Die Mannschaft des SC Freiburg jubelt über den Einzug ins DFB-Pokalfinale. (Foto: imago images, IMAGO / Jan Huebner)

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Einzug ins DFB-Pokalfinale: Warum Fußball-Deutschland den SC Freiburg liebt

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Am 21. Mai spielt der SC Freiburg im Pokalfinale gegen RB Leipzig. Gefühlt drücken bundesweit die meisten Fußballfans dem SC die Daumen. Aber warum eigentlich und was sagt Trainer Streich zu all der Liebe?

"Alle sind für Freiburg", schreibt ein Werder Bremen-Fan. "Betze drückt Freiburg die Daumen", heißt es aus Kaiserslautern. Oder: "Noch nie waren die Sympathien in einem Finale so einseitig verteilt, sogar Stuttgart Fans werden für Freiburg sein", ist in den Kommentaren in den Sozialen Medien zu lesen. Es entsteht der Eindruck, als seien sich viele Fanszenen in Deutschland einig, wer das Finale um den DFB-Pokal am 21. Mai gewinnen soll: der SC Freiburg.

Im Gegensatz zu RB Leipzig, der Mannschaft, die in vielen Fanszenen als Symbol für die Kommerzialisierung des Fußball steht, genießt Freiburg noch immer den Ruf als "kleiner Verein aus dem Breisgau". Der Sport-Club hatte laut DFL im Kalenderjahr einen Personalaufwand von etwa 49.206.000 Euro und Leipzig im Vergleich 147.051.000 Euro. Auch beim Marktwert der Mannschaft unterscheiden sich die Zahlen deutlich: Laut "Transfermarkt" liegt das Freiburger Team bei rund 152,25 Millionen, RB Leipzig bei 465,6 Millionen Euro (Saison 2021/22). Freiburg als "kleinen" Verein zu bezeichnen, ist angesichts dieser Zahlen auch nicht ganz falsch, aber längst ist der Sport-Club im großen Fußball-Business angekommen. Nicht zuletzt mit dem Umzug ins neue Stadion. Trotzdem könnten die unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen ein Grund sein, weshalb der SC Freiburg bundesweit Sympathien erfährt.

Wissenschaft kennt einen "Underdog-Effekt"

Auf der einen Seite wollen Menschen gerne zu den Gewinnern zählen. In der Psychologie wird das auch als "Mitläufer-Effekt" bezeichnet. Auf der anderen Seite gibt es aber auch den sogenannten "Underdog-Effekt". Gruppen, Parteien oder eben auch Sportmannschaften, die als benachteiligt dargestellt oder wahrgenommen werden, bekommen durchschnittlich mehr Sympathie zugesprochen. 

Das liegt daran, dass sich Menschen in ihrem Umfeld oft selbst als Underdog identifizieren. Haben nicht alle die gleichen Voraussetzungen, können Menschen auch den Underdog unterstützen, um die Ungerechtigkeit zu verarbeiten und ausgleichen zu wollen. Auch Schadenfreude gegenüber dem vermeintlichen Favoriten ist ein Grund, um den Underdog bewusst zu unterstützen, sich dann nämlich gemeinsam mit anderen über den "Favoriten" lustig zu machen.

Mehr Einsatz und Wille beim Underdog?

Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass Fans bei geringeren Erwartungen an einen Sieg weniger zu verlieren haben. Wenn also das Team mit vermeintlich schlechteren Voraussetzungen unterstützt wird, ist der "Schaden" oder "Gesichtsverlust" im Fall einer Niederlage geringer. Dem vermeintlichen Außenseiter wurde bei einem anderen Experiment (Basketballspiel) zudem mehr Einsatz und Wille verglichen zum favorisierten Team beigemessen (Quelle u.a. Joseph A. Vandello et. al., The Appeal of the Underdog. Personality and Social Psychology Bulletin. 2007; 33(12):1603-1616.).

Diese wissenschaftlichen Erklärungsansätze zum "Underdog-Effekt" beziehen sich nicht explizit auf den Sport, sie kommen aus der Psychologie, der Wirtschafts- oder Politikwissenschaft und können nur als Hinweise dienen.

Mit Blick auf den SC Freiburg ist auch fraglich, inwiefern der Verein wirklich schlechtere Voraussetzungen hat und als "Underdog" betrachtet werden kann. Klar ist: Rein sportlich sind die Voraussetzungen bei beiden gar nicht so verschieden: Freiburg als Tabellenfünfter/51 Punkte; Leipzig als Tabellendritter/54 Punkte. Der SC spielt über die gesamte Saison konstant - Leipzig wurde zuletzt immer stärker. Für Freiburgs Trainer Christian Streich ist übrigens Leipzig "natürlich der klare Favorit".

Streich zum Umgang mit der Sympathie

Natürlich gilt auch Streich als Sympathieträger. Seine deutlichen Worte, die klare Haltung und alleine die Tatsache, dass er seit mehr als 10 Jahren Trainer beim SC Freiburg ist, sind außergewöhnlich im Fußball-Business. Er erlebe schon seit vielen Jahren bei Auswärtsspielen, dass die Menschen dem SC Freiburg gegenüber sehr zugewandt sind: "Das erleben wir nicht erst seit jetzt, wo wir vielleicht noch ein kleines bisschen erfolgreicher sind", so Streich, "das ist sehr sehr schön." Er glaubt, diese Sympathie habe auch mit Kleinigkeiten zu tun.

Höflichkeit und Respekt als Selbstverständlichkeit

"Es ist sehr schön oder auch irritierend manchmal, wenn dann zum Beispiel ein Hoteldirektor kommt und sich sehr positiv äußert. Er äußert sich dann, weil die Jungs höflich sind oder 'Danke' sagen", erzählt Christian Streich und wundert sich dann meistens, "weil eigentlich müsste es doch eine Selbstverständlichkeit sein." Das sei eine Frage, wie Kinder erzogen seien, anderen gegenüberzutreten. Bei seinem Team hat er das Gefühl, dass die Bodenhaftung nicht verloren gegangen sei und seine Spieler wüssten, was sich gehöre. Dass sie gerade Fußball spielen, während andere ihr Zimmer und ihren Dreck aufräumen, wenn man das ein klein bisschen spüre, könne es sein, "dass einen manche Leute gar nicht ganz unsympathisch finden". Seine Erklärung ist also Höflichkeit und Respekt, die seine Spieler den Mitmenschen entgegenbringen und die sie in Freiburg lernen. Denn: Das werde in Freiburg von Spielergeneration zu Spielergeneration weitergegeben und deshalb "sagen die Leute irgendwie, sie finden uns auch sympathisch".

Ob die Mannschaft den Pokal-Hype vom Dienstagabend gut verkraftet hat, wird sich am Samstagnachmittag im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach zeigen - in Ausschnitten live ab 14 Uhr in SWR1-Stadion und mit allen Infos zum Spiel hier auf swr.de/sport.

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