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Am 14. Juli 2020 feiert die Sportzeitschrift "Kicker" ihr 100-jähriges Jubiläum. Kicker-Gründer Walther Bensemann war einer der wichtigsten Fußballpioniere in Deutschland und glänzte in der Weimarer Republik als Sportjournalist. SWR Sport stellt ihn vor.

Aus der Reihe der Fußballpioniere war Walther Bensemann derjenige, der eine klare Vision vom Fußballspiel nach Deutschland brachte. Der Sport soll nicht nur ein Freizeitvergnügen privilegierter Jugendlicher, sondern ein klassenübergreifendes Massenereignis werden. Dieses Sportverständnis, bei dem ethische Prinzipien wie Fairness oder Inklusion eine tragende Rolle spielen, versucht Bensemann sein Leben lang in der Gesellschaft zu etablieren.

Bensemann und Fußball – eine lebenslange Freundschaft

1873 wird Walther Bensemann in Berlin als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie geboren. Im Alter von zehn Jahren besucht er eine Schweizer Privatschule in Montreux, wo ihm britische Schüler das neuartige Spiel mit dem Ball zeigen. 1889 kommt er nach Karlsruhe, um am heutigen Bismarck-Gymnasium sein Abitur abzulegen. Er bringt einen Lederball mit und infiziert seine Mitschüler mit der Fußballbegeisterung.

1893 gründet Bensemann die "Karlsruher Kicker". Seine Bemühungen um internationale Begegnungen haben zu dieser Zeit jedoch nur wenig Erfolg, sodass sich die Vereinigung 1895 wieder auflöst.

Der Fußball hat es zu dieser Zeit schwer, sich gegen den bereits sehr etablierten, durch disziplinierte Übungen und korrekte Körperhaltung gekennzeichneten Turnsport durchzusetzen. Das Spiel mit dem Ball wird zunächst als "Fußlümmelei" verpönt.

Das erste Fußball-Länderspiel im November 1899

Am 23. November 1899 findet in Deutschland zum ersten Mal so etwas wie ein Länderspiel statt. Organisiert und finanziert wird dieses Zusammentreffen vom 26-jährigen Studenten Walther Bensemann. Ihm gelingt es, die englische Football Association zu überzeugen, erstmals eine Auswahl englischer Spieler nach Deutschland zu schicken. Er selbst stellt ein eigenes Team vor allem aus süddeutschen und Berliner Spielern zusammen.

England demonstriert damals das spielerische Potenzial dieses Sports und besiegt Lehrling Deutschland deutlich mit 13:2.

Der Deutsche Fußball-Bund wird gegründet

Im Januar 1900 ist Bensemann Gründungsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Laut dem Gründungsversammslungs-Protokoll des DFB stammt die Namensgebung von ihm. Außerdem ist er an der Gründung von etlichen deutschen Klubs beteiligt, unter anderem von den heutigen Bundesligisten Eintracht Frankfurt und Bayern München.

"Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht das einzig wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen."

Walther Bensemann

1920: Gründung der Sportzeitschrift "Kicker"

Am 14. Juli 1920 erscheint die erste Ausgabe einer wöchentlichen Fußballzeitschrift, gegründet von Walther Bensemann: Der "Kicker". Das Mannschaftsbild der früheren Karlsruher Kickers ist auf der Titelseite. Mit einer Handkarre voller Erstausgaben wird die erste Ausgabe von Konstanz bis Kreuzlingen verteilt.

Zu jener Zeit schreibt der Gründervater: "Der Kicker ist ein Symbol der Völkerversöhnung [nach dem ersten Weltkrieg] durch den Sport." 13 Jahre lang prägt er als Herausgeber, Autor und Geschäftsführer die Zeitschrift.

Flucht vor den Nationalsozialisten

Dann beginnt ein schwieriger letzter Lebensabschnitt für Bensemann. Als Bürger jüdischer Abstammung ist er ein mehrfaches Feindbild der Nationalsozialisten. Er muss sein Lebenswerk, den Kicker, zurücklassen und flüchtet ins Schweizer Exil. Am 12. November 1934 stirbt Walther Bensemann im Alter von 61 Jahren.

Die Nationalsozialisten beseitigen den Namen Bensemann aus den Archiven des Kickers. Nach dem Zweiten Weltkrieg muss die Sportzeitschrift auf Anordnung der Alliierten als nazi-verdächtiges Blatt vorläufig schließen. Daraufhin gründet sich aus ehemaligen Mitarbeitern des Kickers das "Sportmagazin". Kurze Zeit später wird es dem Kicker wieder erlaubt, sich auf dem Markt zu bewegen. 1968 werden beide Hefte zusammengeführt und erscheinen als "Kicker" bis heute.

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