Christian Streich geht nach dem Bodycheck von Abraham zu Boden. (Foto: Imago, Jan Huebner)

Fußball | Bundesliga Kommentar: Brief an Freiburgs Trainer Streich

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Nach dem Bodycheck von Eintracht Frankfurts Kapitän David Abraham gegen Freiburgs Trainer Christian Streich hat SWR-Redakteur Christof Gerlitz eine Meinung zur Reaktion darauf. Ein offener Brief.

Lieber Christian Streich,

ich habe gestern die Schlussphase der Bundesligapartie Freiburg gegen Frankfurt live im Radio verfolgt. Hab mich gefreut und mitgefiebert, bis die Radioreporterin in der Nachspielzeit plötzlich schier ausgerastet ist. Die Frau war völlig fassungslos. Ooh, ein bisschen heftiger als sonst, das übliche Gerangel, habe ich mir gedacht. Aber da wusste ich auch noch nicht, was wirklich passiert war. Dann habe ich die Bilder gesehen und Gänsehaut bekommen.

David Abraham, der Sie aus vollem Lauf regelrecht "umnietet", ich weiß gar nicht, wie ich das anders beschreiben soll. Ich habe mir die Szene wieder und wieder angeschaut. Da ist kein Zögern, kein Abwägen, keine Rücksicht auf Verluste.

Wer gesehen hat, wie Sie von den Beinen katapultiert werden, wie Ihr Kopf nach hinten schlägt, der weiß, da hätte alles Mögliche passieren können.  Ich möchte mir das gar nicht vorstellen.

Fußball ist ein Kampfsport. Ja, ja, ja...nein, ist es nicht. Ich kann das nicht mehr hören. Und ich kann nicht mehr sehen, wie Spieler immer wieder zuerst ihre Gegner umtreten und dann auch noch so tun, als sei nichts gewesen. Aber daran hatte ich mich, wie die meisten vermutlich, schon irgendwie gewöhnt. Das gestern war anders und das hat nichts damit zu tun, dass der Leidtragende diesmal ein Trainer ist. 

Ich finde es bemerkenswert, dass Sie jetzt keine große Sache mehr daraus machen. "Runter fahren", Ihre Worte, "fertig und nicht noch dumm rumschwätzen". Dass Sie offenbar verziehen haben, ist erstaunlich, das könnte ich nicht, nicht so schnell.

David Abraham ist 33 Jahre alt, kein "junger Büffel" mehr, wie sie scherzhaft sagen. Er ist seit über zehn Jahren Profi und Mannschaftskapitän bei Eintracht Frankfurt. Einer, von dem man Besonnenheit erwarten muss. Und einer, der Verantwortung trägt. Denn er ist auch Vorbild. Der Kapitän von Eintracht Frankfurt nietet den gegnerischen Trainer um, entschuldigt sich dann und alles ist wieder gut. Bis auf ein paar Spiele Sperre vielleicht, aber sonst nicht weiter tragisch. Die Sicherungen sind halt durchgebrannt, ein "junger Büffel" eben, Thema erledigt. Wie sollen Jugendliche mit dieser Botschaft umgehen?

Statt innezuhalten und ernsthaft darüber nachzudenken, wie sich dieser Sport entwickelt, gehen wir möglichst schnell zur Tagesordnung über. Wir akzeptieren damit brutale Fouls und Tätlichkeiten als Bestandteil des Fußballs. Für mich hat das mit Resignation zu tun.

Nochmal, ich finde bewundernswert, wie Sie damit umgehen.

Aber ich fürchte, es ist das falsche Signal.

Herzliche Grüße

Christof Gerlitz

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