Daniel Engelbrecht im Jahr 2015. Damals spielte er für die Stuttgarter Kickers (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Fußball | EM 2021

"Ich habe gezittert": Wie Daniel Engelbrecht den Fall Eriksen erlebt

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Der ehemalige Fußballprofi Daniel Engelbrecht (30) erlitt 2013 einen Herzstillstand und spielte danach mit einem Defibrillator weiter. Der Fall des dänischen Spielers Christian Eriksen hat ihn aufgewühlt. Bei SWR Sport fordert der Ex-Profi der Stuttgarter Kickers: "Spieler dürfen nicht wie Maschinen behandelt werden."

SWR Sport: Wie haben Sie den Zusammenbruch von Christian Eriksen vor dem TV-Gerät erlebt?

Daniel Engelbrecht: Es ist mir kalt den Rücken runtergelaufen. Ich habe selbst gezittert, weil ich schon nach dem ersten Schritt der verlorenen Koordination gedacht habe: "Oh, mein Gott, bitte nichts mit dem Herzen." Im nächsten Augenblick schaue ich schon in diesen Todesblick bei ihm und habe zu mir selbst immer wieder gesagt: "Komm schon. Steh wieder auf. Du schaffst das."

Wie groß war Ihre Befürchtung, dass Eriksen das nicht überleben würde?

Es ist kein Geheimnis: Wenn ein Mensch bewusstlos ist und das Hirn längere Zeit nicht mit Sauerstoff versorgt wird, dann gibt es bleibende Schäden oder er stirbt sogar. Diese Sorge hatte ich mit jeder Minute mehr, die er da auf dem Boden lag. Als mit der Herzdruckmassage begonnen wurde, wurde mir ganz anders. Ich habe gezittert, als wenn ich vor Ort im Stadion gewesen wäre.


Wie haben Sie Ihre eigenen Herzprobleme erlebt?

Ich bin im Laufe meiner Karriere drei Mal auf dem Platz zusammengebrochen und musste sie dann zwangsläufig beenden. Die Ursache wird eine verschleppte Herzmuskelentzündung gewesen sein. Man kann es nicht hundertprozentig sagen. Dafür hätte man eine Biopsie machen müssen. Ich habe diesen Eingriff aber nicht machen lassen, da ich ohnehin nichts hätte ändern können. Eine Herzmuskelentzündung ist deshalb naheliegend, weil ich zu den Menschen gehörte, die sich nie bei einer Erkältung oder Grippe raus genommen haben.

Bei Christian Eriksen soll jetzt ein sogenannter ICD-Defibrillator eingesetzt werden. Dieses Gerät wird bei Menschen implantiert, die ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen haben. Auch bei Ihnen wurde ein Defibrillator in den Brustkorb eingesetzt. Sie haben damit weiter Fußball gespielt und waren der erste Profifußballer, der aktiv Leistungssport betrieben hat.


Ja, der Defibrillator ist dafür da, um mir im schlimmsten Fall das Leben zu retten, wenn die Herzrhythmusstörungen wieder eingesetzt hätten. Einerseits ist er mein Schutzengel, andererseits ist er das, wovor ich mich am meisten fürchte.


Was raten Sie, damit solche Zusammenbrüche vermieden werden können?

Ich kann allen nur ans Herz legen, dass sie achtsam mit ihrer Gesundheit umgehen und dass sie nicht über die Grenzen gehen, wenn ihre Gesundheit geschädigt würde. Sie sollten sich regelmäßig Auszeiten nehmen. Mit dieser Frage sollten sich aber nicht nur Sportler beschäftigen, sondern auch die Verantwortlichen. Sportler dürfen nicht wie Maschinen behandelt werden. Man darf ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie austauschbar sind, wenn sie schwächeln.

Wichtig wäre es auch, noch mehr Geld für die medizinische Versorgung in die Hand zu nehmen. Wir müssen versuchen, solche Fälle wie bei Christian Eriksen oder wie bei mir auszuschließen. Die Rate plötzlicher Herztode könnte gesenkt werden. Man darf auch nicht vergessen: Christian Eriksen ist vor einer ganzen Welt, vor Millionen Zuschauern zusammengebrochen, ihm konnte sofort geholfen werden. Dem normalen Bürger passiert das aber vielleicht beim Joggen im Wald, beim Einkaufen oder Spaziergang. Da ist nicht sofort medizinische Hilfe da.


Wie gehen Sie heute mit Ihren Erfahrungen um?

Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich halte seit drei Jahren Vorträge zu den Themen Achtsamkeit und Gesundheit. Ich möchte Menschen helfen, damit sie nicht das gleiche Schicksal ereilt wie Christian Eriksen oder meins. Andererseits bin ich noch im Scouting von Fußballtalenten tätig. Das ist eine gute Kombination. Es sind Bereiche, die sich hervorragend ergänzen.

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