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Ein Punkt aus sieben Spielen. Tabellenletzter. Sportlich lief die Saison für Mainz 05 bislang desaströs. Dazu der Trainerwechsel, Spielerstreik und Unruhen. Mit dem neuen Chefcoach Jan-Moritz Lichte kehrt wieder etwas Ruhe ein am Bruchweg, die Lage aber bleibt bedrohlich.

Die Lage

Sieben Spiele, sechs Niederlagen, ein Unentschieden - die Bilanz nach sieben Spieltagen spricht für sich. Nicht nur aus sportlicher Sicht stecken die 05er in der Krise. Der Spielerstreik, der letztlich zur Entlassung von Trainer Achim Beierlorzer geführt hat, wirkt noch nach. Eine streikende Mannschaft, die den Gehaltsverzicht vom Frühjahr gerne nachbezahlt haben möchte, aber auf dem Platz nicht liefert – das ist es, was bei den Fans hängen bleibt und für miese Stimmung rund um den Verein sorgt. Noch ist kein Ende der Talfahrt in Sicht. Gegen Schalke hat das Team zumindest den ersten Punkt dieser Saison eingefahren, überzeugend war aber auch dieser Auftritt nicht.

Nach all den Jahren, in denen sich die Mainzer in der Liga etablieren konnten, sich professionalisiert haben, durch kluge Transfers auffielen, gerät das ganze System ins Wanken. Sportvorstand Rouven Schröder ist als Krisenmanager gefragt, hier und da hört man aber auch den Ruf nach Christian Heidel. Der frühere Manager hält sich zurück, bleibt aber - solange er bei keinem anderen Verein beschäftigt ist - Thema. Zu allem Übel meldet sich vor wenigen Wochen der ehemalige 05-Präsident Harald Strutz zu Wort und streut ordentlich Salz in die Wunde: "Wir erscheinen in der Stadt nicht mehr. Wir sind nicht mehr da. Ich sehe kaum noch Aufkleber, ich sehe keine Menschen mit Schal. Das ist das Schlimmste, was einem Verein passieren kann: Es interessiert keinen mehr."

Das läuft gut

An dieser Stelle muss man schon lange überlegen, um überhaupt fündig zu werden. Da wäre zunächst einmal der geschlossene Auftritt der Verantwortlichen. Gegenseitige Schuldzuweisungen gibt es aktuell nicht. Vorstand und Trainer stärken sich gegenseitig, die Mannschaft verzichtet auf überflüssige Nebenschauplätze und konzentriert sich auf die sportliche Krisenbewältigung, so scheint es zumindest. Und mit Jan-Moritz Lichte steht ein akribischer, sachlicher Fußball-Lehrer auf dem Platz, der mit seiner ruhigen Art der Kommunikation sehr fokussiert wirkt. Man kann ihm nur wünschen, dass seine Arbeit bald auch Früchte trägt. Auch die Tabellensituation lässt noch Spielraum für Hoffnung. Der Abstand von Mainz auf einen Nicht-Abstiegsplatz beträgt nur drei Punkte, bis zum mittleren Tabellendrittel sind es sechs Punkte. Das ist nicht unerreichbar - noch nicht.

Das muss besser werden

Stichwort Chancenverwertung: Die Statistik sagt, dass Mainz 05 im Herausarbeiten von Großchancen auf Platz sieben steht. Ein durchschnittlicher Platz. Das Problem ist die Verwertung dieser Großchancen: Gerade einmal sieben selbst erzielte Treffer zeugen von einer ziemlichen Harmlosigkeit im Angriff und wenig Durchschlagskraft im gegnerischen Sechzehner. Es fehlt hinten wie vorne: 20 Gegentore sprechen nicht gerade für eine stabile Abwehr.

Dazu kommt die Anfälligkeit vor allem bei Standardsituationen. Zu oft wurden nach ruhenden Bällen, beispielsweise Ecken, entscheidende Treffer kassiert.  Auch offensiv besteht Steigerungsbedarf. Dort verpuffen die eigenen Standardchancen zu schnell. Bei Eckbällen ist fast ausschließlich Abwehrmann Daniel Brosinski zuständig - mit aktuell wenig Gefahrenpotenzial für das gegnerische Tor.

Die Neuen

Die Liste der Neuverpflichtungen war diesmal recht kurz. Der Grund: Die Geschäfte in der Transferperiode liefen nicht wie gewünscht. Lukrative Ablösesummen wurden nicht generiert. Außer bei Ridle Baku, der durch seinen Wechsel kurz vor Ende der Transferperiode rund zehn Millionen Euro in die Mainzer Kassen spülte. Für die Innenverteidigung wurden Dimitri Lavalée und Luca Kilian verpflichtet. Der U-21 Nationalspieler benötigte etwas Anlaufzeit, hat sich aber seit dem vierten Spieltag neben Moussa Niakathé in der Viererkette festgespielt. Der Neuzugang aus Paderborn bringt enormes Potenzial, verleiht der Abwehr mehr Stabilität und besticht mit Ruhe und Übersicht.

Der Belgier Lavalée, bereits im Winter von Standard Lüttich verpflichtet worden, ist bislang noch ohne Einsatz bei den Profis. Er sammelt Spielpraxis in der zweiten Mannschaft. Nach Ablauf der Wechselfrist zogen die Mainzer mit Kevin Stöger einen vereinslosen Spieler an Land. Der Vertrag des Österreichers bei Fortuna Düsseldorf war ausgelaufen. Stöger, Linksfuß und Mann für Standardsituationen, hat ordentlich Bundesligaerfahrung und soll Druck auf die Mittelfeldkonkurrenz machen. Bislang kam es nur zu einer Einwechslung gegen Augsburg kurz vor Schluss.

Der Trainer

Drei Jahre lang Co-Trainer, jetzt in der Verantwortung bei Mainz 05. Ein großer Schritt für Jan-Moritz Lichte: "Für mich ist es keine große Veränderung in der Beziehung zu den Spielern gewesen. Aber natürlich tut man Spielern mehr weh als Cheftrainer", bestätigte der 40-Jährige im SWR Sport Podcast "Nur der FSV".

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Lichte gilt als Taktikexperte und absoluter Fachmann. Er ist kein Lautsprecher, weiß aber wann die Ansprache etwas intensiver ausfallen muss. Die Akzeptanz in der Mannschaft war ihm trotz der "Co-Vergangenheit" sicher und auch die Rückendeckung von Sportvorstand Rouven Schröder. "Wir sind mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Er identifiziert sich mit Haut und Haaren mit seiner Aufgabe und wir sehen keinen Grund, nicht mit ihm weiterzuarbeiten", sagte Schröder im Interview mit SWR Sport. Es gibt also eine klare Perspektive für Jan-Moritz Lichte am Bruchweg. Auch wenn aktuell der zählbare Erfolg noch ausbleibt.

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Wir reden darüber, was die 05er bewegt. Mit dabei sind Spieler, auch der Trainer, Leute aus dem Verein, ehemalige 05er und natürlich Fans. Mainz 05 ganz nah, ganz persönlich, ganz überraschend - mit Achim Scheu und Florian Winkler. Immer mittwochs, immer Mainz 05.  mehr...

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