U21 Nationaltrainer Stefan Kuntz vor der U21 Europameisterschaft (Foto: Imago, Imago)

Fußball | U21 Europameisterschaft Stefan Kuntz vor U21-EM: Damals Oberlippenbärte, heute Tattoos

Am Sonntag begann in Italien und San Marino die U21-Europameisterschaft. SWR Sport hat mit dem DFB-Nachwuchstrainer Stefan Kuntz gesprochen.

SWR Sport: Wie ist denn die Stimmung so kurz bevor es losgeht? Ist mehr Vorfreude oder auch ein bisschen Nervosität mit dabei?

Stefan Kuntz: Die Vorfreude ist auf jeden Fall da. Das kenne ich noch aus meiner Spielerzeit. Wenn das Trainingslager mit den harten Einheiten endlich vorbei ist. Jetzt waren alle noch mal zweieinhalb Tage zuhause bei der Familie. Und dann denkst du aber im Hinterkopf immer die ganze Zeit an die EM und bist froh, wenn es dann losgeht.

Die Jungs sind motiviert und haben auch richtig Bock jetzt oder ist da auch noch so ein bisschen Anspannung zu spüren?

Kuntz: Die sind alle total heiß. Das ist für viele das erste große Turnier. Und man hat im Vergleich zur Vergangenheit auch gesehen, wie sich mittlerweile auch die Aufmerksamkeit für dieses Turnier erhöht hat. Natürlich teilweise durch die Spieler, die da mitspielen und dann teilweise auch durch die Transfers oder Transfersummen die mittlerweile im Fußball über den Tisch gehen. Dadurch ist das Interesse an der er U21-EM sehr sehr groß geworden

Jetzt sind ein paar Spieler von denen, die eigentlich noch bei der U21 mitspielen könnten, nicht mit dabei, weil sie bei der A-Mannschaft dabei sind. Spielt das eine Rolle im Team? Wird darüber geredet?

Kuntz: Ich glaube bei den Spielern ist das sicherlich kein großes Thema. Wir hätten vielleicht noch ein paar Sachen ein bisschen besser machen können. Lukas Klostermann und Jonathan Tah kommen ja zu uns und inwiefern dann Thilo Kehrer oder auch Kai Havertz noch so ein Turnier gutgetan hätte, lassen wir mal dahingestellt. Die A-Nationalmannschaft hat immer Vorrang und es gibt auch so ein bisschen dieses "Gentleman Agreement", wenn sich jemand oben festgespielt hat, also zum Beispiel auch Werner, Sané oder Brandt, dass dann die U21 natürlich kein Thema mehr sind.

Fußball | U21 Europameisterschaft U21 Europameisterschaft: Kuntz baut auf Spieler aus dem Südwesten

u21 (Foto: Imago, imago)
Florian Müller hat in Mainz nach seiner Verletzungspause in der Rückrunde das Vertrauen von Trainer Sandro Schwarz bekommen und Robin Zentner verdrängt. Danach war er wieder die Nummer Eins im Mainzer Tor und hatte insgesamt 24 Bundesliga-Einsätze in der abgelaufenen Saison. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Der 23-Jährige ist mit dem VfB Stuttgart zum zweiten Mal abgestiegen, konnte phasenweise seinem Klub aber auch nicht helfen, da er wegen einer Gehirnerschütterung ausfiel und seinen Stammplatz verlor. So kam er nur auf 18 Bundesligaeinsätze. In der U21-Nationalmannschaft ist er als Kapitän aber eine feste Größe bei Stefan Kuntz. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Der Sohn von FCK-Legende Harry Koch hat sich nach seinem Wechsel vom 1. FC Kaiserslautern in Freiburg zum gestandenen Bundesliga-Profi entwickelt. Inzwischen soll sogar Champions League-Finalist Tottenham Interesse an dem 22-Jährigen zeigen. Wenn er auf der großen Bühne bei der U21-EM überzeugt, könnten noch weitere Klubs auf ihn aufmerksam werden. Imago imago images / Sportfoto Rudel Bild in Detailansicht öffnen
Es grenzt an ein Wunder, dass Amiri im Kader für die U21-EM steht. Am vorletzten Bundesliga-Spieltag musste er noch verletzt vom Platz getragen werden. Diagnose: Bänderriss im linken Sprunggelenk. So ganz hat er sich davon noch nicht erholt, aber er ist für die Mannschaft so wertvoll, dass Trainer Stefan Kuntz ihn trotzdem nominiert hat. Imago imago images / Jan Huebner Bild in Detailansicht öffnen
Hochbegabtes Sorgenkind – das ist wenig schmeichelhafte Bezeichnung für einen Spieler, der seinem Talent zu selten gerecht wird. Bei Mainz 05 hat Levin Öztunali zuletzt geschwächelt, kam auf 15 Einsätze in der abgelaufenen Bundesliga-Saison, wobei er nur dreimal komplett 90 Minuten durchgespielt hat. In der U21-Nationalmannschaft dreht der Enkel von DFB-Ehrenspielführer Uwe Seeler aber regelmäßig auf. Er war schon vor zwei Jahren beim Titelgewinn in Polen mit zwei Kurzeinsätzen beteiligt. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt durch sein Tor zum 2:1 gegen Wolfsburg am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2016/17. Damit verhinderte er den erneuten Gang des Hamburger SV in die Relegation. Ein Jahr später konnte aber auch Luca Waldschmidt den Abstieg des HSV nicht verhindern und wechselte nach Freiburg – dort konnte er in 28 Einsätzen mit acht Toren voll überzeugen. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen

Wenn man so lange auf engem Raum ist, ist es dann mit einer so jungen Truppe für den Trainer schwer, die irgendwie unter Kontrolle zu halten?

Kuntz: Wir haben generelle Regeln zusammen erarbeitet, an die sich jeder halten möchte. Von daher gesehen ist ja das schon mal eine Grundlage. Unsere Stärke ist, dass wir uns jetzt schon so lange kennen, wir haben so ein offenes Verhältnis, dass jeder selbst mit mal ungewöhnlichen Ideen oder Nöten oder auch Wünschen gerne an mich herantritt. Und da auch ein hohes Verständnis ist, dass es junge Burschen sind, die relativ lange auf dem gleichen Fleck miteinander zu tun haben. Aber im Turnier ist das eher etwas weniger. Wir haben Sportpsychologen dabei, wir haben eine Yoga-Trainerin dabei. Das wird ab und zu mal genutzt und wir können da auf individuelle Wünsche eingehen aber die sind nicht so unglaublich, dass sie dann die Headline in der Tageszeitung füllen würden.

Speziell Handynutzung ist wahrscheinlich ein großes Thema auch bei der Altersgruppe oder auch irgendwie geregelte Bettzeiten. Wie streng sind da die Regeln?

Kuntz: Es ist so, dass wir bei den Mahlzeiten das Handy auf den Zimmern lassen. Da habe ich mittlerweile auch den Eindruck, dass das den Spielern guttut. Dadurch wird natürlich auch der Unterhaltungswert beim Essen etwas höher und teilweise auch gefördert. Und beim Schlafengehen, na gut, das sind Jungs, die haben auch Bundesligaspiele auf dem Buckel. Es ist ja nicht so, dass wir hier vierzehnjährige pubertierende Spieler mit uns führen. Die wissen, was sie brauchen, um am nächsten Tag gute Leistungen zu bringen und das steht bei denen mittlerweile natürlich auch total im Vordergrund.

Akzeptieren alle die Regeln oder gibt auch schon mal welche, die versuchen das zu umgehen?

Kuntz: Es ist schon so, da suche ich mir abends einen Vorwand, mit dem ich dann auch mal in das eine oder andere Zimmer hineinschauen kann. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, ich gehe offensiv damit um. Wenn es um Videospiele geht dann sage ich auch schon mal kommt später mal vorbei und dann erklären sie mir das Spiel, weil mich das auch generell interessiert, was unsere Jungs gerade beschäftigt. Es kommt schon mal vor, dass die Jungs mir Sachen aus ihrem Instagram Account erklären oder zeigen oder generell auf Social Media, was gerade angesagt ist. Ich bin da auch auf der einen Seite interessiert und ich glaube, wenn man da so eine Hemmschwelle abbaut, dann normalisiert sich das alles so ein bisschen.

Der lockere Umgang ist schon der Führungsstil von Stefan Kuntz?

Kuntz: Sagen wir mal so: Es muss in einem Regelkorsett stattfinden, an das sich auch problemlos alle halten können. Sie wissen wir stehen auch für die Werte. Es geht auch um Anstand und Respekt im Umgang miteinander. Da kann ich dann auch grantig werden. Aber die Jungs kennen mich jetzt zwei Jahre lang. Vor so einem Turnier gibt's keine neuen Schubladen, die mit Problemen aufgemacht werden. Dafür kennen wir uns jetzt schon zu lange und die Spieler wissen auch bei mir wo es halt kein Lächeln gibt, sondern dann auch ernste Konsequenzen.

Ist das heute vielleicht sogar einfacher? Das sind alles Profis, das sind alles teilweise Stammspieler in der Bundesliga. Sind die heute einfach fokussierter bei Turnieren oder war das früher ganz genauso wie heute auch?

Kuntz: Die eine Generation muss sich mit der anderen beschäftigen und sich auch hineindenken können und nicht von vorneherein sagen das ist alles Mist, was die gerade vorhaben. Bei uns war es der Parker und zerrissene Wrangler-Jeans, dann kamen die Frisuren dazu, dann kamen Oberlippenbärte dazu dann kamen Tattoos, jetzt sind es die Frisöre. So etwas gab es ja schon immer und wenn man dann ein gewisses Verständnis auf der einen Seite hat, aber auf der anderen Seite auch der Respekt vor schon länger bestehenden Werten, die einfach auch das Zusammenleben generell, nicht nur in der Mannschaft, sondern generell in der Gesellschaft da sind. Die zu beachten sind, was speziell dann Respekt und Anstand anbelangt, und vielleicht auch die gute Bedeutung des Wortes Demut, dann ist es ein Zusammenleben von verschiedenen Generationen, und bei uns ja auch unterschiedlicher Religionen, sehr sehr gut regelbar. Da kann ich auch aus Erfahrung sagen: Das Beste für die Stimmung sind immer Siege. Dann ist immer alles klasse.

INTERVIEW
STAND