Nationalmannschafts-Kapitän Manuel Neuer wird während der WM in Katar nicht die "One Love"-Binde tragen.  (Foto: IMAGO, IMAGO / Ulmer/Teamfoto)

WM in Katar | Verzicht auf "One Love"-Binde

11Freunde-Chefredakteur Köster: "Die Nationalmannschaft soll sich schämen"

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Der DFB und andere europäische Verbände haben dem Druck der FIFA nachgegeben und tragen bei der WM in Katar keine "One Love"-Binde. Philipp Köster vom Fußballmagazin "11Freunde" findet das Einknicken beschämend und spricht im Interview mit dem SWR von einer "vergebenen Chance".

Um ein Zeichen für die Einhaltung von Menschenrechten und gegen jegliche Diskriminierung zu setzen, wollten Manuel Neuer und andere Spielführer europäischer Teams während der WM eine Kapitäns-Binde mit den Aufdruck "One Love" tragen. Doch nachdem die FIFA um Präsident Gianni Infantino mit Sanktionen drohte, machten Deutschland, England, Wales, die Niederlande, die Schweiz, Belgien und Dänemark einen Rückzieher.

Im SWR-Interview spricht Philipp Köster, Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11Freunde", über die geplatzte Aktion, seine eigene Einstellung zur WM und die möglichen Auswirkungen eines Fernseh-Boykotts.

SWR: Herr Köster, wie gehen Sie selbst als Fußball-Fan mit der WM um?

Philipp Köster: Es ist ein zwiespältiges Gefühl. All das, was man sonst von der Weltmeisterschaft erwartet, flirrende Vorfreude, dass man eine Tipp-Runde im Büro macht oder auch mal ein Panini-Heft kauft, all das hat man nicht gemacht, weil man mit den Umständen, wie diese WM überhaupt nach Katar gekommen ist, überhaupt nicht zufrieden ist. Das geht uns in der Redaktion nicht anders als vielen hunderttausenden Anhängern in der ganzen Republik. Also wir haben alle ein zwiespältiges, ungutes Gefühl.

SWR: Dieses ungute Gefühl bewegt viele Menschen, den Fernseher überhaupt gar nicht erst anzumachen und die Spiele zu sehen. Aber was für einen Sinn kann so ein Fernseh-Boykott überhaupt haben? Das kriegen die Verantwortlichen vor Ort ja überhaupt nicht mit.

Philipp Köster: Ich glaube, es ist zumindest für einen selbst wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass man diese WM nicht so intensiv verfolgt wie andere. Ich glaube auch nicht, dass es nur darum geht, dass wir nur auf die Einschaltquoten stieren: Haben jetzt nun 6,8 oder 14,2 Millionen zugeschaut? Sondern viel wichtiger ist, mit welcher Distanz wir jetzt auch zu diesem Turnier stehen und ich glaube, das wird der FIFA und den Nationalverbänden irgendwann auffallen, dass die Leute nicht mit Freude auf dieses Turnier gucken, sondern mit Argwohn und Frustration darüber, wie das alles soweit kommen konnte. Insofern wird sich der Schaden möglicherweise erst später zeigen als jetzt während des Turniers.

SWR: Die FIFA hat den Spielern, die ihre Kritik an der WM mit der sogenannten "One Love"-Binde zeigen wollten, mit der Gelben Karte oder anderen Sanktionen gedroht. Manuel Neuer und andere werden die Binde also gar nicht tragen. Was sollen die Spieler, die deutsche Nationalmannschaft, denn jetzt tun?

Philipp Köster: Die Nationalmannschaft soll sich schämen. Denn ich finde, sie hätte nicht einknicken dürfen vor dem Druck der FIFA, die dann mit Sperren und Punktabzug gedroht hat. Ich finde, die großen europäischen Verbände, darunter waren ja auch Holland und England dabei, hätten konsequent Haltung zeigen sollen, statt nur Meinung und diese Binde tragen sollen. Ich glaube, die FIFA hätte es auf diese Machtspiele, diese Machtprobe gar nicht ankommen lassen. Insofern: Ein dunkler, ein schwarzer Tag eigentlich dafür, was dieses Turnier eigentlich aus der deutschen Nationalmannschaft machen sollte: Nämlich eine integere Gruppe mit Haltung, die nicht nur Meinung vertritt, sondern wirklich auch für Menschenrechte und gegen Diskriminierung einsteht.

SWR: Das alles noch vor dem ersten Spiel der Deutschen. Wie geht's jetzt weiter?

Philipp Köster: Die Nationalmannschaft muss sich jetzt natürlich neu verhalten, vielleicht wird sie versuchen, eine andere plakative Aktion für mehr Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung zu starten, aber klar ist eben auch: Da ging es einmal darum, dass die Nationalmannschaft Haltung zeigt, das hat sie nicht geschafft und das ist eine vergebene Chance. Wieder einmal.

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