Klaus Fischer 1977 (Foto: Imago, Imago)

Fußball | Nationalmannschaft

Länderspiele in Stuttgart: Fischers Jahrhundert-Fallrückzieher toppte alles

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Am Sonntag (20.45 Uhr) spielt die Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation in Stuttgart gegen Armenien. In der Vergangenheit gastierte das deutsche Team schon oft für Länderspiele in der Schwaben-Metropole, dabei gab es zahlreiche unvergessene Höhepunkte.

Wer die Bilder dieses Fußball-Kunstwerks einmal gesehen hat, der vergisst sie nie wieder. Es ist der 16. November 1977, Länderspiel Deutschland gegen die Schweiz im Stuttgarter Neckarstadion. Sololauf von Schalkes Flügelflitzer Rüdiger Abramczik über die rechte Seite, hohe Flanke in den Strafraum, dort legt sich sein Schalker Sturmpartner Klaus Fischer plötzlich mit dem Rücken zum Tor waagerecht in die Luft und jagt den Ball per Fallrückzieher fulminant in den Winkel.

Fischers Jahrhunderttor als Verlegenheitslösung

Eine artistische Szene, ein genialer Treffer. Dieses zauberhafte 4:1 des Torjägers Klaus Fischer gegen die Eidgenossen wurde später sogar zur historischen Marke: Gewählt zum Tor des Monats, zum Tor des Jahres, zum Tor des Jahrzehnts. Obwohl: Dieses unglaubliche Kunststück entsprang aus einer verunglückten Aktion: "Die Flanke war eigentlich nicht gut und viel zu hoch für einen Kopfball", erinnerte sich Klaus Fischer auch Jahre später an die Szene von Stuttgart, "also musste ich einen Fallrückzieher ansetzen, um überhaupt noch an den Ball zu kommen".

Die mehr als 60.000 Zuschauer im Neckarstadion jedenfalls rieben sich an jenem nasskalten Novemberabend verwundert die Augen. Sie waren, was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten, Zeugen des Jahrhunderttors im deutschen Fußball geworden.

Das erste Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg im Neckarstadion

Historisch wertvoll war auch der 22. November 1950: Der deutsche Fußball durfte endlich wieder mitmachen im internationalen Wettbewerb, die Nationalmannschaft bestritt das erste Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 100.000 Zuschauer drängten sich an jenem Mittwoch auf den Tribünen des überfüllten Neckarstadions. Mit dabei war auch der legendäre Reporter Herbert Zimmermann, der später auch das "Wunder von Bern", den WM-Sieg 1954, kommentierte.

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Herbert Burdenski schoss damals den entscheidenden Treffer kurz vor der Pause per Elfmeter zum 1:0-Endstand. Zwei, drei Schritte Anlauf im knöcheltiefen und morastigen Rasen und drin war der Ball zum bedeutendsten Tor von Nationalspieler Herbert Burdenski, dem Vater des späteren Bremer Nationalkeepers Dieter Burdenski.

Mit dabei im deutschen Dress aus dem Südwesten waren Karl Barufka vom VfB Stuttgart, Fritz Balogh vom VfL Neckarau und der Lauterer Ottmar Walter. Bruder Fritz fehlte verletzt. Von draußen dirigierte Seppl Herberger. Es war sozusagen die "Stunde Null" im deutschen Fußball nach achtjähriger Länderspiel-Pause. Und Stuttgart war die Bühne dafür.

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Auch der erste Sieg gegen Brasilien gelang in Stuttgart

Alle Größen dieser Fußball-Welt waren in Stuttgart schon zu Gast. Die Italiener, die Spanier, die Argentinier und natürlich auch die faszinierenden Brasilianer. Am 16. Juni 1968 gelang der DFB-Elf in Stuttgart historisches, als Deutschland in der Sommerhitze des Neckarstadions der erste Sieg überhaupt gegen den mehrfachen Weltweister aus Südamerika gelang. Auf den Tribünen schützten sich die 74.000 mit Hüten gegen die stechende Sonne, auf dem Rasen schossen Sigi Held und Charly Dörfel die Tore zum umjubelten 2:1-Triumph. Brasilien - ohne Pele angetreten - war erstmals geschlagen, Stuttgart und ganz Fußball-Deutschland feierten den Triumph.

Grandioser Abschluß des "Sommermärchens" in Stuttgart

Das emotionale Highlight in der Stuttgarter Länderspiel-Historie war aber jedoch der 8. Juli 2006. WM-Spiel Deutschland gegen Portugal um Platz drei. Das "kleine Finale" des zauberhaften Sommermärchens unter dem Stuttgarter Bundestrainer Jürgen Klinsmann wurde zum grandiosen Schauspiel.

Das umgebaute Gottlieb-Daimler Stadion war an jenem Tag mit 52.000 Zuschauern restlos ausverkauft, der Karlsruher "Titan" Oliver Kahn beendete mit dieser Partie seine Nationalmannschaftskarriere, Bastian Schweinsteiger zimmerte den Ball gleich zweimal unter die portugiesische Torlatte. Deutschland gewann mit 3:1 und wurde nicht nur in der eigens für die WM renovierten Arena wie für einen Titelgewinn gefeiert.

Jogi Löw und Jürgen Klinsmann nach dem 3:1 in Stuttgart gegen Portugal (Foto: Imago, Imago)
Jogi Löw und Jürgen Klinsmann nach dem 3:1 in Stuttgart gegen Portugal Imago Imago

Gleich danach versammelten sich zehntausende Fans dichtgedrängt rund ums deutsche Mannschaftshotel am Stuttgarter Hauptbahnhof. Stundenlang bejubelten sie das deutsche Team mit dem schwäbischen "Klinsi", der sich für die phantastische Unterstützung während der WM be- und danach als Bundestrainer abdankte.

Historische und unvergessene Fußball-Momente der deutschen Nationalmannschaft in Stuttgart. Fortsetzung folgt - ganz bestimmt.

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