Fans beim 1. FSV Mainz 05 (Foto: imago images, Hartenfelser)

Fußball und Fans

Fan-Sozialarbeit in der Corona-Krise: "Ich empfinde es tatsächlich als dramatisch"

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Seit vielen Jahren machen Fanprojekte in Deutschland soziale Arbeit mit Fußballanhängern. Dass sie nicht mehr zu ihrem geliebten Sport können, sorgt bei vielen für Probleme. Thomas Beckmann vom Fanprojekt Mainz bereitet das Sorgen - wie auch aktuelle Signale vonseiten des DFB.

Kaum ein anderer Ort zieht so viele junge Menschen an wie ein Fußballstadion. Gesänge, bunte Fahnen, ein Gruppenzugehörgkeitsgefühl - und nicht zuletzt natürlich der Sport selbst: All das übt eine große Faszination aus. Für viele junge Fans bedeutet Fußball mittlerweile weit mehr als nur die 90 Minuten im Stadion. Einige, insbesondere in der Ultraszene, haben ein Fanleben entwickelt, das sie mehr oder weniger rund um die Uhr beschäftigt. Doch all das liegt nun schon seit Beginn des Jahres auf Eis. Daraus ergeben sich für manche Anhänger Probleme - und neue Herausforderungen für die Fan-Sozialarbeit.

Fußball als "Zentrum des Alltags"

Thomas Beckmann leitet das Fanprojekt Mainz, für das er schon seit fast 25 Jahren tätig ist. Er bekommt die für die Fans schwierige Situation in seinem Arbeitsalltag deutlich zu spüren - die aktuelle Situation empfindet er für einige als "dramatisch". "Gerade für die jungen Leute bedeutet Fußball eben nicht nur am Wochenende ins Stadion gehen und da Freunde treffen, sondern für die ist das das Zentrum ihres Alltags", so Beckmann. "Da sind viele Leute, die wirklich alles darauf ausgerichtet haben, über Jahrzehnte teilweise den Freundeskreis aufgebaut haben rund um den Fußball."

Michelle Zinßmeister, die das Fanprojekt Kaiserslautern leitet, nimmt das bei FCK-Anhängern ähnlich wahr: "Die Lebenswelt dreht sich komplett um den Fußball." Für diese Fans fällt im Zusammenhang mit Fußball deshalb deutlich mehr weg als nur das allwöchentliche Stadionerlebnis.

Problematisch ist die Situation vor allem für diejenigen, die Gefahr laufen, sozialen Anschluss zu verlieren - und die Gefahr ist bei einigen jungen Fußballfans groß, meint Beckmann. Insbesondere Leute, die gerade erst im Begriff waren, in der Fanszene Fuß zu fassen, "fallen komplett hinten runter". Aber auch in Fangruppen, die schon über längere Zeit zusammengewachsen sind, gebe es Probleme: "Wir haben da teilweise wirklich krasse Rückmeldungen bekommen, dass Leute sich teilweise über Monate nicht gesehen haben." Er vermutet deshalb, dass einige sich umorientieren und auch nach der Corona-Zeit nicht in die Mainzer Fangemeinde zurückkehren werden. Entscheidend sei es, "die Leute, für die der Fußball und dieses Gemeinschaftsgefühl so wichtig ist, die jetzt in der Luft hängen, aufzufangen". Die möglichen Folgen für Jugendliche, die ohne den Fußball den sozialen Anschluss verlieren könnten, dürfe man nicht unterschätzen.

Junge Leute "auffangen" und "mitnehmen", denen gerade das soziale Umfeld wegbricht: Wie macht man das in Zeiten von Corona und Social Distancing? Man habe die eigene Arbeit "radikal neu konzeptionieren müssen", sagt Beckmann. Grundsätzlich sind die Fanprojekte in Deutschland vor allem für Gewaltreduzierung in den Stadien, aber auch für Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit verantwortlich. Zudem sollen sie als Vermittler zwischen Fans und den Vereinen oder der Polizei tätig werden. Dafür werden sie zur Hälfte von DFB und DFL finanziert, die andere Hälfte kommt aus öffentlicher Hand. Diese Arbeit trägt Früchte: Gewalt im Stadion ist deutlich zurückgegangen, seitdem das "Nationale Konzept für Sport und Sicherheit" ins Leben gerufen wurde, in dessen Zentrum die Fanprojekte stehen.

Doch vermittelnde persönliche Gespräche oder Bildungsreisen mit Fans wie beispielsweise Gedenkstättenfahrten sind derzeit schwer zu realisieren. Die Fanprojekte versuchen deshalb, soziale Arbeit ins Internet zu verlegen. Zeitzeugengespräche könne man online durchführen, auch Quizze und Fifa-Turniere auf der Playstation gehören zum virtuellen Angebot. Wichtig sei es, den Fans Angebote zu machen und zu signalisieren, dass man ansprechbar und erreichbar ist, obwohl Fußball als Event nicht wie gewohnt stattfindet.

Fankurven könnten sich verändern

In Mainz nehmen die Fans diese virtuellen Angebote allerdings sehr unterschiedlich an, wie Thomas Beckmann feststellt. "Es ist schwierig", sagt er, manche wollen momentan "gar nichts mit dem Fußball zu tun haben". Natürlich muss niemand auf die offenen Angebote eingehen, trotzdem gebe es Leute, auf die man extra zugehen müsse: "Wir kennen natürlich die einzelnen Charaktere und wissen, wo Bedarf ist, wo Gefahren lauern." Wer ein schwieriges familiäres Umfeld hat, bekommt umso mehr Probleme, wenn das sonstige Umfeld wegbricht. Eine andere Gefahr sieht Beckmann aktuell in Verschwörungstheorien und Desinformation im Internet: "Viele werden jetzt fast ausschließlich über soziale Medien informiert - teilweise auch falsch informiert -, da muss man schon aufpassen, dass sich manche Sachen nicht auch verfestigen."

Ein Stück weit könnte sich die Fanlandschaft durch die Corona-Krise verändern, meint Beckmann. Einerseits, weil viele in der Abwesenheit des Fußballalltags gemerkt hätten, dass der Sport "ein reiner wirtschaftlicher Faktor geworden" sei und sich abwenden könnten. Dieses Thema sorgt auch für neues Konfliktpotential zwischen Fans und Vereinen. Andererseits, weil sich auch in der eigenen Fankurve nach Monaten ohne Austausch der verschiedenen Fangruppen Konflikte auftun könnten. Dementsprechend müsse man in diesen Bereichen jetzt schon vorbeugend vermitteln und sich "auf den Tag X vorbereiten: Wenn die Normalität wieder eintritt, sprich, wenn man wieder ins Stadion gehen kann".

DFB will scheinbar die Finanzierung überdenken

Zuletzt stand Fanprojektarbeit vor allem deshalb im Fokus, weil der DFB in diesem Bereich eine Umstrukturierung anstrebt. "Die Fanprojektlandschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert", so DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius im September. Viele gehen davon aus, dass der Verband vor allem Einsparungen in der Fan- und Antidiskriminierungsarbeit vornehmen möchte. Beckmann hält das vor allem für die vom DFB finanziell abhängigen Fanprojekte in den unteren Ligen für "ein katastrophales Signal". Dass die momentane Corona-Situation dabei eine Rolle spielt, glaubt er aber nicht. "Der aktuelle Weg des DFB hat nichts damit zu tun, dass man dort vielleicht den Eindruck hat: Es dürfen keine Fans mehr ins Stadion, also brauchen wir keine Fanprojekte mehr."

Angesichts der Probleme, die sich für junge Fans auftun, weil mit dem Fußball momentan ein zentraler Aspekt ihres Lebens wegbricht, ist sich Beckmann sicher: "Die Fanprojekte haben im Augenblick mehr denn je eine Daseinsberechtigung - und eine Daseinsnotwendigkeit." Wie das der DFB in den nächsten Monaten bewertet, bleibt abzuwarten. Für die nächsten zwei Jahre ist die Finanzierung der Fanprojekte erst einmal gesichert. Die Arbeit - so viel steht fest - wird den Fanprojekten in nächster Zeit auch trotz der aktuellen Geisterspiele nicht ausgehen.

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