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Fußballtrainer Heiko Vogel soll wegen einer verbalen Entgleisung gegenüber einer Schiedsrichter-Assistentin Trainingseinheiten mit einem Mädchen- oder Frauenteam absolvieren. Dafür hagelt es Kritik von allen Seiten. Der Fehler liegt im System, findet Sportredakteur Johannes Seemüller.

Gladbachs U23-Trainer Heiko Vogel hat derzeit vor allem bei Frauen schlechte Beliebtheitswerte. In den sozialen Netzwerken wird verbal auf den Fußballcoach eingeprügelt: Sexismus und Diskriminierung lauten die Vorwürfe. Vogel soll bei einem Spiel seines Regionalliga-Teams eine Schiedsrichter-Assistentin beleidigt haben - verbunden mit dem Hinweis, Frauen hätten im Fußball eh nichts zu suchen.

Jeder, der selbst mal Fußball gespielt, an der Seitenlinie ein Team gecoacht oder als Zuschauer im Fanblock mitgefiebert hat, weiß, dass die Gefühle einen schnell überrollen können. Dann werden auch mal Dinge gebrüllt, die einem kurze Zeit später, wenn der Adrenalinpegel wieder auf Normalnull gesunken ist, selbst peinlich sind.

Umfeld prägt Gedanken

Der 45-Jährige soll sich inzwischen mehrmals für sein Fehlverhalten entschuldigt haben. Ich kenne den Trainer nicht persönlich und selbst wenn, ich könnte nicht in seinen Kopf hineinschauen. Ich möchte ihm daher auch nicht unterstellen, dass er grundsätzlich despektierlich über Frauen denkt.

Ich glaube allerdings, dass das Umfeld, in dem ich mich bewege, immer meine Gedanken prägt. Die Fußballwelt, in der sich Menschen wie Vogel beinahe tagtäglich aufhalten, ist - allen wohlfeilen Sonntagsreden zum Trotz - auch im Jahr 2021 eine Männerblase.

Männergesellschaft

Wer die Webseiten der 56 Mannschaften im deutschen Profifußball nach dem Geschlecht analysiert, stellt fest: Der Anteil der weiblichen Betreuerinnen bzw. Trainerinnen liegt bei lediglich drei Prozent. In der Frauen-Bundesliga sind es zwar mehr, aber mit etwa 35 Prozent auch nicht die Mehrheit. 

Vogels Umfeld bei Borussia Mönchengladbach ist personell klar strukturiert: Präsidium: vier Männer, keine Frau. Aufsichtsrat: sieben Männer, keine Frau. Ehrenrat: zehn Männer, keine Frau. Geschäftsführung: zwei Männer, keine Frau. Und, Achtung, Trainerteam Frauenmannschaft: vier Männer, keine Frau.

Frauen kommen in Vogels Arbeitswelt also gar nicht vor. Das heißt, da reden permanent Männer mit Männern vorwiegend über Sport. Und dann taucht da plötzlich bei einem Fußballspiel eine Frau auf und trifft als Schiedsrichter-Assistentin auch noch Entscheidungen, gegen die sich der Mann aus dem Männerzirkel nicht wehren kann.

Von innen nach außen

Da offenbaren sich dann in besonders emotionalen Momenten schnell Denkmuster, die bis dahin vielleicht tief im Inneren gelauert haben und sich dann den Weg über die Stimmbänder nach außen bahnen.

Übrigens ist auch das Sportgericht des Westdeutschen Fußballverbands (WDFV), das bei der Verhängung des Strafmaßes für Vogel den Vorschlag von Borussia Mönchengladbach aufnahm und ihn zu sechs Trainingseinheiten mit einer Frauen- oder Mädchenmannschaft aufforderte, ein reines Männergremium. Acht Männer unterstützen allen Ernstes die Idee, ein Frauenteam wie ein soziales Rehabilitationsprojekt für Verbalfoulspieler Vogel zu betrachten. Kaum vorstellbar, dass es zu dieser Maßnahme gekommen wäre, hätten Frauen mit am Tisch oder in der Videokonferenz gesessen.

"Wer sich nicht verändert, fällt irgendwann mal aus der Gesellschaft. Derjenige, der das noch nicht kapiert hat, der ist wirklich einer von gestern." Das sagte kürzlich DFB-Präsident Fritz Keller zum Weltfrauentag.

Es geht bei diesem Thema um andere Werte als um die auf der Beliebtheitsskala.

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