Griezmann

Fußball | EURO 2024

Meinung: Es geht nicht mehr - der Profifußball hat sein Limit erreicht

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Pirmin Styrnol

Die Viertelfinals der Europameisterschaft sind Geschichte, die Top-Teams haben sich durchgesetzt. SWR-Sportredakteur Pirmin Styrnol ist dennoch von der Qualität der Spiele enttäuscht.

Ich kann mir die ersten Facebook-Kommentare unter diesem Artikel schon vorstellen: "Die Fußballer bekommen genügend Geld, die sollen sich nicht so anstellen." Das kann man vielleicht so sehen, ich finde aber: Das führt an der Realität vorbei. Die Top-Teams bei dieser Europameisterschaft haben bislang allesamt enttäuscht. Und das muss Gründe haben. Am Gehalt der Profikicker liegt es dabei ganz bestimmt nicht - denn dass Geld allein keine Tore schießt, wusste Otto Rehhagel bereits vor 30 Jahren. Ich glaube vielmehr, dass die Belastungsgrenze schlicht erreicht ist. Die Spieler können nichts dafür.

Profis wie Phil Foden, Declan Rice, Antoine Griezmann oder Ilkay Gündogan stehen pro Jahr in rund 60 Spielen auf dem Feld. Als Günter Netzer in den 70ern zur Hochform auflief, waren es derer keine 40. Dazu kommt, dass das Spiel sich in den 50 Jahren seither immens entwickelt hat. Tempo und Intensität steigen mit jeder Saison, der Druck in der Öffentlichkeit sowieso. Das nagt an Körper und Geist. Die Millionengagen mögen zum Teil dafür entschädigen - müde Knochen macht das Geld aber auch nicht wieder munter.

Drei von vier Viertelfinals in der Verlängerung

Von den vier EM-Viertelfinals gingen nun drei in die Verlängerung und auch das Vierte schrammte nur knapp daran vorbei - die Türkei hätte den Ausgleich gegen die Niederlande verdient gehabt. Zwei Spiele schleppten sich dann sogar noch ins Elfmeterschießen. Die Ergebnisse nach 90 Minuten: 1:1, 0:0, 1:1 und 2:1. Spannend, ja - aber Weltklasse war das selten. Vielmehr schien es teilweise, als würden die besten Kicker der Welt ums Elfmeterschießen betteln. Die Favoriten scheuten allesamt das Risiko. Besonders beachtenswert für mich: In den Schlussminuten machte der Außenseiter das Spiel - auffällig vor allem am Samstagabend, als die Schweizer mit aller Kraft auf den Siegtreffer gegen England drängten und die Türken die Oranje-Profis in Grund und Boden liefen.

Dass am Ende trotzdem die vier topgesetzten Mannschaften im Halbfinale stehen, liegt an einer großen Portion Glück, herausragenden Torwartleistungen und Nerven aus Stahl. Die hochgehandelten Engländer mogelten sich mit viel Dusel und einigen starken Einzelaktionen erst in die Verlängerung gegen die Slowakei und dann ins Elfmeterschießen gegen die Schweiz. Frankreich schaffte es gar ohne einen Turniertreffer aus dem Spiel heraus ins Halbfinale (zwei Eigentore, ein Elfmeter). Und die Niederländer konnten sich in einer umkämpften Schlussphase bei Torwart Bart Verbruggen bedanken, dass das 2:1 gegen die Türkei am Ende Bestand hatte. Lediglich Spanien schaffte es bislang in jedem Spiel zu überzeugen, schien in der Verlängerung gegen Deutschland aber ebenfalls stehend K.o.

Manchmal ist weniger mehr

Man kann es schön finden, dass Nationen wie Österreich, Türkei, Schweiz oder Slowakei die "Großen" an den Rand der Niederlage bringen. Auch ich drücke generell den "Kleinen" die Daumen. Dennoch finde ich, dass diese Europameisterschaft vor allem eines zeigt: Die Großen sind platt, die Kleinen können das ausnutzen. Und dieser Trend wird weiter gehen. Bereits jetzt ist beschlossen, dass die Champions-League-Reform das Pflichtspielaufkommen für die Stars nochmal erhöhen wird, dazu kommt im nächsten Sommer noch die neue Klub-WM und 2026 die Fußball-Weltmeisterschaft mit 48 statt 32 Teams. Das Leistungsniveau der überspielten Weltstars wird weiter sinken. Vorteil für jene Mannschaften, deren Stammspieler in eher 50 als 70 Spielen pro Jahr auf dem Feld stehen.

Wozu ein Übermaß an Spielen führt, können wir übrigens seit Jahren in der amerikanischen NBA beobachten, wo es für Zuschauer längst Usus ist, bei Ligaspielen erst zum dritten Viertel zu erscheinen. Bei über 80 Spielen im Jahr ist es für die hochbezahlten Basketball-Profis schlicht unmöglich zu jeder Sekunde Top-Leistung zu bringen. Deshalb plätschert das Spiel bis zum Schlussviertel häufig einfach dahin. Richtig heiß her geht's erst gegen Ende. Wenn der Fußball so weiter macht, ist dieses Szenario nicht mehr weit entfernt. Einen Vorgeschmack lieferte der Samstagabend. Der erste Torschuss im Viertelfinale zwischen England und der Schweiz fiel sage und schreibe in der 51. Spielminute...

Fazit: Liebe FIFA, liebe UEFA, bitte habt ein Einsehen

Es ist anzunehmen, dass auch die Verantwortlichen diesen Trend bemerken. Bleibt zu hoffen, dass sie daraus die richtigen Konsequenzen ziehen. Das Aufblähen des Fußballkalenders muss endlich ein Ende haben - dann können die fußballspielenden Millionäre auch endlich wieder das zeigen, wofür sie so fürstlich entlohnt werden. Dass sie es gerne täten steht für mich außer Frage. Es liegt an den Verbänden, ihnen die Rahmenbedingungen für Weltklasse-Leistungen zu bereiten. Ich finde: 50 Spiele im Jahr wären mehr als genug.

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Pirmin Styrnol

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