Das Urteil geht als "Bosman-Urteil" in die Fußballgeschichte ein und stärkt die Position der Spieler gegenüber ihrer Vereine bis heute.

Vereine waren schockiert

Die Mehrheit der Vereinsbosse reagierte entsetzt auf das Urteil. Der damalige VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder sagte: "Ich halte diese Entscheidung für eine mittlere Katastrophe für den Fußball."

Auch 25 Jahre später stellt das Bosman-Urteil die Vereine noch vor Herausforderungen. "Die Situation für den Verein ist deutlich schwieriger geworden", sagte Rouven Schröder, bis kurz vor Weihnachten Sportvorstand beim 1. FSV Mainz 05, zum "Jahrestag" Mitte Dezember 2020 gegenüber SWR Sport.

Als Verein müsse man sich heute viel früher entscheiden, ob man einen Vertrag mit einem Spieler verlängert. Das sei nötig, damit ein Spieler nach Vertragsende nicht ablösefrei den Verein verlässt, so Schröder. Die Folge seien längerfristige Verträge.

Beispiel Nicolas Gonzalez

Davon findet man in der Bundesliga viele. So auch bei VfB-Offensivmann Nicolas Gonzalez, der sich Ende November mit dem VfB Stuttgart auf einen neuen Vertrag geeinigt hat. Bis 2024 hat der Argentinier bei den Schwaben unterschrieben und frühzeitig um ein Jahr verlängert. Der VfB Stuttgart hat damit die Möglichkeit vorerst unterbunden, dass Gonzalez den Verein ablösefrei verlässt. Ohne das Bosman-Urteil hätte der Verein keinen Grund gehabt den Vertrag schon jetzt zu verlängern.

Mehr Geld als Folge

Nicht nur für die Spieler, sondern auch für ihre Berater zahlt sich das Bosman-Urteil finanziell aus. Da sie frei entscheiden können, wohin sie nach Vertragsende wechseln, locken sie die Vereine mit hohen Gehältern und Handgeldern. Für die Berater gibt es entsprechende Honorare. Leon Goretzka soll 2018 für seinen Wechsel von Schalke 04 zum FC Bayern allein 20 Millionen Euro als Handgeld kassiert haben. Doch es gibt auch noch andere Vorteile, findet Spielerberater Jörg Neblung.

Es habe sich vieles für die Spieler zum Positiven entwickelt. Unter anderem sei das Angebot an interessierten Vereinen größer geworden. Ablösefreie Spieler seien für Vereine aus finanzieller Sicht sehr interessant. Geld müssen die Vereine aber trotzdem in die Hand nehmen. Das fließt dann nicht als Ablöse an den alten Verein, sondern als Handgeld an den verpflichteten Spieler, wie im Fall von Leon Goretzka.

Spieler können profitieren, müssen aber nicht

Damit können sich erfolgreiche Bundesliga Spieler mit einer klugen Vertragsverhandlung über viel Geld freuen. Das geht mit einer Vertragsverlängerung, oder auch mit einem Vereinswechsel. Und sie haben dank dem Bosman-Urteil das Recht frei zu entscheiden, wo sie spielen möchten.

Voraussetzung dafür ist aber, dass dem Spieler auch Angebote vorliegen. Gerade in Corona-Zeiten müssen viele Vereine sorgsam haushalten. Der Raum für hohe Spielergehälter ist kleiner als vor der Pandemie. Und die Spieler können sich auch verzocken, wenn sie zu viel fordern. Verzockt hat sich womöglich auch David Alaba. Der FC Bayern hat sein Vertragsangebot im November zurückgezogen.

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