Die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft halten sich vor dem Auftaktspiel der DFB-Elf zur FIFA-Fußball-WM 2022 in Katar gegen Japaen den Mund zu. (Foto: IMAGO, IMAGO / Ulmer/Teamfoto)

Fußball | WM in Katar

Fanforscher: "Die Fans haben sich abgewendet"

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Detlev Lindner
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Michael Richmann
SWR Sport-Redakteur Michael Richmann (Foto: SWR, Anna Spieth)

Schlechte Quoten, Menschenrechtsverletzungen, Zensur in den Stadien - und dann der enttäuschende WM-Auftakt des DFB-Teams. Die FIFA-WM 2022 in Katar kann in Deutschland keine Euphorie erzeugen.

Nicht einmal zehn Millionen Menschen wollten den Auftakt der DFB-Elf bei der FIFA-WM 2022 in Katar (1:2 gegen Japan) in der ARD anschauen. Bei der WM vor vier Jahren in Russland war das TV-Interesse an den Nachmittagsspielen der deutschen Nationalmannschaft fast doppelt so groß. Fanforscher Harald Lange (Uni Würzburg) sieht darin den vorläufigen Tiefpunkt einer Entwicklung in der deutschen Fan-Szene, die schon deutlich vor dem Turnier angefangen hat: "Es ist eine Gemengelage an Gründen, die da relevant sind", sagt er im SWR. "Ich beobachte schon seit längerem - auch mit Blick auf den Bundesliga-Fußball -, dass da eine zusehends größer werdende Unzufriedenheit zwischen der Basis und 'denen da oben', die die Geschicke des Fußballs lenken, ist."

WM in Katar "die Krönung" einer längeren Entwicklung

Die umstrittene WM in Katar mit den vielen Toten auf den Baustellen, der fragwürdigen Menschenrechtslage und der Zensur in den Stadien sei nur der Tropfen, der das Fass in den Augen vieler Fans überlaufen ließ: "Da haben die Verbände, auch der DFB, moralisch sozusagen blank gezogen, indem sie das Thema einfach ignoriert haben."

Für Lange ist dies ein "moralischer Offenbarungseid". "Solche Versäumnisse kann man im Laufe des Turniers nicht mehr durch das Kunstprodukt 'One-Love'-Binde" kaschieren." Die Fan-Szene sei kritischer und selbstbewusster geworden: "Das hätte man vor 20 Jahren mit solchen Strategien noch hingekriegt. Aber die Fankultur heutzutage in Deutschland ist eine ganz andere."

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Kritik an der WM ist auch Kritik am DFB

Der Umgang mit der 'One-Love'-Binde und die Mund-zu-Kampagne trage dazu bei, dass sich die kritischen Fans bestätigt fühlten: "Hier wird eine DFB-Kampagne aufgesetzt, die Spieler werden auch noch mit in die Pflicht genommen. Aber im Grunde spielt im Hintergrund ein größerer Streit zwischen der UEFA und der FIFA eine große Rolle." Am Ende gehe es bei diesem Streit lediglich darum: "Wer macht am Ende das große Geld - die FIFA oder die UEFA?"

Die Kritik an der WM in Katar sei indirekt auch als Kritik am DFB zu verstehen: "Die Fans haben sich vom DFB abgewandt. Der DFB sollte sich fragen: Was hat das für Konsequenzen für das nächste Jahr, das übernächste Jahr und die vor allem für die Heim-EM 2024." Die Fans hätten sich entwickelt, der DFB sei hingegen "noch so, wie in den 1960er und -70er Jahren". Der 54-jährige Lange hofft auf einen Reform-Prozess, der jedoch Jahrzehnte andauern könne. "Mein Rat: Ändert euch und beauftragt nicht einfach wieder eine PR-Agentur, die euch ein neues Image verpasst." Die Fans hätten immerhin schon erreicht, dass der DFB in den vergangenen Wochen eine kritischere Distanz zur FIFA aufgebaut habe.

DFB-Team kann keine Euphorie entfachen

Die sportliche Leistung der deutschen Nationalmannschaft sei auch nicht in der Lage, diesen Riss zu übertünchen - selbst wenn die DFB-Elf am Sonntag gegen Spanien gewinnen und doch noch ein erfolgreiches Turnier spielen sollte. "Gerade auf dieser emotionalen Ebene ist das Turnier belastet. Wer sich im ersten Spiel distanziert hat, der hat da schon eine Entscheidung für sich getroffen. Diese Entscheidung lässt er sich dann auch nicht mehr nehmen, weil die deutsche Mannschaft plötzlich gut spielt. Man ist einfach enttäuscht, hat sich abgewendet und hofft, dass sich nun etwas Grundlegendes verändert."

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