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Rouven Schröder ist nicht mehr Sportvorstand bei Mainz 05. Wer wird sein Nachfolger? Kann Christian Heidel den Club retten? Und was passiert, wenn der gar nicht will? Eine Einschätzung von SWR Sportreporter Achim Scheu.

Mit Begriffen wie "Chaos" oder gar "Katastrophe" wird in der Sportreporter-Sprache oft übertrieben, ja fehl am Platze, hantiert. So kann man dennoch getrost die letzten Wochen, fast schon die letzen eineinhalb Jahre bei Mainz 05 als chaotisch bezeichnen. Denn der in der Republik immer noch mit dem Image des fröhlichen Karnevalsverein werbende Club ist längst nicht mehr nur lustig und damit nicht mal mehr anders. Die Mechanismen der Fußballbranche schlagen auch in Mainz mit aller Regelmäßigkeit voll zu.

Der Macher Christian Heidel

Christian Heidel hat den Club vom fast bedeutungslosen Zweitligisten zu einem etablierten Bundesligisten gemacht. Von 1992 bis 2016 wirkte Heidel, der ehemalige Teilhaber eines Autohauses, bei den 05ern. In den ersten Jahren, mangels Vereinsgeschäftsstelle, aus seinem Büro über der KfZ-Werkstatt. Aufstieg 2004 mit Jürgen Klopp, Neubau einer zukunftsweisenden Arena vor den Toren der Stadt mit Thomas Tuchel als Coach - das sind nur zwei Eckpunkte seiner herausragenden Arbeit in Mainz. Christian Heidel, der "Erschaffer" von Mainz 05, der Entdecker der heutigen Weltkasse-Trainer Klopp und Tuchel. Heidel war der, der alles entschieden hat. Es wird sich erzählt, vielleicht ein wenig überspitzt, dass sogar die Entscheidung über die Wahl des Rasendüngers auf den Plätzen im Trainingszentrum über seinen Schreibtisch lief. 2016 dann wollte Heidel raus aus dem beschaulichen Mainz, rein in die noch größere Fußballwelt. Schalke 04 - der Weltclub mit unfassbarem Potential. Was daraus wurde, ist eine andere Geschichte.

Lange Auszeit auf Mallorca

Die letzten Jahre hat Christian Heidel wechselweise in Mainz und auf Mallorca gelebt. Seine Frau und seine Tochter wohnen komplett auf der Mittelmeerinsel, das Kind geht dort auf eine internationale Schule. Und auch wenn man Heidel nicht mehr so in der Öffentlichkeit wahrgenommen hat, er war immer irgendwie da. Heidel steht für das "alte Mainz 05". Der verklärende Rückblick bei den Nostalgikern unter Fans war immer mit "dem Christian" eng verbunden. So wurde der Name eigentlich immer gehandelt, wenn es um eine mögliche Neuausrichtung ging. Vielleicht zuerst nur unter den Anhängern, weniger unter der neuen Vereinsführung, aber der Name Christian Heidel war und ist stets präsent in Mainz.

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Rouven Schröders Abgang verdient Respekt

Rouven Schröder wurde 2016 von Christian Heidel selbst aus Bremen nach Mainz geholt, von ihm selbst eingearbeitet, um dann die Geschäfte zu übernehmen. Schröder hat einen guten Job gemacht. Das Geschäftsprinzip Talente zu holen und gewinnbringend weiter zu verkaufen hat oft funktioniert. Nur in den letzten gut eineinhalb Jahren hat Rouven Schröder sein glückliches Händchen ein wenig verloren. Die von ihm geholten Spieler, allesamt zweifelsohne mit großem Talent ausgestattet, funktionierten als Mannschaft nicht oder zumindest zu selten. Weder Sandro Schwarz, der Ur-Mainzer auf der Trainerbank, noch Achim Beierlorzer und dessen Nachfolger Jan-Moritz Lichte, haben diese Mannschaft längerfristig in den Griff bekommen. Und zumindest eine Teilschuld daran trifft Rouven Schröder, denn er hat diese Kader zu verantworten. Wobei der Name Sandro Schwarz in dieser Aufzählung eine extra Bemerkung verdient: Schwarz war zweieinhalb Jahre Chefcoach, Beierlorzer (elf Monate) und Lichte (bisher drei Monate) deutlich kürzer. Unter Schwarz spielten die 05er immer wieder erfolgreich, die Schwarz'sche Handschrift war erkennbar. Erfolgte die Trennung von ihm, im November 2019, womöglich ungeduldig zu früh? Eine Antwort darauf wird es nicht mehr geben.

Rouven Schröders sauberer Abgang spricht für die Charakterstärke des 45-Jährigen. Die Trennung erfolgte einvernehmlich, wie es heißt. Schröders Credo "der Verein ist immer wichtiger als die einzelnen, handelnden Personen", hat der Sportvorstand selbst vorgelebt, das verdient Respekt.

Kommt Heidel? Und wen bringt er mit?

Trainer Jan-Moritz Lichte darf im Pokalspiel gegen Bochum das Team coachen. Wie das Ergebnis ausfällt, scheint aber bei all den Querelen drumrum fast zweitrangig. Alle warten auf die Entscheidung von Christian Heidel. Aufsichtsrat-Boss Detlev Höhne hat mit ihm verhandelt, Heidel hat grundsätzlich Bereitschaft signalisiert einen Vorstandsposten bei den 05ern einzunehmen, will aber nicht mehr in der ersten Reihe stehen. Das kann aber nur schwer funktionieren. Heidel ist einer der vorneweg geht, Strippenzieher im Hintergrund war er bisher nicht. Entweder entscheidet sich Christian Heidel doch noch mal allein in vorderster Position zu arbeiten, oder er bringt einen kompetenten Kaderplaner mit, der mit ihm das Team, ja den gesamten Verein, neu formt. Für genau diese Entscheidung hat sich "der Don" wie ihn die älteren Fans in Mainz liebevoll nennen, nachvollziehbarer Weise ein paar Tage Bedenkzeit erbeten. Auch die Gesundheit geht vor, denn immerhin muss Christian Heidel mit den Folgen seines im Sommer 2019 erlittenen Schlaganfalls leben, auch wenn er, nach eigener Aussage, keine bleibenden Einschränkungen davon getragen hat.

Prognose: Heidel kommt!

"Wir müssen unsere Kräfte bündeln und uns neu ausrichten", hat Vereinspräsident Stefan Hofmann gesagt. Das funktioniert nur mit Christian Heidel. In der aktuellen Situation, ohne sportliche Führungsperson, wird Heidel seine 05er nicht im Stich lassen. Wie genau das Kompetenzzentrum bei Mainz 05 dann aussieht, darüber beraten die handelnden Personen fieberhaft. "Immer zum Wohle von Mainz 05" würde Rouven Schröder jetzt sagen, aber der ist ja (leider) nicht mehr dabei.

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