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Am 21. Februar wäre Wolfgang Frank 70 Jahre alt geworden. Der ehemalige Coach von Mainz 05 hätte sich das Trainerduell zwischen den ehemaligen Mainzer Spielern Bo Svensson und Marco Rose an der Seitenlinie sicherlich angeschaut. Ein Spiel unter Freunden, die einer Trainergeneration angehören, die auf seinen Ideen aufbaut und stellvertretend für die Früchte seiner Arbeit steht. Ein später Nachruf auf den 2013 verstorbenen Trainer, anlässlich eines Spiels, das Kreise schließt.

Marco Rose wechselt zum BVB - das war die bestimmende Schlagzeile der vergangenen Woche. Wieder ein Borusse, der zur anderen Borussia am Niederrhein wechselt, sagt man in Gladbach. Nach Klopp und Tuchel wieder ein 05er, der den BVB retten muss, hört man in Mainz.

Wieder ein 05er, der den BVB retten muss

Rose und Svensson stammen beide aus dem Nachwuchsleistungszentrum der 05er, das heute noch - auf Wolfgang Franks Ideen aus den 1990er Jahren aufbauend - seine Spieler und Trainer ausbildet. Napoleon nannten sie den 1.72 Meter großen Wolfgang Frank, den sie in Mainz gerne in Ehren über die "Lu", die alte Paradestraße Napoleons in der Innenstadt, bis hin zum Theatervorplatz hätten ziehen sehen wollen, wo der Verein zwei Aufstiege feiern durfte. Diese Ehre war dem Vordenker aus Reichenbach an der Fils nicht vergönnt. Zeit seines Lebens trainierte der Begründer der Mainzer Spielidentität und Mentor vieler Bundesligatrainer selbst keinen Bundesligisten. Das ist einer der Gründe, warum heute eher über Ralf Rangnick und Volker Finke gesprochen wird, wenn vom Einfluss auf die moderne deutsche Trainergeneration die Rede ist. Frank war es jedoch, der im Gegensatz zu Volker Finke und Ralf Rangnick als Spieler in der Bundesliga auflief.

Wolfgang Frank als Spieler in Braunschweig (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Wolfgang Frank als Spieler in Braunschweig, wo man ihn aufgrund seiner Größe von nur 1,72 m "Floh" nannte. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Wolfgang Frank als Spieler mit Eintracht Braunschweig in einem Freundschaftsspiel gegen Real Madrid. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Wie hier in Dortmund, aber auch in Braunschweig erlebt Wolfgang Frank die Anfänge der Trikotwerbung. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen

Napoleons Reise durch Europa  

Neben dem VfB Stuttgart, dem 1. FC Nürnberg, der Eintracht aus Braunschweig und Borussia Dortmund spielte Frank in der Saison 1973/1974 in den Niederlanden beim AZ Alkmaar. Auf dem Platz wurde er Zeuge der Fußballrevolution von Ajax Amsterdam durch den auf Positionswechsel setzenden Totaalvoetbal, ehe ihn Trainer Branko Zebec in Braunschweig mit der Raumdeckung vertraut machte. Das letzte Puzzleteil seiner Spielidee entdeckte er bei seinen ersten Trainerstationen in der Schweiz im nicht weit entfernten Mailand mit Sacchis Pressing beim AC, das ihn ebenso wie Ralf Rangnick nachhaltig beeinflussen sollte.

Jürgen Klopp gewann 2019 als Trainer mit Liverpool FC die Champions-League (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Jürgen Klopp gewann 2019 als Trainer mit Liverpool die Champions-League und wurde Welttrainer. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Thorsten Lieberknecht führte Eintracht Braunschweig von der Regionalliga in die Bundesliga. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Franks Schützling Sandro Schwarz ist heute Trainer von Dinamo Moskau. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Jürgen Kramny coachte den VfB Stuttgart in der Bundesliga. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Peter Neustädter als Trainer der TuS Koblenz. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Christian Hock als SVWW-Trainer. Heute ist er Sportdirekter der Hessen. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Stephan Kuhnert wurde unter Wolfgang Frank zum Torwarttrainer des 1. FSV Mainz 05. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen

Vom Abstiegskandidaten zum Aufstiegsaspiranten 

Seine Erfahrungen als Spieler machten aus dem Trainer Frank in Mainz einen Vordenker für die eigene Mannschaft. Er revolutionierte den deutschen Fußball, indem er Fußball in Räumen abseits der üblichen Mannorientierung erdachte, als Tabellenletzter mitten in der Saison (95/96) den Libero abschaffte, auf 4er-Kette umstellte und die Mannschaft als Rückrundenerster zum Klassenerhalt führte. Damit prägte er eine Generation von Trainern wie Jürgen Klopp, Torsten Lieberknecht, Sandro Schwarz, Christian Hock, Stephan Kuhnert, Uwe Stöver oder Joe Zinnbauer. Frank vermittelte einer Mannschaft mit begrenztem Talent eine Spielweise, die es ihr erlaubte, die individuellen Unzulänglichkeiten im Kollektiv zu kompensieren. Wie nebenbei formte er so aus einem Abstiegskandidaten der zweiten Liga einen Aufstiegsaspiranten.

"Ohne dich wäre ich nicht hier" (Jürgen Klopp)  

Trotz der zahlreichen Vereinswechsel des unsteten und ungeduldigen Franks riss der Kontakt zu seinen Spielern nie ab. Gerade den Mainzern blieb er verbunden. Besonders eng war der Kontakt zu seinem Nachfolger und heute zweifachen Welttrainer Jürgen Klopp. Als Klopp Trainer bei Franks Ex-Verein Borussia Dortmund wird, schreibt er Frank im Mai 2013 anlässlich des deutschen Champions-League-Finales gegen den FC Bayern eine SMS: "Ohne dich wäre ich nicht hier."

Im September des gleichen Jahres stirbt Frank mit 61 Jahren in Mainz an einem Hirntumor. Viele seiner ehemaligen Spieler kommen zur Beerdigung. Klopp hält mit Dimo Wache die Trauerrede. Beim folgenden Heimspiel gegen Schalke gedenkt die Arena mit einer großen Choreo der verstorbenen Vereinslegende: "Mainz ist Deins."

Von der Spielidee zur Vereinskultur 

Es sind Franks Tugenden und Prinzipien, die Klopp heute noch in Liverpool vorlebt, die man in Dortmund zurzeit häufig mal vermisst und die der FSV unter Bo Svensson wieder zu entdecken scheint. Dabei handelt es sich um Spielideen, die von Klopp und Tuchel Anfang der 2000er in Mainz weiterentwickelt wurden und die bei ihren damaligen Spielern nicht weniger Eindruck hinterließen als unter Frank in den 90ern. Im Kader: Rose und Svensson.

Mainz 05  ist nicht die einzige Parallele der beiden Freunde. So gingen beide vor ihren Anstellungen als Bundesligatrainer den Umweg über das von Rangnick geprägte RB-Universum.

Franks Ideen wurden von Mainz 05 in die Spieler- und Trainerausbildung übernommen, weitergedacht und schließlich Teil der Vereinskultur. Mainz verfügt dank Frank über eine klare Spielidentität, die es talentierten Spielern wie Trainern leichter macht, den Sprung in den Profisport zu vollziehen. Diese Spielidentität ist der Grund dafür, dass große Vereine wie Leipzig und der BVB den Mehrwert der Trainer "Made in Mainz" für sich entdeckt haben. Nicht ohne Grund ist Rose ab Sommer der dritte Übungsleiter mit Mainzer Vergangenheit in Dortmund seit Klopp, dessen Fußstapfen in der Folge für die begabtesten Übungsleiter zu groß waren, weil sie immer auch als neuer Klopp geholt wurden. Jetzt also ein neuer Versuch mit Marco Rose. Immerhin wurde sein Wechsel schon mal an Rosenmontag publik.

Franks Schaffen wirkt nach und wird immer noch unterschätzt  

In Dortmund wird sich im Sommer dann ein weiterer Kreis schließen, wenn Rose neben dem Ex-Mainzer Otto Addo in der Scouting-Abteilung auf Wolfgang Franks Söhne Benjamin und Sebastian treffen wird. Und so schließen sich rund um den 70. Geburtstag von Wolfgang Frank die Kreise, die er in Mainz mit seinem Wirken ausgelöst hat. Mainz 05 und der deutsche Fußball haben Frank vieles zu verdanken, dessen Schaffen nachwirkt und immer noch unterschätzt wird.

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