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Es schien schon beschlossene Sache zu sein: Noch nie konnte eine Mannschaft, die in der Hinrunde weniger als zehn Punkte sammelte, die Klasse halten. Die gesamte Liga hatte sich darauf geeinigt, dass Schalke 04 und Mainz 05 absteigen – blöd nur, dass das niemand den Rheinhessen gesagt hat.

Bielefeld entlässt überraschend Uwe Neuhaus, Schalke ersetzt die komplette sportliche Führungsriege wie kurz zuvor schon Hertha und Mainz. Auf den ersten Blick werden im Keller der Fußball-Bundesliga die Schleudersitze aktiviert. Doch es gibt Unterschiede, die den Ausschlag im diesjährigen Abstiegskampf geben könnten.

Nach dem Rücktritt von Sportvorstand Rouven Schröder im Dezember 2020 und der Rückkehr von Christian Heidel, Martin Schmidt und Bo Svensson, der Jan-Moritz Lichte als Trainer ersetzte, ging es für die Mainzer wieder aufwärts. Der zwischenzeitliche Platz vier in der Rückrunden-Tabelle und der Anschluss an die direkte Konkurrenz waren der Lohn. Mainz hat mit seiner unerwarteten Serie zu Beginn der Rückrunde gegen Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel die direkte Konkurrenz geschockt.

Viele Sportdirektoren mussten gehen

Ende Januar zieht die Hertha und im Februar Schalke nach. Sie ersetzen, nicht nur dem üblichen Reflex folgend den sportlichen Übungsleiter, sondern den Sportdirektor gleich mit. Mit Michael Preetz, Jochen Schneider und Rouven Schröder, auch wenn Letzterer selbst ging, traf es ungewöhnlich viele Sportabteilungsleiter in kurzer Zeit. Doch im Gegensatz zu Schalke und der Hertha aus Berlin gibt es einen gravierenden Unterschied zum personellen Umbruch bei den Mainzern.

Während bei Schalke 04 zur Rückrunde vor allem Spieler mit Schalker Vergangenheit zurückgeholt wurden, wie Huntelaar und Kolašinac, konzentrierte man sich bei Mainz 05 auf die handelnden Personen neben dem Platz. Mit Heidel, Schmidt und Svensson stellten sich die 05er in der sportlichen Führungsebene komplett neu auf. Ähnlich sieht das bei Hertha BSC mit Pál Dárdai und Arne Friedrich aus. Dort vollzog man eine Rolle rückwärts und holte den Mann zurück an die Seitenlinie, den man vor fast drei Jahren ersetzte, weil sein Fußball zu bieder war und sich zu sehr für das Image des "Big City Clubs" auf die elementaren Dinge des Fußballs fokussierte, die aber jetzt im Abstiegskampf fundamental sind.

Mainz 05 hat einen Plan

In Mainz hingegen brachten Heidel und Schmidt einen Plan mit, an dem auch im Falle eines Abstiegs festgehalten werden soll. Trainer Bo Svensson wurde mit einem langfristigen Vertrag ausgestattet und explizit nicht wie Christian Gross auf Schalke als Feuerwehrmann geholt. So wurde in Mainz trotz des drohenden Abstiegs für eine ruhige Arbeitsatmosphäre auf dem Platz gesorgt. Bei den 05ern hat man, im Gegensatz zu Schalke und Hertha, auch für den Ernstfall zweite Liga geplant – und nicht nur für den Abstiegskampf. Christian Heidel sprach bei seiner Vorstellung davon, dass Mainz im Falle eines Abstiegs nicht untergehen würde. In der rheinhessischen Landeshauptstadt wurde aufgrund der prekären tabellarischen Situation ein ligaunabhängiges Ziel formuliert.

Die Freistellung von Uwe Neuhaus in Bielefeld stieß nicht nur bei den eigenen Anhängern des DSC, sondern ligaweit auf Unverständnis und zeigt, dass die personellen Wechsel in Bielefeld, Berlin und Gelsenkirchen von der Angst vor der zweiten Liga getrieben zu sein scheinen. Auch ausgelöst von einer Mainzer Mannschaft, die das zur Rückrunde entschieden geglaubte Abstiegsrennen wieder spannend gemacht hat.

Schalke gegen Mainz - ein brisantes Duell

Vor diesem Hintergrund wirft das Freitagabendspiel zwischen Schalke und Mainz seine Schatten voraus. Entweder erhöht Mainz den Druck im Tabellenkeller oder Schalke funkt ein Lebenszeichen aus der Tiefe. Doch egal wie der Abstiegskracher ausgeht, im Gegensatz zur Hinrunde wird das Ergebnis die 05er nicht umwerfen. Denn Mainz 05 hat seine größte Schwäche der vergangenen Jahre eliminiert. Große Teile des Mainzer Selbstverständnisses liegen in dramatisch gescheiterten Aufstiegen und den Umgang mit diesen begründet. Man lebte eine Dekade lang den Traum von der ersten Liga, aber eben auch die Angst vor der zweiten Liga.

So erhielt jedes Scheitern, jeder Abstieg existenzbedrohende Dimensionen: Gift für einen Verein, der sich auch über den Umgang mit dem eigenen Scheitern definiert. Diese Angst ist verflogen. Inmitten der sportlich größten Krise in der Bundesligageschichte von Mainz 05 hat der Verein wieder zu sich selbst gefunden. Das Ass im Ärmel der 05er im Abstiegskampf ist, dass sie bereits jetzt mehr gewonnen haben, als sie zu verlieren drohen. Ein Vorteil, den Bielefeld mit der Absetzung von Uwe Neuhaus vermutlich leichtfertig verschenkt hat. Ob Frank Kramer, der als neuer Trainer und Nachfolger von Neuhaus bei Arminia vorgestellt wird, den erhofften Effekt bringen und auch langfristig eine Lösung sein kann, bleibt abzuwarten. Ein Abstieg von Arminia Bielefeld würde die umstrittene Entlassung von Aufstiegstrainer Neuhaus wohl zusätzlich in Frage stellen und den nächsten Sportdirektor in Nöte bringen.

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