sandro schwarz (Foto: Imago, imago images / Matthias Koch)

Fußball | Bundesliga Kommentar: Das Ende des Besonderen

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Der 1. FSV Mainz 05 und Trainer Sandro Schwarz haben sich gestern einvernehmlich getrennt. Dabei hatte Sportvorstand Rouven Schröder nach der 0:8 Niederlage gegen RB Leipzig gebetsmühlenartig erklärt, die Mainzer wollten am Trainer festhalten und nicht von einer Negativstimmung anstecken lassen.
SWR Sportredakteur Stephan Mai kommentiert die Trainerentlassung bei den Nullfünfern.

"Es geht um das Ganze. Und da ist es mir persönlich, in meiner Verantwortung zu einfach, eine Person dann auch zu opfern."

Die Aussagen von Rouven Schröder, um seinem Trainer Sandro Schwarz den Rücken zu stärken, sind gerade einmal acht Tage alt – aber nichts mehr wert. Rouven Schröder hat es nicht geschafft sich treu zu bleiben. Sich nicht von "außen" leiten zu lassen. Ich habe ohnehin den Eindruck, dass die Trennung von Sandro Schwarz nicht allein auf dem Mist des Sportvorstandes gewachsen ist. Die Mainzer Verantwortlichen im Vorstand und im Aufsichtsrat haben offensichtlich hart diskutiert und es gab wohl auch unterschiedliche Meinungen.

Von Anfang an Gegenwind

Jetzt haben sie doch das gemacht, was sie auf keinen Fall machen wollten. Sie haben sich von ihrem Trainer getrennt, den sie oft falsch gewertet und dargestellt gesehen haben. Dabei hatte die Geschichte des Sandro Schwarz das Potential zu einem Mainzer Fußball-Märchen. Ein Mainzer mit einer hundertprozentigen Identifikation mit der Stadt, dem Verein, der Mannschaft. Sandro Schwarz erfüllte alle Parameter, die man sich als "besonderer Verein" gesetzt hat. Und trotzdem: es hat nicht funktioniert. Es gab Zweifler von Beginn an. Sie wollten nicht verstehen, dass ein Trainer, der eben mit der zweiten Mannschaft in die Regionalliga abgestiegen war, zum Chef befördert wurde.

Sie haben es verpasst, ihm dabei zu helfen sich die Lobby aufzubauen, die ein Mann mit seinen Voraussetzungen hätte haben müssen. Denn das einzige was Sandro Schwarz fehlte, war die Erfahrung. Vielleicht kann das Geschäft Fußball einen Menschen, der so authentisch ist wie Sandro Schwarz, nicht akzeptieren. Es kam ja nicht von ungefähr, dass Sandro Schwarz vor seinem Wechsel in die Cheftrainerposition bei nahezu allen Vereinen auf Trainersuche auf der Liste stand. 

Eine Mannschaft ohne Anführer

Wenn man ihm eines wirklich vorwerfen kann: es war ihm in dieser Saison nicht gelungen, aus dem zusammengestellten Haufen technisch gut ausgebildeter Individualisten, eine Mannschaft zu formen. Im Team fehlt einer, der wie Ex-Kapitän Niko Bungert die Truppe zusammenhält, die verschiedenen Lager eint und die Neuen integriert. Ich habe das Gefühl, dass bei der Zusammenstellung der Mannschaft darauf zu wenig geachtet wurde. Es fehlen Leader, Anführer, die die Verantwortung auf dem Platz und auch daneben übernehmen. Und es ist zu einfach, allein den Trainer dafür verantwortlich zu machen.

Es stimmt: die Leistung gegen Leipzig war unterirdisch. Auch gegen Union Berlin waren die Mainzer nicht bereit den einen Schritt weiter zu gehen. In Kaiserslautern, in München, in Freiburg: in der Saison war von Beginn an der Wurm drin.

Für mich war es zudem erschreckend zu beobachten, wie die Fans in der zweiten Halbzeit ihre Unterstützung für die Mannschaft einstellten. Bei aller verständlichen Enttäuschung, auch das gab es in dieser Form noch nicht in Mainz. Die Stimmung war am Samstag nach dem Abpfiff auf einem Tiefpunkt. Weil die Zuschauer das Gefühl hatten, dass sich nichts ändert – die Mannschaft keine Reaktion auf die Leipzig-Pleite zeigt. Und trotzdem: "Sandro raus"-Rufe blieben aus.

Offensichtlich trauten die Vereinsverantwortlichen dem Trainer nicht mehr zu, das Ruder rumzureißen.

Klopp und Tuchel verändern Anspruchshaltung

Es wurde mit langem Anlauf eine ganz große Chance verpasst. Einen jungen Trainer zu entwickeln, der ein richtiges Fußball-Märchen hätte schreiben können. Vielleicht auch deshalb, weil die Fußstapfen von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel an der Anspruchshaltung des gesamten Vereins und auch der Fans etwas verändert haben. Für mich hat sich der 1. FSV Mainz 05 mit der Trennung von Sandro Schwarz nicht nur vom selbst erklärten Mainzer Weg verabschiedet, er hat für mich den Glanz des Besonderen verloren.

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