Anne Trabant-Haarbach als Kapitänin der Frauen-Nationalmannschaft (Foto: imago images, Werek)

Frauenfußball | Historie

50 Jahre Frauenfußball: Wie ein Plakat in Mainz zur Gründung der Nationalmannschaft beitrug

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Am 31. Oktober 1970 erlaubte der DFB Frauen offiziell das Fußballspielen. Eine Nationalelf wurde erst 1982 ins Leben gerufen - auch dank des Einsatzes einer Frau, die in Mainz das Fußballspielen lernte: Anne Trabant-Haarbach.

Als sie das Plakat erblickt, traut Anne Haarbach ihren Augen kaum. Auf dem Anschlag in der Mainzer Innenstadt wird ein Fußballspiel beworben - ein Frauenfußballspiel. Dabei ist Frauen das Fußballspielen eigentlich verboten. Für Anne Haarbach ist an jenem Tag im Jahr 1969 trotzdem schnell klar: "Da muss ich hin." Es ist ein wichtiger Moment im deutschen Frauenfußball, den es offiziell zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gibt, aber auch in ihrem eigenen Leben. Dreizehn Jahre später wird sie sich einen Kindheitstraum erfüllen und die erste Frauen-Nationalmannschaft als Kapitänin aufs Feld führen.

"Keine Sportart, die für Damen geeignet ist"

Das Wunder von Bern und die deutsche Weltmeistermannschaft begeistern 1954 eine ganze Nation - auch die kleine Anne Haarbach, die zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt ist. Fortan spielt sie mit den Jungs auf dem Bolzplatz, ganz selten darf sie mal im Verein mittrainieren. Bei Spielen mitzuwirken ist undenkbar. Also sucht sie sich als Jugendliche andere Sportarten, beginnt mit Handball und Leichtathletik. Bis sie ihr Sportstudium 1969 nach Mainz verschlägt, wo sie beim Mainzer Turnverein 1817 endlich ihre ersten Spiele absolvieren darf.

Das Frauenfußball-Verbot im DFB besteht da bereits seit vierzehn Jahren. Die einhellige Meinung im ausschließlich von Männern geführten Verband ist, die Damen hätten auf dem Platz nichts verloren: Das kampfbetonte Spiel sei nichts für sie, denn es widerspreche der weiblichen Natur. Der Fußball sei "keine Sportart, die für Damen geeignet ist", meint etwa Weltmeister-Trainer Sepp Herberger. Manch ein Arzt behauptet gar, wenn man die Frauen spielen ließe, trügen sie körperliche und seelische Schäden davon.

1970: Der DFB gibt nach

Doch wer den Fußball liebt, der lässt sich auch nicht davon abhalten. Und so spielen die Frauen trotzdem weiter, Ende der 1960er-Jahre gibt es bereits 1.000 Frauenmannschaften in Deutschland. Beim DFB wächst die Angst davor, dass die Frauen sich selbstständig organisieren. Also wird das Verbot am 31. Oktober 1970 gekippt - nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern vielmehr aus Furcht vor einem konkurrierenden Verband.

Der wichtigste Schritt ist damit getan. Doch absurde Vorstellungen haben die Männer beim DFB nach wie vor: Die Damen sollen mit kleineren, leichteren Bällen spielen und, um den Busen zu schützen, eine Art Brustpanzer tragen - dafür aber keine Stollenschuhe. Auch strukturell ist der Frauenfußball im DFB zu Beginn der 70er-Jahre nicht gut aufgestellt: Es wird weder eine deutsche Meisterschaft ausgespielt noch eine Nationalmannschaft nominiert.

Der Traum vom Nationaltrikot

In Mainz entwickelt sich Anne Trabant-Haarbach derweil zu einer der besten Spielerinnen des Landes. 1974 gewinnt sie mit dem TuS Wörrstadt die erste Deutsche Meisterschaft der Frauen. Nach dem Ende ihres Studiums verlässt sie Rheinland-Pfalz und wechselt über Bonn zur SSG Bergisch-Gladbach, mit der sie den Frauenfußball über Jahre hinweg dominiert und eine Meisterschaft nach der nächsten gewinnt. Auf dem Platz ist Trabant-Haarbach die alles entscheidende Figur; gleichzeitig fungiert sie auch noch als Trainerin.

Und doch ist sie, die von Mitspielerinnen und Wegbegleitern als ungeheuer ehrgeizig wahrgenommen wird, immer noch nicht am Ziel. Denn Trabant-Haarbach will sich einen Traum erfüllen, den sie träumt, seit sie als kleines Mädchen erlebt hat, welche Begeisterung die Nationalmannschaft von 1954 auslöste. Sie will im Deutschland-Trikot auflaufen. Öffentlich spricht sie darüber, dass der Verband ein Frauen-Nationalteam benötigt. Wenn man Mädchen ansprechen wolle, bräuchte man auch "eine Nationalmannschaft, die in der Öffentlichkeit steht", sagt sie bei einem Fernseh-Auftritt. Doch der Verband hat kein Interesse daran, ein Nationalteam ins Leben zu rufen.

Weltmeisterin - mit Bergisch-Gladbach

Das ändert sich auch 1981 nicht, als der DFB eine Einladung nach Taipeh erhält, wo eine inoffizielle Weltmeisterschaft der Frauen stattfinden soll. Man habe keine Nationalmannschaft, heißt es vonseiten des Fußballbundes. Die Gastgeber schlagen vor, man könne alternativ die momentan beste deutsche Mannschaft zum Turnier schicken. Also fliegt Anne Trabant-Haarbach mit ihrer Mannschaft nach Taipeh - und gewinnt das Turnier. Im letzten Spiel gegen die Niederlande kürt sich die Mannschaft, die Deutschland in Taiwan vertritt, zum Weltmeister. Es ist jedoch keine Nationalelf, sondern die SSG 09 Bergisch-Gladbach.

Diese verrückte Geschichte bewegt die Herren doch noch zum Umdenken: Trabant-Haarbach wird vom DFB eingeladen, um beim Aufbau einer Frauen-Nationalmannschaft zu helfen. Am 10. November 1982 ist es so weit. Als sie beim ersten Spiel einer deutschen Nationalelf der Frauen mit der Kapitänsbinde aufs Spielfeld läuft, hat sie ihr Ziel erreicht.

Es hat sich viel verändert - auch bei den Schiedsrichtern

Eine weitere Frau, die ihr Ziel im deutschen Fußball erreicht hat, ist Bibiana Steinhaus. 2017 war sie die Erste, die als Schiedsrichterin ein Bundesliga-Spiel leiten durfte. Seitdem hat sie immer wieder bewiesen, dass sie darin genauso gut ist wie ihre männlichen Kollegen. Mit Klischeedenken habe auch sie sich zu Beginn auseinandersetzen müssen, sagt sie. "Und diese Verfehlungen sind nicht 50 Jahre her." Dennoch hat sie es bis ganz nach oben geschafft und ist als erste weibliche Bundesliga-Schiedsrichterin eine Pionierin des deutschen Frauenfußballs.

Dass eine Frau eine Bundesliga-Partie der Männer leitet, wäre bei der Aufhebung des Frauenfußball-Verbots vor 50 Jahren unvorstellbar gewesen. Und als Anne Trabant-Haarbach 1982 das erste Spiel der Nationalmannschaft bestritt, war noch nicht absehbar, welche Erfolgsgeschichte damit begann: Zwei Weltmeister- und acht Europameisterschaften haben die DFB-Frauen mittlerweile gewonnen, dazu einmal olympisches Gold.

Es hat sich also viel getan in den vergangenen 50 Jahren, die Frauen haben den Fußball auf verschiedene Weise geprägt. Über Frauenfußball-Plakate in der Mainzer Innenstadt würde sich heute zum Glück niemand mehr wundern. Auch, wenn es mit Blick auf Klischeedenken und die Akzeptanz des Frauenfußballs mit Sicherheit noch Luft nach oben gibt: Wenn junge Mädchen heute von der Nationalmannschaft träumen, scheint das - anders als vor 50 Jahren - ein erreichbares und kein ungewöhnliches Ziel zu sein. Das haben sie auch Anne Trabant-Haarbach zu verdanken.

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