U21-Trainer Stefan Kuntz (Foto: Imago, Imago)

Fußball | U21-Nationalmannschaft Kuntz: "Wenn ich elf Messis habe, brauche ich keinen Teamspirit"

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Der Neustart ist geglückt: Die deutsche U21 überzeugte zum Auftakt der EM-Qualifikation. Im Interview mit SWR Sport erklärt Trainer Stefan Kuntz die Schwierigkeiten und den Reiz eines Umbruchs.

SWR Sport: Stefan Kuntz, zunächst mal herzlichen Glückwunsch. Gestern Abend ein gelungener Start in die EM-Qualifikation. 5:1-Sieg in Wales. War das zu erwarten, dass es gleich zu Beginn mit einer neuformierten U21-Nationalmannschaft so gut läuft?

Stefan Kuntz: Danke für die Glückwünsche! Nein, das war nicht ganz so zu erwarten. Wir waren vorgewarnt, weil Wales den Mit-Favoriten in der Gruppe, Belgien, zu Hause geschlagen hat. Was uns zu Gute kam ist, dass einige Spieler sich aus der U17, U18 und U19 schon kennen. Da gab es schon so eine kleine Gang, die zusammengehalten hat. Wir haben versucht, die Defensiv- und Offensivprinzipien, mit denen wir in den letzten Jahren zum Erfolg gekommen sind, den Jungs zu vermitteln. Und dann ging es natürlich relativ schnell darum, dass sich die Jungs wohlfühlen, dass sie Spaß haben, wir haben viele Einzelgespräche geführt. Dann muss man sagen: Wir haben natürlich mit den drei Toren von Robin (Hack, Anm. d. Red.)  dann auch den notwendigen Lauf gehabt und auch das Spielglück. Aber insgesamt, muss ich sagen, hat mich die Mannschaft positiv überrascht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die zwei Innenverteidiger ohne Spielpraxis sind und die beiden Außenverteidiger auf einer Position zum Einsatz kamen, die sie im Verein nicht spielen. Das war schon toll!

Der Zusammenhalt war ja schon das Mitentscheidende bei der erfolgreichen EM. Ist das auch ein Grund, warum es unter den Jungs und auch im Trainerteam so gut funktioniert?

Wir haben Regeln, die die Jungs auch mitgestalten und die sie dann letztendlich auch als notwendig erachten, um Erfolg zu haben. Wenn man natürlich elfmal Messi mit der Klasse auf seiner Position hätte, dann brauchen wir auch nicht zu gucken, ob der Teamspirit passt. Weil dann ist ihr individuelle Qualität einfach unwahrscheinlich hoch. Wenn man das aber nicht hat, dann glaube ich, dass der Teamspirit eben das ist, was in engen Spielen den Sieg bringen kann. Die Spieler müssen keine Angst vor Fehlern haben und können sich dann auch selbst weiterentwickeln.

Sie haben Robin Hack angesprochen. Es scheint ja in der Offensive wieder zu laufen. Aber wie kann man sich das vorstellen, immer wieder eine neue Mannschaft formieren zu müssen? Da gehört ja auch ein ordentliches Scouting dazu. Da sind auch Jungs dabei, die noch nicht mal in Deutschland spielen.

Wir schauen uns meistens Jungs in ihren Vereinen an, wo sie dort spielen, auf welcher Position. Dann kommen die Gespräche dazu, auf welcher Position sie sich wohlfühlen. Das ist dann wie ein kleines Puzzle, bei dem wir schauen, wie wir die Jungs einsetzen. Oder zum Beispiel wie bei Ridle Baku oder Nico Schlotterbeck auf Positionen, die sie gerne annehmen wollten. Aber wir halten die Kirche mal im Dorf. Wir freuen uns über das Ergebnis, aber damit ist die Qualifikation noch nicht geschafft oder wir schon wieder irgendwo an einen Punkt, wo wir hinwollen. Dazu sind schon noch einige Schritte notwendig.

Ist es ein Zufall, dass so viele Spieler, immer wieder auch in der A-Nationalmannschaft, aus dem Südwesten dabei sind? Beispielsweise Niklas Dorsch, der in Heidenheim spielt, Nico Schlotterbeck in Freiburg oder die Baku-Zwillinge. Jetzt auch Lennart Grill vom 1. FC Kaiserslautern als Torwart. Das ist schon eine relativ interessante Häufung...

Ja, macht mir persönlich das scouten einfacher (lacht), weil ich ja noch im Saarland wohne. Aber da kann ich jetzt irgendwie nichts daraus herleiten, außer dass die Vereine einen guten Job machen.

Was man aber herleiten kann ist die Torwart-Arbeit von Gerry Ehrmann beim 1.FC Kaiserslautern. Mit Lennart Grill hat jetzt wieder einer den Sprung aus einer unteren U-Mannschaft in die U21 geschafft. Das ist faszinierend, was Torwart-Trainer Gerry Ehrmann immer wieder aus dem Hut zaubert, oder?

Ja, auch wenn es die meisten Fans von Lautern oder von Mainz nicht so gerne hören. Es ist eine gelungene Co-Produktion. Die Ausbildung hat er in Mainz absolviert und die nächsten Schritte beim FCK gemacht. Das ist beeindruckend und ist dann auch schön, wenn du bei uns dann gleich nochmal mit Klaus Thomforde einen weiteren gestandenen, ehemaligen Torhüter als Trainer hast. Und am Besten ist natürlich, wenn zum Schluss dann eine super Entwicklung steht.

Ein Wort vielleicht zum FCK (Kuntz ist ehemaliger Spieler und war Vorstandschef, Anm. d. Redaktion), zur augenblicklichen Situation. In der 3. Liga läuft's nicht allzu rund, schon im zweiten Jahr nach dem Abstieg. Wie schätzen Sie die Lage beim FCK ein?

Erst schon aus der Ferne im Detail schwer zu beurteilen. Klar, es ist der Verein, bei dem bei mir am meisten Emotionen dranhängen. Wenn man die Verpflichtungen drumherum sieht, das Stadion und all das, was auf den Verein an Kosten zukommt, ist man darauf angewiesen, dass man sportlich sehr gut scoutet und eine gute Mannschaft zusammenstellt. Die Erwartungshaltung im Umfeld ist natürlich auch nicht immer einfach. Ich würde mir wünschen, dass man relativ schnell aus der 3. rauskommt.

Bei der U21 geht es jetzt weiter gegen Bosnien Herzegowina. Belgien und Moldawien sind die weiteren Gegner. Das Ziel sollte logischerweise der Gruppensieg und damit die direkte Qualifikation für die EM sein.

Genauso sieht das bei uns aus. Wir haben als nächstes ein Freundschaftsspiel gegen Spanien. Wir wollen uns zwischendurch mit den Besten messen, damit wir merken wo fehlt noch was bei uns. Entscheidend wird aber auch sein, ob die Jungs dazwischen in ihren Vereinen Spielzeit bekommen. Weil das merkt man in dem Alter, das ist unersetzlich. Die Jungs, die Spielzeit haben, haben auch einen leichten Vorteil.

841 Zuschauer waren gegen Wales im Stadion. Hat man da auch als Trainer nicht vielleicht den Wunsch und die Ambitionen, dass es ja nochmal einen Schritt nach vorne geht und vielleicht auch mal die ganz große Fußballbühne als Trainer zu erreichen?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben darüber geredet, und ich habe ihnen (den Spielern, Anm. D Redaktion) gesagt, dass muss man sich so vorstellen: Wir spielen im kleinen Theater vor wenigen Zuschauern. Aber die U21 wird natürlich mittlerweile von der ganzen Bundesliga geschaut. Der Anteil an Fachpublikum bei so einem Spiel ist da sehr, sehr hoch. Volle Stadien haben die Jungs meistens in ihren Vereinen und wenn sie später A-Nationalspieler werden.

Und wie sieht's beim Trainer selbst aus?

Ich bin vollkommen zufrieden, so wie es ist!

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