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Mit der 0:2-Niederlage gegen England ist für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht nur die Europameisterschaft vorbei, es endet auch die Ära von Bundestrainer Joachim Löw. Die Meinung dazu von Thomas Wehrle aus der SWR Sportredaktion.

0:2 - ausgerechnet gegen England. Das war der trostlose Abschluss der Ära Löw. Kein Glanz, kein Jubel, aber auch ganz wenige Tränen. Keine großen Gefühle. Und so geht es mir auch. Ich sage: „Danke, Jogi“ und ich sage: „Endlich!“. Jogi war über Jahre unser Bundestrainer der Herzen und dann klebte er viel zu lange an seinem Amt. Deshalb fällt meine Bilanz der Ära Löw absolut gespalten aus.

Löw, Klinsmann und Bierhoff 2004 (Foto: Imago, IMAGO / WEREK)
Seine Anfänge als Co-Trainer. Joachim Löws Karriere beim DFB beginnt zwei Jahre vor seinem Amtsantritt als Cheftrainer. Nach dem enttäuschenden Vorrunden-Aus bei der EM 2004 stellt sich der DFB neu auf: Auf Rudi Völler folgt Jürgen Klinsmann als Cheftrainer. Löw wird dessen Assistent, Oliver Bierhoff wird Teammanager. Imago IMAGO / WEREK Bild in Detailansicht öffnen
WM 2006. Als erstes großes Turnier steht für das neue Trainer-Duo die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land an. Dabei begeistert das Team durch leidenschaftlichen Fußball und euphorisiert die ganze Nation (wie beim 1:0-Sieg in der Gruppenphase gegen Polen). Nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien erreicht die DFB-Elf am Ende den dritten Platz. Imago IMAGO / Thorge Huter Bild in Detailansicht öffnen
Erstes Länderspiel. Nach dem Turnier verlängert Klinsmann seinen auslaufenden Vertrag nicht. Joachim Löw übernimmt die Rolle des DFB-Cheftrainers. Sein erstes Länderspiel in neuer Rolle ist ein 3:0-Sieg über Schweden in einem Freundschaftsspiel am 16. August 2006. Die ersten vier Spiele gewinnt die DFB-Elf unter Löw und kassiert dabei kein Gegentor – ein Rekord-Einstieg für einen deutschen Bundestrainer. picture-alliance / Sven Simon | Waelischmiller/SVEN SIMON Bild in Detailansicht öffnen
Höchster Sieg. Im dritten Spiel feiert Löw seinen bis heute höchsten Sieg mit der DFB-Elf: ein 13:0 bei Fußball-Zwerg San Marino. Dabei erzielt unter anderem der 21-jährige Lukas Podolski einen Viererpack. Übrigens: Für den Rekordsieg einer deutschen Nationalmannschaft reicht das Ergebnis nicht. 1912 gab es bei den Olympischen Spielen in Stockholm ein 16:0 über Russland. Imago IMAGO / ActionPictures Bild in Detailansicht öffnen
EM 2008. Das erste Turnier in der Chefrolle ist für Löw die EM in Österreich und der Schweiz. Die DFB-Elf erreicht das Finale und unterliegt Spanien mit 0:1. In der 33. Minute überlupft Fernando Torres Torhüter Jens Lehmann und bringt die Spanier auf die Siegesstraße. Imago IMAGO / Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
WM 2010. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika überzeugt das DFB-Team durch technisch hochwertige Ballstafetten. Im Halbfinale gibt es allerdings eine 0:1-Niederlage. Wieder einmal heißt der Gegner Spanien, das am Ende den Titel holt. Das Team von Joachim Löw sichert sich, wie schon 2006, den dritten Platz (3:2-Sieg gegen Uruguay). Imago IMAGO / Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
EM 2012. Bei der EM in Polen und der Ukraine ist wieder im Halbfinale Schluss. Nach zwei Balotelli-Treffern unterliegen die Deutschen den Italienern mit 1:2. Löw wird daraufhin erstmals scharf kritisiert, auch, weil er Zentrum-Spieler Toni Kroos auf dem linken Flügel aufstellte. Imago IMAGO / Contrast Bild in Detailansicht öffnen
Spektakulärster Sieg. Das denkwürdigste Spiel in der Ära Löw – und vermutlich auch der jüngeren Fußball-Geschichte – gibt es im Halbfinale der WM 2014 in Brasilien. Gegen den Gastgeber führen die Deutschen nach 33 Minuten mit 5:0. Obwohl die Mannschaft im Anschluss einen Gang herunterfährt, steht am Ende ein demütigendes 7:1 gegen die Brasilianer. picture alliance / dpa | Marcus Brandt Bild in Detailansicht öffnen
WM-Titel 2014. Fünf Tage später folgt der Höhepunkt der Löw-Ära: der Weltmeister-Titel 2014 in Brasilien. Die DFB-Elf spielt von Beginn an ein starkes Turnier. Der Bundestrainer sorgt für ein Novum, indem er eine Viererkette aus vier Innenverteidigern bildet. Torschütze beim 1:0-Finalsieg über Argentinien ist Mario Götze, den Löw kurz zuvor mit den Worten "Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi" aufs Feld geschickt haben soll. Imago IMAGO / MIS Bild in Detailansicht öffnen
Fanmeile am Brandenburger Tor. Der WM-Titel wird in Berlin mit Tausenden von deutschen Fans gefeiert. Am Brandenburger Tor entstehen unter anderem die Klassiker "So gehen die Gauchos" und "Großkreutz, rück den Döner raus!" Imago IMAGO / Future Image Bild in Detailansicht öffnen
EM 2016. Bei der Europameisterschaft in Frankreich ist für die Löw-Elf im Halbfinale gegen den Gastgeber Schluss. Antoine Griezmann zerstört mit seinen beiden Toren beim 0:2 die Titelträume der Deutschen. Imago IMAGO / Philippe Ruiz Bild in Detailansicht öffnen
Confederations Cup 2017. Beim Vorturnier für die WM 2018 holt Löw mit einem B-Kader überraschend den Titel. Überraschend insofern, als dass die meisten anderen Teams mit der Top-Besetzung angereist sind. Einer der wenigen erfahrenen Nationalspieler im Kader ist Confed-Cup-Kapitän Julian Draxler, der nach dem 1:0-Finalsieg über Chile den Pokal in die Höhe stemmt. Imago IMAGO / Laci Perenyi Bild in Detailansicht öffnen
WM 2018. Den größten Tiefpunkt seiner Karriere setzt es für Löw bei der WM in Russland. In einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea wird ein satt wirkendes deutsches Team Letzter und holt lediglich drei Punkte beim Last-Minute-Sieg gegen die Schweden. Pressebildagentur ULMER | ULMER/Markus Ulmer Bild in Detailansicht öffnen
"Umbruch" 2018. Nach dem WM-Vorrunden-Aus werden die Rücktritts-Forderungen gegenüber Löw lauter. Der DFB hält allerdings an seinem Bundestrainer fest. Stattdessen wird ein Umbruch angekündigt, in dessen Folge Löw die Leistungsträger Müller, Hummels und Boateng nicht mehr nominiert. Eine Entscheidung, die drei Jahre lang immer wieder für Diskussionen sorgt. Imago IMAGO / Eibner Bild in Detailansicht öffnen
Höchste Niederlage. Die Kritik an Löw wird noch heftiger, als er mit seinem Team am 17. November 2020 sein größtes Debakel erlebt. Mit einem 0:6 wird eine chancenlose DFB-Elf von den Spaniern düpiert, die Diskussionen um einen Rücktritt Löws noch vor der EM 2021 werden lauter. picture alliance / GES/Angel Martinez | Angel Martinez Bild in Detailansicht öffnen
EM 2021. Nachdem die DFB-Führung weiter an Löw festhält, holt der Bundestrainer noch vor dem Turnier Hummels und Müller zurück ins Team. Überzeugen konnte die DFB-Elf jedoch selten. Nur gegen Portugal konnte Joachim Löw noch einmal jubeln: Das 4:2 in der Vorrunde war der einzige Sieg bei dem Turnier. SvenSimon | Frank Hoermann Bild in Detailansicht öffnen
Gegen Ungarn zeigte die DFB-Elf jedoch wieder ihr verzagtes Gesicht. Doch Leon Goretzkas Tor in der 84. Spielminute reichte trotzdem zum Weiterkommen: Das 2:2 im letzten Gruppenspiel gegen Ungarn sicherte Joachim Löw und der deutschen Nationalmannschaft das Achtelfinale in Wembley - gegen England. x Bild in Detailansicht öffnen
Endstation Wembley: Das 0:2 im Achtelfinale der EM 2021 gegen England war das letzte Spiel von Joachim Löw als Bundestrainer. Der Nachfolger steht schon fest: sein ehemaliger Assistent und Bayern-Trainer Hansi Flick. Imago ULMER Pressebildagentur Bild in Detailansicht öffnen

Unvergessen: Das legendäre Spiel im Maracana

Ich verdanke Jogi Löw und seiner Nationalmannschaft den vielleicht größten Abend meines Sportjournalistenlebens. Ich durfte dabei sein, als Deutschland im legendären Maracana-Stadion von Rio Fußball Weltmeister wurde. Wir waren uns damals schon in der tropischen Nacht alle einig: Besser geht´s nicht mehr. Für die Mannschaft, für Jogi und für uns. In dieser Nacht verpasste Jogi Löw den größtmöglichen Abgang seiner Karriere. Er wollte als Weltmeistertrainer weitermachen. Eine damals durchaus nachvollziehbare Entscheidung.

Nach dem EM-Finale 2008, dem dritten Platz bei der WM 2010, dem Halbfinal-Aus 2012 gegen Italien und dem Finaltriumph im Maracana kam Jogis Nationalmannschaft auch 2016 ins EM-Halbfinale. Es schien als hätte der ewige Bundes-Jogi auch den Erfolg endlos gepachtet.

Joachim Löw wirkte wie ein Fußball-Buddha

Der dramatische Absturz begann tief im Inneren des Bundestrainers. Schleichend nach dem WM-Triumph, sicht- und spürbar in der Vorbereitung auf die Mission Titelverteidigung. Jogi entrückte, schwebte über allem und verlor prompt die Bodenhaftung. Verlor den Kontakt zur Mannschaft, zu den Gegnern, zum Fußball. Er war sich so sicher, dass er jede Situation meistern würde. Er wirkte wie ein Fußball-Buddha. Losgelöst von den irdischen Problemen des Fußballlebens.

Der deutsche Fußball hat Jahre verloren

Die Quittung kam 2018. Vorrunden-Aus nach trostlosen und blutleeren Auftritten. Die größte Überraschung nach dem Debakel: Löw trat nicht zurück und er wurde auch nicht entlassen. Er übernahm nicht die Verantwortung, er machte einfach weiter. Es folgte die Trennung von Müller, Boateng und Hummels, es folgte der Versuch eines Neuanfangs, holprige Spiele, trostlose Ergebnisse und kurz vor der Euro das Comeback von Müller und Hummels. Jogi hat nichts unversucht gelassen, einen erfolgreichen, versöhnlichen Abgang zu schaffen. Das ist einigermaßen gelungen, der deutsche Fußball aber hat Jahre verloren. Das überschattet die Ära Löw.

Jetzt ist er weg und Hansi Flick übernimmt. Endlich! Ich sage trotzdem: Danke Jogi Löw. Danke für große Momente. Die werden bleiben - trotz der letzten mageren Jahre.

March/Koblenz

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