Christian Streich in einem seiner ersten Spiele auf der Bank der Profis des SC Freiburg (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Bundesliga | Persönlich

Hut ab, Christian Streich!

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Thomas Wehrle

Vor genau zehn Jahren hat Christian Streich den SC Freiburg als Cheftrainer übernommen und seitdem eine Ära geprägt. SWR-Sportredakteur Thomas Wehrle erinnert sich.

Anfang Januar wars. Vor jetzt bald zehn Jahren. Da hatte mich der SC Freiburg eingeladen, den Neujahrsempfang zu moderieren. Das Ganze drohte eine triste Angelegenheit zu werden, der SC hatte das letzte Pflichtspiel des Jahres 2011 mit 1:4 gegen Meister Borussia Dortmund verloren. Fünf Tage später hatte der Verein erstmals in der Bundesliga mit Marcus Sorg seinen Coach gefeuert, sein Assistenztrainer Christian Streich rückte auf den Chefposten. Wie lange, da wollte sich niemand festlegen im Breisgau.

Der Empfang fand im provisorischen VIP-Zelt hinter dem Dreisamstadion statt, das war nach der 1:4 Pleite stehen geblieben. Sonst hatte sich ziemlich viel verändert beim SC. Die Gäste waren neugierig auf den neuen Cheftrainer, ich auch. Wir alle kannten Christian Streich als Chef der Fußballschule. Er wurde geschätzt wegen seiner Fachkenntnis und seiner Erfolge, er polarisierte wegen seines überbordenden Temperaments.

Spieler sind begeistert vom neuen Coach

Der Neu-Trainer und einige Führungsspieler der Mannschaft kamen direkt aus dem Wintertrainingslager zum Empfang. Und danach wurde es spannend. Die Spieler waren geradezu beseelt von der Arbeit im Süden. Hymnisch beschrieben sie die Trainingsarbeit von Christian Streich: er mache jeden Spieler besser, in jedem Training, in jedem Gespräch. Gestandene Profis wie Jan Rosenthal waren genauso begeistert wie Eigengewächs Oliver Baumann. Ich habe nie wieder mit so euphorisierten Fußballprofis gesprochen wie an diesem Abend. Und ich dachte, vielleicht geht da ja doch noch was mit dem Klassenerhalt und Christian Streich.

Christian Streich hat den SC Freiburg geprägt und mit den Breisgauern große Erfolge gefeiert und bittere Niederlagen erlebt. (Foto: IMAGO, imago)
Christian Streich wurde am 29. Dezember 2011 als neuer Cheftrainer des SC Freiburg vorgestellt. Er beerbte den glücklosen Marcus Sorg. Freiburg war zu diesem Zeitpunkt Tabellenletzter. imago Bild in Detailansicht öffnen
Schon am 2. Januar bat er seine Spieler im Trainingslager zur ersten Einheit. Christian Streich marschierte von Beginn an vorneweg. imago Bild in Detailansicht öffnen
Dank eines Treffers von Matthias Ginter in seinem ersten Bundesligaspiel holte der SC Freiburg zu Christian Streichs Debüt den ersten Sieg gegen den FC Augsburg. Der Auftakt einer bärenstarken Rückrunde. imago Bild in Detailansicht öffnen
Wenige Monate später konnte, nach einem 0:0 bei Hannover 96, bereits am 32. Spieltag der vorzeitige Klassenerhalt gefeiert werden. imago Bild in Detailansicht öffnen
Nur ein Jahr später konnte Christian Streich den SC Freiburg sogar auf Platz fünf und damit in den Europapokal führen. imago Bild in Detailansicht öffnen
Noch heute schwärmt Christian Streich vom Auswärtsspiel beim FC Sevilla (03.10.2013). Und das trotz der 0:2-Niederlage nach Toren von Diego Perotti (63.) und Carlos Bacca (90.+1) SC-Freiburg-Trainer Christian Streich (rechts im dunkelblauen Sakko mit hellblauem Hemd) übergibt den Ball an Diogo Jose Rosario Gomes Figueiras (links im weißen Trikot) vom FC Sevilla Bild in Detailansicht öffnen
Doch Christian Streich musste beim SC Freiburg auch Rückschläge verkraften. Nach einer 1:2-Niederlage bei Hannover 96 musste der SC Freiburg im Sommer 2015 den bitteren Gang in die 2. Bundesliga antreten. Buchautor Clemens Geißler ("111 Gründe den SC Freiburg zu lieben") schrieb vom "unnötigsten Abstieg aller Zeiten". imago Bild in Detailansicht öffnen
Aber Christian Streich brachte den SC Freiburg zurück in die Bundeslia. Nach einem 2:1-Sieg am 29. April 2016 beim SC Paderborn war der direkte Wiederaufstieg perfekt. imago Bild in Detailansicht öffnen
Der SC Freiburg war zurück in der Bundesliga und sollte sich dort in den folgenden Jahren etablieren. imago Bild in Detailansicht öffnen
Gleich in der ersten Saison nach dem Wiederauftstieg führte Christian Streich die Breisgauer erneut in den Europapokal. imago Bild in Detailansicht öffnen
Allerdings war nach einem 1:0-Heimsieg und einer 0:2-Auswärtsniederlage gegen den slowenischen Klub NK Domzale im Sommer 2017 bereits vor der Gruppenphase Schluss. imago Bild in Detailansicht öffnen
Doch Christian Streich gelang es, die Leistungen des SC Freiburg auf hohem Niveau zu stabilisieren und den Verein Jahr für Jahr zu verbessern. imago Bild in Detailansicht öffnen
Sein großer Traum: Noch einmal mit dem SC Freiburg im Europapokal anzutreten. Nach der überzeugenden Hinrunde stehen die Chancen dafür so gut, wie lange nicht: Der SC Freiburg überwintert 2021 mit 29 Punkten zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte auf einem Champions-League-Platz. imago Bild in Detailansicht öffnen

Den neuen Chef interviewte ich vor den geladenen Gästen. Es war eines der ersten, wenn nicht das erste lange Interview für Christian Streich. Er war höflich, wertschätzend wie heute noch - aber er war auch vorsichtig. Das Gespräch kam nicht so richtig ins Laufen solange wir über den Trainer selbst sprachen. Dann fragte ich nach der Mannschaft und nach ihren fußballerischen Möglichkeiten. Und auf einen Schlag erfüllte Christian Streich den Raum mit Energie und Präsenz. Die Menschen hingen an seinen Lippen und feierten den neuen Cheftrainer am Ende. Auch die, die beim SC gezögert hatten, Christian Streich zum Chef zu machen.

Ein absoluter Glücksfall für den SC Freiburg

Am Ende des Abends lebte die Hoffnung. Und Christian Streich hat alle Hoffnungen in den letzten Jahren mehr als erfüllt. Er ist der absolute Glücksfall für den SC. Bewundernswert wie er es schafft, auch nach zehn Jahren, Spieler, Fans und Verantwortliche zu begeistern, sie mit seiner Energie und seiner Kompetenz mitzureißen. Seine klare Haltung zu gesellschaftspolitischen Themen macht ihn darüber hinaus zum Glücksfall für den gesamten deutschen Fußball. Denn auch in diesem Punkt ist er einzigartig. Leider.

Dass Christian Streich eine Ära prägen sollte, ein unglaublich erfolgreiches Jahrzehnt mit dem SC, war damals im Festzelt nicht absehbar. Damals sorgte er für Aufbruchsstimmung rund ums Dreisamstadion. Die Voraussetzung für alles, was noch kommen sollte. Die Reise mit ihm geht weiter, egal wie lange noch. Ich sage: Hut ab, Christian Streich!

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Thomas Wehrle

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