Subotic Stiftung (Foto:  Patrick Temme, Philipp Nolte)

Fußball | Bundesliga

Neven Subotic: "Das Fußball-Business ist für mich irrelevant"

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INTERVIEW
Johannes Seemüller

Ex-Profi Neven Subotic will mit dem Fußballgeschäft nicht mehr viel zu tun haben. Mit seiner Stiftung engagiert er sich in Afrika für den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ein Gespräch über seine Kindheit im Schwarzwald, Trainer Jürgen Klopp und seinen Kampf für eine gerechtere Welt.

SWR Sport: Am kommenden Wochenende startet die Fußball-Bundesliga in ihre neue Saison. Wissen Sie, gegen wen Ihre Ex-Vereine Dortmund und Mainz antreten müssen?

Neven Subotic: (lacht) Leider nicht. Nicht einmal für eine Million Euro würde ich das wissen. Das gehört nicht zu meinen Hobbys, zu wissen, wer wann gegen wen wie spielt.

Haben Sie überhaupt noch Interesse am aktuellen Bundesliga-Geschehen?

Das Fußball-Business ist für mich irrelevant. Ich bin froh, davon wegzukommen. Mich interessiert nicht, wer wohin transferiert wird oder welches Marktvolumen er hat. Wenn ich noch einmal den Zugang zum Fußball finden werde, dann deshalb, weil es eine sozialgesellschaftliche Relevanz hat. Wenn ich dazu beitragen kann, dass der Fußball mehr für die Gesellschaft tut, dann wäre das eine Rolle, wo ich sage: Ich bin bereit, meinen Schweiß zu investieren.

Sie selbst haben aber viele Jahre vom Fußball profitiert, sie haben dieses Spiel geliebt. Ist diese Liebe jetzt nach Ihrem Karriereende plötzlich verschwunden?

Es gibt einige Sachen, die ich am Fußball immer lieben werde. Fußball ist fair, es gelten die gleichen Regeln für beide Mannschaften, und der Wettkampf an sich hat mich immer getrieben. Aber jetzt habe ich in meinem Arbeitsumfeld in der Stiftung einen Wettkampf, in dem es nicht um den nächsten Sieg geht, sondern um Menschenleben. Diese Arbeit ist lebenswichtig und hochkomplex. Da investiere ich gerne sehr viel Zeit und Leidenschaft. Es erfüllt am Ende auch einen höheren Sinn, als nur drei Punkte mitzunehmen. Der Beste zu sein, der ich sein kann, ist weiterhin das, was mich antreibt.

Kindheit im Schwarzwald

Sie waren ein halbes Jahr alt, als Ihre Eltern mit Ihnen und Ihrer Schwester aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Schwarzwald kamen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit in Schömberg?

Schömberg war für mich wundervoll. Eine kleine Gemeinde in der Nähe von Pforzheim. Das Wichtigste war, dass es eine Schule für alle im Ort gab. Alle waren gleich, alle waren da. Nach der Schule haben wir uns in der Regel auf dem Bolzplatz getroffen. Ich glaube, ich gehöre zur letzten Generation, die noch ohne Computer groß geworden ist. Wir Kinder hatten wirklich noch ein Gefühl füreinander.

Gab es für Sie als Familie aus dem Ausland Kontakt zu den Einheimischen?

Es waren wenige Menschen, die uns verdeutlicht haben: Wir wertschätzen und respektieren euch wirklich. Das taten sie manchmal durch kleine Handlungen: Familie Egle hat uns jeden Sonntag zu sich zum Kaffee und Kuchen eingeladen. Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet. Das war sehr wertvoll. Und dann war da noch Frau Stumpf. Sie hat es uns ermöglicht, in einer Wohnung zu leben. Davor hatten wir im Dachgeschoss des Vereinsheim gewohnt - ohne Bad. Frau Stumpf hat uns eingeladen, bei ihr zu leben. Sie räumte für meine Eltern ihr Schlafzimmer und zog auf die Couch. Durch sie konnten wir einen Duldungsantrag stellen und wirklich in Deutschland ankommen.

Trotzdem mussten Sie als Zehnjähriger Deutschland verlassen. Die ganze Familie zog in die USA. Wieder wurden Sie aus einem gewohnten Umfeld herausgerissen und mussten in einer fremden Kultur neu beginnen.

Ich empfinde es als große Ungerechtigkeit, die uns widerfahren ist. Ich war damals in der vierten Klasse und wollte aufs Gymnasium gehen. Meine Eltern waren sehr fleißig. Sie haben alle Drecksjobs gemacht, die keiner machen wollte und die auch nicht gut bezahlt waren. Wir hatten nichts falsch gemacht. Aber im Februar 1999 kam dann ein Brief. Darin stand, unser Duldungsstatus sei abgelaufen. Wir mussten nicht nur das Land, sondern alle Schulkameraden, Freunde und lieben Menschen verlassen.

Klopp kann das Beste in einem Menschen entfalten

Auch die Zeit in Salt Lake City war schwer für Ihre Familie. Sie haben mit Ihrer Schwester und den Eltern die Schultoiletten geputzt, um auf eine Privatschule gehen zu dürfen. Mit 17 Jahren sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt. Sie kamen zum FSV Mainz mit dem Trainer Jürgen Klopp. Wie haben Sie ihn erlebt?

Am Anfang hatte ich keine Ahnung, wer er ist. Ich habe nur sehr schnell gemerkt, dass er ein sehr besonderer Mensch ist, vor dem ich sehr viel Hochachtung hatte. Er wusste mich richtig anzusprechen. Einmal kam meine Mutter zu Besuch aus den USA. Beim Training sagte Kloppo zu ihr: Helfen Sie uns, Neven zu helfen. Mit diesem Satz, der nicht nur so dahergesagt war, hat er sich direkt in unsere Familie integriert. Kloppo sagt wirklich das, was er meint. Er tut dies sehr wertschätzend. Nach ein oder zwei Jahren merkt man, dass er das Beste in einem Mensch entfalten kann. Er hat mir erlaubt, mich persönlich zu entwickeln.

Subotic BVB Klopp (Foto: IMAGO, Sven Simon)
Neven Subotic und sein Trainer Jürgen Klopp Sven Simon

Im Gegensatz zu Ihrem leiblichen Vater konnte Jürgen Klopp seine Gefühle besser zeigen und ausdrücken.

Mein Vater hat bei mir eigentlich immer nur die Fehler gesehen. Klopp aber hat mir gezeigt: Nicht alles, was ich mache, ist ein Fehler, sondern es gibt auch Sachen, die gut laufen. Ich hatte das Vergnügen, Jürgen Klopp sieben oder acht Jahre fast jeden Tag zu erleben. Andere Leute zahlen heute Geld dafür, um ihn mal eine Stunde zu sehen. Für mich war er wie ein Idealbild: So kann ein Trainer ja auch sein. Er muss nicht wie ein General da vorne stehen. Er sieht dich als Mensch und fragt: Wie geht es dir? Was kann ich für dich tun? Diese menschlichen Werte im Fußball zu leben, ist eine große Fähigkeit, die sehr wenige besitzen.

Teures Haus, mehrere Autos: "Total absurd"

Sie sind in Mainz schnell Stammspieler geworden. Auch, weil sich der heutige Cheftrainer Bo Svensson schwerer verletzt hatte. Sie verdienten als junger Kerl schnell viel Geld. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Das war erst mal wild. Man schaut auf den Kontoauszug und sieht erst mal viele Zahlen. Was dann? Es gibt keine Anleitung dafür, was man tun soll. Die Leute im Umfeld kommen und sagen: Du hast Erfolg, du kannst dir alles gönnen. Du hast nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch die moralische Legitimation, das Geld auszugeben. Du hast dir das verdient. Ganz am Anfang habe ich das auch geglaubt. Ich habe mir ein teures Haus und mehrere Autos gekauft und mir Urlaube gegönnt. Aber das war total absurd. Ich bin sehr lange umhergeirrt, bis ich verstanden habe, dass ich nicht da draußen die Antwort finde, sondern in mir drin.

Subotic Fußball Sportwagen (Foto: IMAGO, Stepniak)
Neven Subotic liebte schnelle Autos Stepniak

Wie wichtig war der Austausch mit Leuten, die nicht in der Fußball-Branche arbeiten?

Ich hatte mit 20 oder 21 Jahren Freundinnen und Freunde, die sich nicht im fußballerischen Rahmen bewegten. Sie waren auf der Uni und erlebten jeden Tag Professoren, die ganz neue Ideen an sie herantrugen. Sie wurden in Fächern wie Philosophie, Geschichte oder Literatur intellektuell gefordert. Das war sehr hilfreich. Plötzlich hieß meine tägliche Frage nicht: Wie heißt eigentlich der nächste Gegner? Und: Welcher Spieler wechselt von welchem Verein wohin? Plötzlich hieß die Frage: Was passiert eigentlich in der Welt? Also bin ich tiefer in diese Fragen eingestiegen.

Sind Sie durch die Beschäftigung mit solchen Fragen in der Fußballszene zum Außenseiter geworden?

Etwas Außenseiter war ich immer - außer in den Zeiten, in denen ich der Clown war. Dann fanden das alle toll, weil ich eine Rolle gespielt habe, die lustig war. Aber das war nicht ich. Und wenn ich ein Außenseiter sein muss, um echt zu sein, dann bin ich lieber ich. Aber ich werde dafür repektiert, dass ich meine eigenen Themen habe und anders durchs Leben gehe. Inzwischen habe ich einen Kreis gefunden, der sich ähnlich engagiert wie ich. Ich habe jeden Tag mein Team und meine Unterstützer um mich herum. Wir teilen dasselbe Ziel. Dabei geht es nicht darum, das nächste Spiel zu gewinnen, sondern eine gerechtere Welt zu schaffen.

800 Millionen Menschen ohne sauberes Trinkwasser

Das tun Sie mit Ihrer eigenen Stiftung, die Sie vor zehn Jahren gegründet haben. Warum engagieren Sie sich ausgerechnet für Brunnenprojekte und sanitäre Anlagen in Äthiopien, Kenia und Tansania?

Das Erste, was wir Menschen brauchen, ist Luft. Das Zweite ist Wasser. Wenn wir kein sauberes Wasser haben, dann kommen wir nicht lange über die Runden. Trinkwasser ist für knapp 800 Millionen Menschen weltweit nicht zugänglich. Häufig beschaffen sie sich trotzdem irgendwie Wasser, aber dieses Wasser kommt dann zwangsweise aus einer offenen Pfütze. Das ist verdreckt, verkeimt und treibt den Teufelskreis der Armut weiter voran. Denn die Menschen nehmen dieses Wasser zu sich oder geben es ihren Kindern. Die Krankheitserreger sorgen dafür, dass jeden Tag 300 Kinder ihren fünften Geburtstag nicht erleben werden.

Subotic engagiert sich mit eigener Stiftung (Foto: Patrich Temme, Philipp Nolte)
Neven Subotic engagiert sich in Afrika Patrich Temme, Philipp Nolte

Ich wusste nicht, dass das Problem so dramatisch ist. Ich wusste auch nicht, dass es eine Lösung gibt. Denn unter den Füßen befindet sich ja Grundwasser. Selbst in vielen trockenen Regionen ist Grundwasser da. Die Gemeinden vor Ort können die Kosten, um an das Grundwasser zu gelangen, nicht selbst tragen. Diese Lücke zwischen den Menschen und dem Grundwasser unter ihren Füßen wollten und wollen wir schließen.

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