Adam Szalai und weitere Mainzer Spieler (Foto: Imago, imago images/Martin Hoffmann)

Bundesliga | Kommentar

Schluss mit Humba Humba beim 1. FSV Mainz 05

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Szalai-Ausmusterung, Trainingsstreik, Kommunikationsdefizite: Der 1. FSV Mainz 05 hat sich aus der Spaßgesellschaft verabschiedet, sagt SWR-Sportreporter Stefan Kersthold.

Schluss mit Humba Humba und Karnevalsverein. Während die kommende Saal-Fastnachts-Kampagne aus den bekannten Pandemie-Gründen abgesagt wurde, hat sich der Bundesligist aus Mainz freiwillig und ohne Not aus der Kategorie Spaßgesellschaft verabschiedet.

Ein Streik der hochdotierten Kicker aus Solidarität zum am Montag vom Trainingsbetrieb freigestellten Stürmer Adam Szalai. Der Ungar, Kapitän der Nationalmannschaft, der die 05er vor zwei Wochen noch mit einem Treffer in die zweite DFB Pokalrunde schoss, ist plötzlich nicht mehr erwünscht. Man habe ihm die fehlende Perspektive im Mainzer Profiteam bereits vor einigen Wochen aufgezeigt, allein sportliche Gründe wären ausschlaggebend gewesen. Das teilte der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder in einer Videopressekonferenz mit.

Die Mannschaft von Mainz 05 steht beim ersten Traning nach dem Streik zusammen. Am Mittwoch verweigerten die Spieler die Einheit um 16.00 Uhr ... (Foto: Imago, imago sport )
Die Mannschaft von Mainz 05 steht beim ersten Traning nach dem Streik zusammen. Am Mittwoch verweigerten die Spieler die Einheit um 16.00 Uhr. ... Imago imago sport Bild in Detailansicht öffnen
... Auslöser für den Streik: "Emtionale Diskussionen innerhalb der Mannschaft um Adam Szalai, der am Nachmittag nicht mit der Profimannschaft trainieren sollte", teilte der Verein mit. Szalai wurde einen Tag zuvor suspendiert. Die Ausmusterung habe rein sportliche Gründe, sagt Sportvorstand Schröder. Imago imago sport Bild in Detailansicht öffnen
Skandal von Knynsa 2010: Es ist der Auslöser für einen Skandal in der französischen Nationalmannschaft, mitten während der WM in Südafrika beim Spiel gegen Mexiko. Trainer Raymond Domenech und Stürmer Nikolas Anelka (beide im Bild) geraten in der Halbzeitpause aneinander. Anelka beleidigt Domenech, der Trainer wechselt ihn aus, Frankreich verliert. Zwei Tage später berichtet die L'Equipe darüber, der Verbandspräsident fordert von Anelka eine Entschuldigung. Der Stürmer weigert sich ... Imago PanoramiC Bild in Detailansicht öffnen
... und wird deshalb aus dem Quartier nach Hause geschickt. Aus Solidarität mit Anelka streiken die Nationalspieler bei einem Traning und verfassen eine Erklärung. Trainer Domenech, der nicht nur bei der Mannschaft unbeliebt ist, verliest diese vor der Presse, ... Imago PanoramiC Bild in Detailansicht öffnen
... während die Mannschaft vom Platz geht und in den Teambus steigt. Zu den sechs ausgemachten Rädelsführern gehört auch Franck Ribery, damals Spieler bei Bayern München. Kurz darauf scheiden die Franzosen in der Vorrunde aus. "Le fiasco de Knysna" versetzte das ganze Land in Aufruhr. Imago PanoramiC Bild in Detailansicht öffnen
Aufstand beim Club 1984: Beim 1. FC Nürnberg, im Mai abgestürzt aus der Bundesliga, hat der zum Jahreswechsel verpflichtete Trainer Heinz Höher (im Bild links, im Gespräch mit mit dem Präsidenten Gerd Schmelzer) nach dem 1:1 gegen Rot-Weiß Oberhausen ein Straftraining angesetzt. Um sechs Uhr morgens. Im Anschluss daran beschließt die Mannschaft einstimmig, mit einem offenen Brief an die Presse zu gehen. ... Imago Horstmüller Bild in Detailansicht öffnen
... Darin kritisieren sie unter anderem die Trainingsmethoden von Höher und dessen gestörtes Verhältnis zur Mannschaft. Einen Tag später erscheinen nur fünf Spieler zum Training, der Rest streikt. Der Präsident greift durch und entlässt Udo Horsmann (Mitte, 3. v. re.), Rudi Kargus (vorne, 3. v. re), Stefan Lottermann (2. v. re.) und Horst Weyrich (vorne 2. v. li.), Manfred Walz und Detlef Kella. Mit einer blutjungen Mannschaft macht Höher weiter und feiert am Ende den Bundesliga-Aufstieg. Imago Kicker/Liedel Bild in Detailansicht öffnen
Meuterei beim FC Bayern 1979: Der Trainer Gyula Lorant ist erst vor zweieinhalb Wochen suspendiert worden, am 17. März tritt das Team um die Kapitäne Sepp Maier (Torwart, im Bild) und Paul Breitner bei Eintracht Braunschweig an. Auf der Rückreise bekommen sie mit, ... Imago imago sport Bild in Detailansicht öffnen
... dass Max Merkel der neue Trainer werden soll. Es ist der Wunsch von Präsident Wilhelm Neudecker (beide im Bild). Sepp Maier und Paul Breitner ergreifen die Initiative und lassen die Mannschaft abstimmen. Das Ergebnis: 16:0 - gegen Merkel. Breitner kündigt einen Tranings-Streik für den kommenden Tag an und fordert von Präsident Neudecker seinen Rücktritt: Mit einem Grantler wie Merkel wolle man nichts zu tun haben. Neudecker tritt aus Protest zurück, Breitner übernimmt das Kommando. Imago Fred Joch Bild in Detailansicht öffnen

Ach ja, die Pressekonferenz. Durch die unübliche zeitliche Beschränkung auf 30 Minuten wurden einige wichtige Fragen nicht beantwortet, weil sie gar nicht gestellt werden konnten.

Am Ende gibt es nur Verlierer

Überhaupt hatte man den Eindruck, als hätten die Mainzer versucht, nach einer am Mittwochabend eilig einberufenen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat, einen Tag später hauptsächlich Schadensbegrenzung zu betreiben. Man werde die Angelegenheit, Schröder verwendete den Begriff "Eskalationsstufe", intern aufarbeiten.

Klar ist aber auch: Das Image des bislang durchaus geschätzten Clubs aus Rheinhessen hat mächtig gelitten. Oder, um es mit den Worten eines Fans auszudrücken: "Das sind nicht mehr meine Meenzer". Ich setze sogar noch einen drauf und sage: "Am Ende gibt es nur Verlierer".

Ein Kommentar von SWR-Sportreporter Stefan Kersthold

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