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Nachdem sich Fußballtrainer Heiko Vogel "unsportlich" gegenüber zwei Schiedsrichter-Assistentinnen verhalten haben soll, soll er nun zur "Strafe" sechs Mal eine Frauen- oder Mädchenmannschaft trainieren. Das Urteil wird heftig kritisiert. Die Rede ist von "Sexismus".

"Wer sich nicht verändert, fällt irgendwann mal aus der Gesellschaft. Derjenige, der das noch nicht kapiert hat, der ist wirklich einer von gestern." Diese Worte stammen von DFB-Präsident Fritz Keller. Gesagt hat er sie kürzlich in einem Interview zum Weltfrauentag. Der Tenor dieses Gesprächs: Die Stellung der Frauen im deutschen Fußball müsse gestärkt bzw. verbessert und die Gleichberechtigung vorangetrieben werden.

Unsportliches Verhalten

Wie weit der deutsche Fußball davon entfernt zu sein scheint, verdeutlicht ein Urteil, das der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) kürzlich gefällt hat. Worum geht es? In einem Regionalligaspiel Ende Januar 2021 zwischen dem SV Bergisch Gladbach und der zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach soll sich Heiko Vogel, der 45-jährige Coach der Gladbacher, "unsportlich" gegenüber zwei Schiedsrichter-Assistentinnen verhalten haben.

Der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) verhängte daraufhin gegen den gebürtigen Bad Dürkheimer eine Geldstrafe von 1.500 Euro sowie eine Sperre für zwei Spiele. Das ist aber noch nicht alles. Obendrauf wurde Vogel dazu verpflichtet, sechs Trainingseinheiten einer Frauen- oder Mädchenmannschaft zu leiten. Dies berichtete zuerst das Portal "Reviersport".

Maßnahme ist "despektierlich"

Das Trainieren einer Frauenmannschaft als "Strafe"? Diese Maßnahme des Verbands sorgt jetzt für Diskussionsstoff. Nora Häuptle, Trainerin des SC Sand und einziger weiblicher Coach in der Frauen-Bundesliga, unterstellt dem WDFV gar keine böse Absicht, spricht aber von einem "Eigentor". "Es ist niemals eine Strafe, ein Team zu trainieren - egal, ob Männer oder Frauen. Da liegt schon mal ein Denkfehler vor", sagte die 37-Jährige dem SWR, und stellt klar: "Diese Maßnahme ist despektierlich dem Frauenteam gegenüber."

Zu hart will die Schweizerin mit dem WDFV aber nicht ins Gericht gehen. Es seien eben noch nicht alle Köpfe im 21. Jahrhundert angekommen: "Ein Paradigmen-Wechsel braucht eben Zeit." Sie hoffe, dass Heiko Vogel die Trainingseinheiten mit den Frauen genießen könne. "Das Beste wäre, wenn er selbst die Sache richtig stellt."

Nationalspielerin Schnaderbeck: "Ich fühle mich diskriminiert"

Die österreichische Nationalspielerin Viktoria Schnaderbeck, derzeit bei Arsenal London unter Vertrag, sieht in dieser "Strafe" eine "bewusste Form des Sexismus". Auf Instagram postete die 30-Jährige: "Fußballerinnen zu trainieren ist KEINE STRAFE. Diese Sanktion des WDFV muss Konsequenzen mit sich bringen. Ich bin mir sicher, dass sich jede Fußballerin und vermutlich auch jede Sportlerin so fühlt, wie ich mich fühle: DISKRIMINIERT."

Für Bärbel Wohlleben, eine der weiblichen deutschen Fußball-Pioniere und erste "Torschützin des Monats", ist das Strafmaß für Vogel zu gering. "Aus meiner Sicht wäre eine viel längere Strafe angemessen gewesen", sagte sie dem SWR. Da vergreife man sich im Ton bei den Schiedsrichter-Assistentinnen und dürfe "quasi als Belohnung" noch einige Trainingseinheiten mit einem Mädchen- oder Frauenteam machen. "Da kann er mal brav und artig 'Danke' sagen, dass er so davon gekommen ist", meinte die 77-Jährige, die mit der TuS Wörrstadt 1974 die erste offizielle Meisterschaft der Frauen gewonnen hatte. 

Erinnerungen an Fall Demirbay

Vogel, der unter anderem bereits die Profimannschaft des FC Basel und die U23 des FC Bayern trainiert hat, muss die Trainingsstunden bis zum 30. Juni absolvieren. Die "Strafe" des WDFV erinnert an den Fall Kerem Demirbay: Der heutige Bundesliga-Kicker von Bayer Leverkusen hatte 2015 Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus beleidigt und musste danach ein Spiel zweier Mädchen-Mannschaften leiten.

Der Westdeutsche Fußballverband wollte sich laut dem Portal "ESPN" weder zur Anordnung, eine Frauenmannschaft zu trainieren, noch zur öffentlichen Kritik äußern. Der Verband teilte mit, dass die Anordnung geprüft werde. Im Präsidium des Westdeutschen Fußballverbandes sitzen 16 Personen, 15 Männer und eine Frau.

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