Christian Heidel - Sportvorstand von Mainz 05 im SWR-Interview (Foto: IMAGO, Imago/Martin Hoffmann)

Mainz 05-Boss im SWR-Interview

Christian Heidel: "So langsam kommt ein WM-Gefühl auf"

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Nach der ersten WM-Woche hat SWR1 Rheinland-Pfalz mit Christian Heidel gesprochen. Der Sportvorstand von Mainz 05 hat eine klare Meinung zum deutschen Team, aber auch zum WM-Ausrichter Katar.

SWR1: Dass man als deutscher Fußballfans vom Finale träumt, ist nach der bisherigen Vorrunde fast eine Unverschämtheit. Auf jeden Fall mal dreist und trotzdem: Die Qualität der beiden Mannschaften gestern beim Spiel Deutschland gegen Spanien, wenn man sich das angeschaut hat, das wäre auch ein würdiges Finale gewesen. Wie sehen Sie das, Herr Heidel?

Christian Heidel: Sehe ich genauso. Deswegen ist es so schade, dass Deutschland und Spanien sich in der Vorrunde schon treffen. Aber ich glaube, insgesamt war das ein super Fußballspiel zum Anschauen auf sehr, sehr gutem Niveau.

SWR1: Sie machen gerade Urlaub in Abu Dhabi, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ein paar Autostunden weg von den katarischen Stadien. Ist das Zufall? Oder machen Sie doch nicht so ganz Urlaub?

Christian Heidel: Nö, das ist totaler Zufall. Wenn diese WM in Katar irgendetwas Gutes hat, dann ist das für uns, dass wir im November mal in Urlaub fahren können. Und ich nutze es einfach mal, jetzt mit der Familie ein paar Tage auszuspannen. Aber es geht schon bald wieder zurück, und wir sind eigentlich ein großer Fan von diesem Urlaubsgebiet hier. Das ist nicht das erste Mal, dass wir da sind. Also insgesamt ist das Zufall. Aber ich bekomme natürlich die WM jeden Tag und jedes Spiel mit.

SWR1: Fahren Sie auch mal hin?

Christian Heidel: Nein, ist momentan nicht geplant. Wir fliegen jetzt Ende der Woche schon wieder zurück nach Deutschland. Wobei ich nicht ausschließen möchte, wenn wir uns jetzt so weiterentwickeln, wie sich das gestern angedeutet hat und dann die Finalspiele kommen, also Halbfinale oder Finale, dann kann ich mir schon vorstellen, dass wir mal einen Abstecher nach Katar machen.

Heidel: "Die WM gehört in den europäischen Sommer"

SWR1: Normalerweise schaut ja der deutsche Fußballfan eben im Sommer zu, sieht stundenlang Vorrundenspiele und auch mal herzlich langweilige Partien. Täuscht mein Eindruck, dass die Qualität der Spiele dieses Mal insgesamt eigentlich ganz schön hoch ist?

Christian Heidel: Schwer, nach ein paar Tagen jetzt schon eine Bewertung der Qualität der WM abzugeben. Ich glaube, da müssen wir noch ein bisschen warten. Es ist für uns alle ein bisschen merkwürdig. Okay, ich bin hier ja in der Sonne und hier ist jeden Tag Public Viewing, auf einer richtigen Leinwand. Da hat man fast das Gefühl, wie wir das in Deutschland früher kannten. Aber insgesamt, glaube ich, spüren wir und merken wir alle, dass eine Fußball-Weltmeisterschaft in den europäischen Sommer gehört.

SWR1: Die sogenannten Kleinen haben einige Überraschungen schon geliefert. Beispielsweise Saudi-Arabien gegen Argentinien, oder Marokko hat Belgien geschlagen. Der Iran hat gute Chancen aufs Achtelfinale. Gibt es gar keine Kleinen mehr?

Christian Heidel: Ja, das ist schon alles in diesem Jahr zusammengerückt. Aber ich prophezeie mal, dass es im Endeffekt dann doch wieder auf die gleichen Mannschaften rauslaufen wird. Man sieht ja: Japan schlägt Deutschland, verliert aber auf einmal gegen Costa Rica. Die Konstanz fehlt da sicherlich noch ein bisschen und bei uns bleibt eben die Hoffnung, dass wir uns noch steigern und fürs Achtelfinale qualifizieren. Aber es ist nicht mehr so einfach, die "Kleineren" sind schon herangerückt.

Heidel: "Wir schauen uns die ganze WM an"

SWR1: Haben Sie schon jemanden gesehen in Katar, der vielleicht bald ein Trikot von Mainz 05 überstreift?

Christian Heidel (lacht): Wenn ich sagen würde, ich hätte einen gesehen, dann würde das morgen in der Zeitung stehen. Wir schauen uns das an, aber ich habe das schon mal vor der WM gesagt, dass die Chancen verhältnismäßig gering sind. Wenn da aus einer kleineren Mannschaft irgendeiner rausragt, dann sieht das nicht nur Mainz 05, sondern auch alle anderen auf der Welt. Das ist nicht so einfach. Die WM ist für mich nicht unbedingt die Plattform, die da ist, dass wir hier Spieler verpflichten. Aber wir schauen uns das an, die ganze Scouting-Abteilung schaut sich alle Spiele an, und dann schauen wir mal.

SWR1: Es ist ja schon reichlich geredet worden, über diesen seltsamen Austragungsort Katar, der nicht so richtig passt. Hat die deutsche Mannschaft aus ihrer Sicht bisher einen passablen Eindruck gemacht? Auch was diese umstrittene "One-Love-Armbinde" betrifft, die Kapitän Neuer jetzt doch nicht trägt?

Christian Heidel: Ich glaube, da können wir hoch und runter diskutieren. Was mir so ein bisschen auffällt ist, dass ich fast den Eindruck habe, dass wir Deutschen da ein bisschen alleine sind. Ich bin hier in einem Hotel, mit gefühlten 30, 40 Nationen. Wenn man sich da beim Essen oder an der Bar mal unterhält, da versteht gar keiner, was wir da in Deutschland machen. Ich will um Gottes Willen jetzt nichts schönreden, die Zustände in Katar schönreden. Aber was mich maßlos nervt ist, dass wir da vier Wochen vor der WM mit anfangen und das nicht vor zehn Jahren gemacht haben. Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen. Die Zustände sind vor der WM in Katar so gewesen, und keiner hat sich aufgeregt. Die WM ist jetzt die Plattform. Und wenn die WM was ausgelöst hat, dann dass wir darüber reden.

"Wir können jeden Tag erwähnen, dass die Zustände in Katar untragbar sind aber wir können auch unsere Fußballmannschaft unterstützen. Ich habe die Hoffnung, nach dem Spiel gestern, dass wir doch noch ein bisschen WM-Gefühl bekommen. Und das ist nicht verboten. Auch wenn die WM in Katar stattfindet".

SWR1: Und das nächste richtige Fußballturnier, also mit einem richtigen würdigen Gastgeber ist in zwei Jahren dann die Europameisterschaft in Deutschland mit Trainer Hansi Flick? Auch wenn es jetzt früh rausgehen sollte in der Vorrunde oder auch im Achtelfinale?

Christian Heidel: Das ist typisch deutsch. Jetzt haben wir gegen Japan 20 Minuten schlecht gespielt, und dann gibt es wirklich Menschen, die anfangen, über den Trainer zu diskutieren. Damit sollte man aufhören. Wir spielen ja die WM, hoffe ich, jetzt sehr anständig zu Ende. Ich schätze Hansi Flick, weil ich ihn persönlich sehr gut kenne, sehr. Und ich glaube, dass er ein Top-Trainer ist. Und es ist nicht immer so, dass der Trainer für alles verantwortlich ist, insbesondere, wenn man mal 20 Minuten ein schlechtes Fußballspiel abgeliefert hat.

Interview: Hanns Lohmann - SWR1 Rheinland-Pfalz

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