Christian Streich gratuliert nach der Finalniederlage Marcel Halstenberg zum Sieg.  (Foto: IMAGO, picture alliance/dpa)

SC Freiburg | DFB-Pokal

Die Größe des Christian Streich in der Niederlage

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Seit über zehn Jahren trainiert Christian Streich die Profimannschaft des SC Freiburg. Der Gewinn des DFB-Pokals wäre seine sportliche Krönung gewesen. Auch in der Niederlage zeigte der 56-Jährige Größe.

Um 22:59 Uhr stand der Mann in seinem dunkelblauen Pullover ganz alleine vor dieser riesigen Wand im Berliner Olympiastadion. Christian Streich verneigte sich mehrmals vor den etwa 30.000 angereisten Fans des SC Freiburg, schickte Kusshände auf die Ränge, zog imaginativ den Hut vor den Anhängern und applaudierte anerkennend.

Eine starke Geste des im Inneren sicherlich traurigen und enttäuschten Fußballtrainers. Nach außen aber ließ er sich nichts anmerken. Stattdessen fingen die TV-Kameras immer wieder ein gütiges Lächeln in seinem Gesicht ein. Streich zeigte Größe in der Niederlage. Der Gewinn des DFB-Pokals hätte die Krönung seiner mehr als zehnjährigen Amtszeit als Proficoach des SC Freiburg sein können.

Christian Streich zeigt sich als fairer Verlierer

Doch in einem dramatischen Elfmeterschießen zog sein Team den Kürzeren. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff hatte Streich seine Spieler in den Arm genommen, sie empathisch geherzt und getröstet. Dann ging er zum Schiedsrichter-Gespann, scherzte mit ihnen und umarmte auch einen Referee.

Später gratulierte er fair dem Siegerteam um Trainerkollege Domenico Tedesco. Am Tag zuvor hatte er noch in einer Pressekonferenz gesagt: "Wenn wir den Pokal gewinnen würden, wäre es toll, und wenn wir ihn nicht gewinnen, geht die Welt auch nicht unter." Streich zeigte sich auch an diesem Pokal-Wochenende in Berlin einmal mehr als bodenständig und bescheiden.

"Zitternd" zum Profi-Trainer

Diese Eigenschaften traten auch schon im Dezember 2011 zutage, als sich die Südbadener von Profi-Trainer Marcus Sorg getrennt hatten. Streich war damals Sorgs Assistent. Bei der Suche nach einem Nachfolger landeten die Vereinsoberen um den damaligen Präsidenten Fritz Keller schnell bei Streich. Doch der scheute das Rampenlicht wie der Teufel das Weihwasser. Mehrere Anläufe waren nötig, um Streich zu dieser verantwortungsvollen Aufgabe zu überreden. Er sagte schließlich zu, "aber zitternd natürlich", verriet er später.

Sportdirektor Klemens Hartenbach bestätigte kürzlich, dass Streich, der seit fast 30 Jahren für den Fußball-Bundesligisten arbeitet, ziemlich selbstkritisch sei. Das sei schon früher so gewesen, als er noch in der Nachwuchsarbeit tätig war, und dieses Hinterfragen der eigenen Arbeit ist bis heute geblieben.

Klare Haltung und Werte

Es macht diesen Trainer sympathisch, dass er sich nicht permanent breitbeinig in John Wayne-Manier hinstellt und seine großen Taten kundtut. Es ist wohl gerade diese Fähigkeit, sich selbst zurücknehmen zu können und stattdessen das Team in den Fokus zu rücken, die Streich zum derzeit wohl beliebtesten Bundesliga-Trainer macht.

Viele Menschen schätzen zudem seine klare Haltung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Streichs Pressekonferenzen sind weit mehr als ein stupides und wenig ergiebiges Frage-Antwort-Spiel zu verletzten Spielern oder einer möglichen Taktik des Gegners. Der Pädagoge, der Germanistik, Geschichte und Sport auf Lehramt studiert hat, blickt häufig über die Seitenlinie des Fußballplatzes hinweg. Er bezieht Stellung zu Fragen jenseits des Sportgeschehens. Man muss seine Standpunkte nicht immer teilen; nachdenkenswert sind seine Äußerungen allemal.

So gelassen, unterhaltsam und überlegt er sich in Pressekonferenzen gibt, so extrovertiert und emotional agiert Streich oft während der Spiele an der Seitenlinie. Sein Ehrgeiz führt gelegentlich zu kleinen Kontrollverlusten. Dann gehen seine Gefühle mit ihm Gassi, dann presst er seine Zähne hart aufeinander und betoniert seinen Unterkiefer mit einer Vehemenz, dass der Beobachter ihn schon auf dem Zahnarztstuhl sitzen sieht.

Vertrautes Umfeld in Freiburg

Diese gesamte gelebte Gefühlspalette ist wohl nur möglich, weil der Trainer sich in einem äußerst vertrauten Umfeld bewegen und entfalten kann. Freiburg hat einen Standortvorteil. Hier geht es, was die Medienlandschaft angeht, deutlich beschaulicher zu als in Köln, Hamburg oder München. Dort schnüffelt der Boulevard permanent nach Skandalen und Aufgeregtheiten. Freiburg wirkt dagegen handzahm, auf jeden Fall gechillter.

Beim Sport-Club kann sich Streich auf loyale Mitstreiter in der Vereinsführung verlassen und voll auf seine sportliche Arbeit konzentrieren. Er muss keine Angst haben, dass jemand hinter seinem Rücken versucht, ihn abzusägen. In Freiburg halten sie auch dann am Coach fest, wenn es sportlich mal nicht so rund läuft. So blieb Streich 2015 auch nach dem Bundesliga-Abstieg auf der Trainerbank - um prompt wieder aufzusteigen.

Überragender Repräsentant

Aus dem Bundesliga-Aufsteiger von 2016 ist nun also ein DFB-Pokalfinalist geworden. Das Finale wäre beinahe die Krönung einer bärenstarken Freiburger Saison (Bundesliga Platz 6) geworden.

Trotz der knappen Niederlage von Berlin: Eigentlich müssten sie in Freiburg überlegen, diesen überragenden Repräsentanten der Stadt zum Ehrenbürger zu ernennen. Der Coach würde sich sicherlich geschmeichelt fühlen, es wäre ihm zugleich aber auch etwas unangenehm. Am Ende würde er aber wohl zustimmen. Vielleicht etwas zitternd. So wie 2011, als er zum Cheftrainer ernannt wurde.

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