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Seit dem 28. März 1971 gibt es das „Tor des Monats“ in der ARD Sportschau. Auch aus dem Südwesten gab es eine Vielzahl an Gewinner*innen, die mit akrobatischen, spektakulären, wichtigen oder sogar zeithistorischen Treffern glänzten. SWR Sport stellt einige davon vor. Heute: Stephan Kuhnert und die verschwundenen Tore des Monats.

Wenn Torhüter treffen, dann haben sie zumeist ein Abo auf das Tor des Monats, sollte man meinen. Der 29. Oktober 1989 ist ein verregneter und windiger Tag. Im Mainzer Bruchweg verläuft noch eine Aschenbahn um den Platz, die regelmäßig für den Schulsport geöffnet ist. Es läuft die 28. Minute im Spiel zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und Borussia Neunkirchen in der Oberliga, als der Torhüter der 05er, Stephan Kuhnert, den Ball aufnimmt, einmal prüfend den Platz hinunterblickt und dann den Ball über 90 Meter aus der Hand abschlägt. Der springt noch einmal kurz vor dem Sechszehner auf, bevor er - über den gegnerischen Torwart hinweg fliegend - im Tor der Borussia landet. Mainz gewinnt das Spiel - auch dank des zwischenzeitlichen 2:0 durch Kuhnert - mit 3:0 und der Mainzer Schlussmann wird mit der Plakette zum Torschützen des Monats Oktober 89 geehrt. Ob gewollt oder nicht, da ist sich nach all den Jahren auch Kuhnert nicht mehr ganz so sicher.

Das vergessene Tor

Einen Monat zuvor im September hatte Türkgücü Münchens Torhüter Gerald Hillringhaus gegen Ingolstadt als erster Torwart in der Bayernliga das "Tor des Monats" erzielt. Mit Kuhnerts Treffer, der gleichzeitig den Distanzrekord aufstellte, gewann zum zweiten Mal ein Torwart die begehrte Auszeichnung. Es sollte nicht Kuhnerts letztes Tor bleiben. Am 5. August 1995 traf er gegen Hannover 96 in der letzten Minute nach einer Ecke von Torsten Lieberknecht per Kopf zum 2:2 Endstand. Ein Treffer, der in keiner Statistik auftaucht und nicht zur Wahl zum "Tor des Monats" stand, weil es aufgrund des Einsatzes von Thomas Ziemer, der nicht spielberechtigt war, annulliert und das Spiel schließlich mit 0:2 für Hannover 96 gewertet wurde.

Der Scorpion Kick

So verschwand ein potentielles "Tor des Monats", aber Stephan Kuhnert, der heutige Torwarttrainer der 05er, scheint seine offensive Veranlagung an seinen Schützling Finn Dahmen weitergegeben zu haben. Im April 2018 beim Spiel der U23 gegen den VfB Stuttgart II in der Regionalliga erzielte der aktuelle Ersatztorwart der Mainzer in letzter Minute den wichtigen Ausgleich – so wie der Torschütze des Jahres 2020 Valentino Lazaro von Borussia Mönchengladbach per Scorpion Kick.

Das Kuriose: Die Sportschau wird auf den Treffer aufmerksam und teilt das Video des Traumtores auf seinen Social-Media-Kanälen. Doch etwas später steht es nicht zur Wahl beim Publikums-Voting. Auf ungeklärten Wegen verschwindet der zweite "Tor des Monats" würdige Treffer eines Mainzer Schlussmanns und wird nicht ausgezeichnet. Bis heute weiß niemand aus den Redaktionen von Sportschau und SWR Sport wie es dazu kam, obwohl man sich einig ist, verdient hätte es das Tor allemal.

In 50 Jahren hat das "Tor des Monats" zahlreiche, nicht weniger kultige Ableger wie Zeiglers "Kacktor des Monats" hervorgebracht. Jetzt könnte es demnächst also "das verschwundene Tor des Monats" geben. Hier würde der Preis bisher zweimal nach Mainz gehen.

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