Niclas Füllkrug jubelt mit ausgestrecktem Zeigefinger nach seinem Tor zum 1:1 gegen Spanien. Er trägt ein weißes Trikot mit einem großen schwarzen Streifen in der Mitte. (Foto: IMAGO, Agencia MexSport)

Fußball | WM in Katar

Niclas Füllkrug und die Renaissance des Neuners

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Joel Lischka

Sie galten jahrelang als aussterbende Art im Fußball. Die Rede ist von klassischen Mittelstürmern. Aber Totgesagte leben länger. Das zeigt auch die Weltmeisterschaft in Katar.

Als sich Luis Enrique in der 54. Minute zum ersten Wechsel entschied, gab er der Partie zwischen Spanien und Deutschland eine Wendung. Der Nationaltrainer der Iberer brachte Álvaro Morata für Ferran Torres. Acht Minuten später knipste der Mann von Atlético Madrid in Torjäger-Manier: Er spritzte in eine flache Hereingabe von Jordi Alba und traf zum 1:0.

Morata ist ein Mittelstürmer alter Schule. Groß und abschlussstark. Der wendige und dribbelstarke Torres hingegen steht für die Entwicklung des Weltfußballs des letzten Jahrzehnts. Unter Trainer Pep Guardiola perfektionierten der FC Barcelona und später die spanische Nationalmannschaft mit Vicente del Bosque den Ballbesitzfußball ohne klassische Neun.

Andere Vereine und Nationen, wie auch Deutschland, kopierten das System. Das Problem: Gegen ein tief stehendes und gut organisiertes Team fällt es selbst den technisch besten Spielern schwer, Chancen zu kreieren. Deshalb wünschen und fordern nicht nur Medien sondern auch Fans die Rückkehr der klassischen Mittelstürmer.

Füllkrug rettet DFB-Team

Im Spiel gegen Spanien sah sich Bundestrainer Hansi Flick gezwungen, in der 70. Minute den großen und wuchtigen Niclas Füllkrug einzuwechseln. Sofort hatte Deutschland eine andere Präsenz im Strafraum, als der bei Werder Bremen spielende Torjäger auf dem Platz war. Und genau dieser Füllkrug war es auch, der das wichtige 1:1 in der 83. Minute erzielte. Aus halbrechter Position im Sechzehner knallte er den Ball mit dem Vollspann in den linken Winkel. Ohne ihn vorher anzunehmen. Im Stile eines Abschlussstürmers.

Jamal Musiala, der zuvor aus ähnlicher Position am starken Keeper Unai Simón scheiterte, wäre beim Treffer auch zum Torschuss bereit gewesen. Doch Füllkrug ließ den gebürtigen Stuttgarter nicht (nochmal) schießen und traf in seinem erst dritten Länderspiel zum zweiten Mal. Dieser Fakt zeigt die Problematik im deutschen Team auf. Füllkrug ist bereits 29 Jahre alt, aber erst kurz vor der Weltmeisterschaft Nationalspieler geworden.

Deutschland verfügt seit Miroslav Klose und Mario Gómez über keinen klassischen Mittelstürmer mit Weltklasseformat. Der ehemalige Kaiserslautern-Profi Klose ist mit 16 Treffern Rekordtorschütze bei Fußball-Weltmeisterschaften. Nach dem WM-Sieg 2014 trat er aber aus der Nationalmannschaft zurück. Mario Gómez war 2018 zwar Teil des WM-Kaders, aber kein Stammspieler unter Trainer Joachim Löw. Der ehemalige Stürmer vom VfB Stuttgart musste sich mit der Rolle des Ersatzspielers zufriedengeben.

Ronaldo, Kane, Giroud

Schon vor Turnierbeginn diskutierte Fußball-Deutschland über die Position des Mittelstürmers. Andere Mitfavoriten haben klassische Kanten vorne drin, die Stammspieler sind. Harry Kane stürmt für England und die Franzosen haben Olivier Giroud, der eigentlich Ersatzmann von Karim Benzema ist. Doch der Ballon-d'Or-Gewinner und Weltklassestürmer kann wegen einer Oberschenkelverletzung nicht in Katar spielen.

Und dann gibt es noch einen gewissen Cristiano Ronaldo. Der 37-Jährige hat in den letzten Jahren seine Metamorphose zum Mittelstürmer vollzogen. Früher agierte der Portugiese noch als Außenbahnspieler, mittlerweile hält er sich vermehrt im Strafraum auf, um wie ein typischer Neuner zu vollstrecken. Gegen Ghana traf er per Strafstoß zum 1:0 beim 3:2-Sieg.

Cristiano ballt die rechte Hand zur Faust un bejubelt seinen Treffer zum 1:0 gegen Ghana. Er trägt ein rot-grünes Portugal-Trikot mit der Nummer sieben. (Foto: IMAGO, Pro Sports Images)
Superstar Cristiano Ronaldo verwandelte sich im Laufe seiner langen Karriere vom Außenbahnspieler zum Vollstrecker. Pro Sports Images

In die Riege eines Ronaldo gehört Niclas Füllkrug nicht, doch sein Tor gegen Spanien nährt die Hoffnung auf weitere Einsätze des Stürmers – und weitere Treffer in Torjäger-Manier. Vielleicht schon am Donnerstag im letzten Gruppenspiel gegen Costa Rica. Die Mittelamerikaner werden den Deutschen den Ball überlassen und tief stehen. Ein Startelfeinsatz Füllkrugs mit seiner Präsenz böte sich an.

Aber auch ohne Niclas Füllkrug: Der damals aussterbende Dino der Gattung Mittelstürmer hat die Fußball-Revolution im letzten Jahrzehnt auf jeden Fall überlebt.

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Joel Lischka

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