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Joachim Löw bleibt Bundestrainer. Der 60-Jährige genießt "weiterhin das Vertrauen des Präsidiums", heißt es in einer Pressemitteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Das Festhalten am Schwarzwälder ist die falsche Entscheidung, findet SWR-Sportredakteur Johann Schicklinski.

Dass Joachim Löw nach der verkorksten Weltmeisterschaft 2018 in Russland trotz des historischen Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft als Bundestrainer weitermachen durfte, war auch angesichts seiner Meriten nachvollziehbar. Der Schwarzwälder - seit 2006 im Amt - hatte die DFB-Auswahl über ein Jahrzehnt geleitet, in der Weltspitze etabliert und zum ersehnten vierten WM-Titel 2014 in Brasilien geführt. Da war es nur logisch, dass er die Chance bekam, die damalige Blamage, die ein einmaliger Ausrutscher zu sein schien, wiedergutzumachen.

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Der Abwärtstrend hält an

Doch knapp zweieinhalb Jahre später muss man konstatieren: Joachim Löw hat die Kehrtwende nicht geschafft. Die Nationalmannschaft irrlichtert seit dem WM-Debakel vor sich hin und das Interesse der Fans weist historische Tiefstwerte auf. Und das liegt nicht an der Corona-Pandemie, sondern an den Leistungen auf dem Platz. Jüngst kulminierte der Abwärtstrend in einem desaströsen 0:6 in Spanien. "Ein einzelnes Spiel kann und darf nicht Gradmesser für die grundsätzliche Leistung der Nationalmannschaft und des Bundestrainers sein", heißt es dazu in der DFB-Mitteilung. Die höchste Niederlage seit 1938 darf also nicht zur Beurteilung dienen, ob Löw noch der Richtige ist?

Das halte ich für eine komplett falsche Argumentation, denn das 0:6 war nur der Tiefpunkt - was man auch beim DFB wissen sollte. Blickt man auf die zweieinhalb Jahre davor, dann ist die Aufbruchstimmung längst verpufft. Löws Mängelliste ist lang, beginnend mit seinem Kerngeschäft, der Trainertätigkeit: Eine Stammelf, eine stringente taktische Ausrichtung oder ein funktionierendes System sind nicht zu erkennen. Im Gegenteil, insbesondere die Defensivleistung könnte nicht weiter von der Weltspitze entfernt sein.

Personalpolitik nicht immer nachvollziehbar

Womit wir bei den Spielern sind: Die Personalpolitik Löws wirkt aktionistisch, getrieben und oft nicht nachvollziehbar. Ein Beispiel dafür war die Ausmusterung von Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng. Angesichts der Leistungen der Nationalmannschaft, aber auch der drei Profis in ihren Klubs, werden immer wieder Forderungen nach einer Rückholaktion laut. Doch Löw kann dabei nicht mehr gewinnen. Bleibt der 60-Jährige bei seiner Haltung, schwächt er seine Mannschaft sportlich. Würde er die drei Profis "begnadigen", käme das einem Gesichtsverlust gleich.

Auch der Verweis auf die vermeintlich junge Mannschaft, die noch Zeit brauche, schlägt fehl, denn so jung ist diese gar nicht. Beim 0:6 in Spanien war der jüngste Spieler in der Anfangsformation 24 Jahre alt - Gegner Spanien war im Durchschnitt deutlich jünger. Beim DFB-Team standen Profis von Bayern München, Real Madrid, Manchester City oder dem FC Chelsea auf dem Platz. Sie alle rufen in ihren Klubs Top-Leistungen ab. Doch in der Nationalmannschaft fehlt ihnen eine klare Vorgabe.

Löw wirkt lethargisch

Und schließlich ist da die Außendarstellung. Löw wirkte beim Debakel in Spanien auf der Bank fast teilnahmslos. Es erinnerte stark an die verkorkste WM in Russland. Der Schwarzwälder wirkt bei öffentlichen Auftritten mittlerweile fast etwas beratungsresistent und über Kritik erhaben. Nachfragern entgegnet er gerne, dass er und sein Team das "große Ganze" im Blick hätten und die richtigen Schlüsse ziehen würden. Der Beweis auf dem Platz blieb indes bislang aus.

Doch der DFB hält trotz dieser offensichtlichen Mängel an Löw fest - und verpasst damit einen echten Neuanfang. Jetzt wäre die Möglichkeit gewesen, etwas mehr als ein halbes Jahr vor der EM 2021, noch einmal so etwas wie Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Frischen Wind reinbringen, vielleicht auch wieder einmal eine Erwartungshaltung aufbauen. Doch diese Chance wurde nicht genutzt. Stattdessen gab es vom Verband ein "Weiter so" mit Joachim Löw.

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