Dirk Elbrächter von der TSG Hoffenheim spricht über die positiven Reaktionen nach seinem Outing

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TSG-Mitarbeiter Elbrächter nach eigenem Outing: "Man fühlt sich danach frei"

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Lena Bergmann
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Martin Bromber

Dirk Elbrächter, Mitarbeiter bei der TSG Hoffenheim, hat sich als bisher Einziger über die Onlineplattform "Sports Free" als homosexuell geoutet. Mit SWR Sport spricht er über die Reaktionen.

SWR Sport: Außer Ihnen hat sich noch niemand auf der Internetseite "Sports Free" geoutet. Wie sehr überrascht Sie das?

Um ehrlich zu sein, habe ich es erwartet. Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen wahrgenommen, dass die Sorge doch zu groß wird. Die Sorge vor den Reaktionen der Fans im Stadion, aber auch auf Social Media. Da ist natürlich Tür und Tor geöffnet für schlimme Kommentare. Vielleicht gibt es auch zwei oder drei Mannschaftskollegen, die ein Problem damit hätten. Das muss gar nicht so sein, aber vielleicht denkt man es. Club, Sponsoren, Berater - da hängt wahnsinnig viel dran. Aufgrund dieser Komplexität war zu erwarten, dass viele sagen "Ich mache jetzt besser mal nichts".

Der Aktionstag wurde im Vorfeld angekündigt und von vielen Medien thematisiert. Hat diese große Öffentlichkeit womöglich Spieler abgeschreckt?

Nein, das glaube ich nicht. Es war wichtig, dieses Thema überhaupt noch mal ins Bewusstsein zu holen. Das Thema Homosexualität ist im Profifußball immer noch ein Tabuthema. Ich finde es gut, dass darüber in ganz unterschiedlicher Art berichtet wurde. Am Ende des Tages ist es halt "nur ein Datum". Dieses Thema ist ja mit dem heutigen Tag nicht vorbei. Die Arbeit geht weiter. Sie muss weitergehen. Und sie wird auch weitergehen.

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Wie fühlt es sich für Sie als bekennender Homosexueller in der Fußball-Branche an?

Ich bin vor etwas mehr als zwei Jahren zur TSG Hoffenheim gekommen. Ich bin leidenschaftlicher Fußballfan und rede am liebsten den ganzen Tag über Fußball, ich schaue auch ganz viel Fußball. Im Kollegium sitzen dann eben Männer, die von ihren Frauen erzählen, und Kolleginnen erzählen von ihren Männern und Kindern. Wenn du in der 90. Minute einen unberechtigten Elfmeter gegen dich bekommst, dann herrscht nach dem Spiel in der Kabine nicht gerade Partystimmung. Dann ist schon mal der Schiri "eine Schwuchtel" oder ein Pass war schwul. Du hörst diese Wörter als Schimpfwort, und das ist automatisch mit Rückzug verbunden. So war es zumindst bei mir. Ich dachte: "Oh Mann, irgendwie scheine ich hier mit meiner Sexualität allein zu sein". Ich habe dann für mich beschlossen, erst mal nichts zu sagen. In den letzten Monaten war "Sports Free" für mich wie eine Initialzündung, um zu sagen: "Ich oute mich jetzt."

Wie hat "Sports Free" konkret dazu beigetragen?

Anfang des Jahres stieß ich auf einen Bericht auf Instagram. Da wollte ich erst mal für mich rausfinden: Ist dieser 17. Mai eine Art Marketing-Gag oder steckt wirklich etwas dahinter? Ich hatte viele Gespräche mit Initiator Marcus Urban. Da wurde mir klar, dass es tatsächlich viele Spieler in Deutschland, aber auch in Europa gibt, die eine Art Doppelleben führen und in einer Parallelwelt leben. Irgendwann fragte Marcus mich dann: "Bist du denn bei der TSG Hoffenheim geoutet?" Ich antwortete: "Nee, ich bin aber auch kein Spieler", woraufhin er meinte: "Versuch du dich doch mal zu outen." Im ersten Momente dachte ich: "Nein, das mache ich nicht." Aber dann setzte ein Gedankenprozess ein, in dem ich dachte, es fehlt ja wirklich hier bei der TSG ein Teil von mir. Bei der Familie, bei Bekannten, Freunden und Nachbarn bin ich schon länger geoutet, aber hier beim Verein eben nicht. Dann habe ich mit meinem Chef gesprochen, der das übrigens schon wusste. Ich sagte, ich würde diese Aktion gerne unterstützen, aber das nicht alleine machen. Ich wollte es mit Wissen des Clubs machen und hoffte im Idealfall, dass der Club das unterstützt. Also bin ich in eine Geschäftsführer-Sitzung.

Ich habe vor versammelter Mannschaft in einem großen Konferenzraum gesagt, dass ich seit 15 Jahren mit einem Partner zusammenlebe. Dass mir das Thema wichtig ist und dass ich mir erhoffe, dass die TSG das unterstützt. Die Reaktion war fantastisch.

Es war das Normalste der Welt, und alle haben gesagt: "Wieso sagst du denn nichts? Wovor hattest du denn Angst? Das gibt es doch gar nicht. Was können wir tun?" Wir haben dann direkt bei diesem Termin über Lösungen gesprochen.

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Wovor hatten Sie Angst?

Ich hatte Angst vor der Reaktion. Ich hatte Angst, dass gesagt wird, das finden wir irgendwie komisch, schwieriges Thema. Oder: Damit wollen wir uns nicht auseinandersetzen. Ich befürchtete, dass Leute mich vielleicht komisch angucken. Ich hatte auch vorher schon Angst, dass ein Outing nicht förderlich für meine Karriere ist. Aber das hat sich nach dieser Sitzung als völliger Quatsch herausgestellt. Ich hatte mir völlig umsonst Gedanken gemacht. Es ärgert mich, dass ich so lange gewartet habe. Ich dachte: "Mein Gott, was war ich für ein Idiot!?"

Wenn Sie jetzt auf die vergangenen zwei Jahre bei der TSG Hoffenheim zurückblicken. Würden Sie sagen, Sie haben eine Art Versteckspiel gespielt?

Ja. Zum Beispiel beim Mittagessen. Wenn alle von ihren Unternehmungen erzählten, dachte ich manchmal: "Hoffentlich fragt mich jetzt keiner." Ich wollte auch nicht lügen. Aber ich war in diesen Momenten nicht bereit zu sagen, dass ich keine Frau und keine Kinder habe, sondern einen Freund. Ich versuchte stattdessen, das Gespräch etwas krampfhaft an mich zu reißen und auf ein anderes Thema zu kommen. Das war ein Versteckspiel. Ein Puzzleteil von mir fehlte einfach. Bei Firmen- oder Weihnachtsfeiern bin ich alleine gekommen. Ich bin echt froh, dass das jetzt vorbei ist.

Die Aktion von "Sports Free" zielt darauf ab, dass man sich gemeinsam mit anderen outen kann. Das ist heute nicht passiert. Wie geht's jetzt weiter?

Der 17. Mai ist nur ein Datum, die Arbeit geht ja weiter. Ich habe mich auch nicht an dieses Datum gehalten. Ich war dann mit meinen Gesprächen und meinem Outing Anfang Mai fertig. Und dann haben wir das auch veröffentlicht. Die Arbeit geht ja jetzt weiter. Ich werde weiter im Club arbeiten. Ich werde mich auch mal mit Kollegen in anderen Clubs unterhalten, wie die weiter mit diesem Thema umgehen werden. Wenn wir dieses Thema immer weiter im Bewusstsein halten und weitere Vorbilder schaffen, dann gibt es auch eine Initialzündung, die völlig unabhängig von irgendeinem Datum ist.

Wie hilft die Plattform "Sports Free" denjenigen, die den letzten Schritt aktuell noch nicht machen können?

"Sports Free" verfügt über ein großes Netzwerk, das Sportlerinnen und Sportler verbindet. Die können sich gegenseitig austauschen, sich gegenseitig beraten und natürlich auch ihre Sorgen teilen. Über diese Website gibt es die Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum zu unterhalten. Es gibt Beratung und Coaches, die eine Art Lebensberatung anbieten. Es gehört ja auch zur Identitätsfindung, sich zu outen. Ich bin jetzt schon etwas älter, aber es gibt natürlich auch 18, 19, 20-Jährige, die ohnehin erst mal ihre Identität finden müssen. Das ist vielleicht noch mal schwieriger wird, wenn man schwul ist. Da hilft die Plattform auch.

Was würden Sie Spielern raten, die vielleicht noch zögern, den letzten Schritt zu gehen?

Ich wünsche Ihnen, dass sie sich viele positive Reaktionen vor Augen führen. Es gibt ganz viele tolle Reaktionen, die ich persönlich bekommen habe, die aber auch die TSG Hoffenheim bekommen hat. Es ist ein ganz offener, toleranter Club. Ich habe viele Zitate von anderen Vereinsverantwortlichen gesehen. Freiburg-Trainer Christian Streich hat gesagt: 'Das sei doch völlig selbstverständlich. Worüber reden wir eigentlich im Jahre 2024?' Es gibt eine breite Basis und ein großes Verständnis für schwule Menschen. Das habe ich jetzt erfahren. Ich wünsche, dass betroffene Spieler darüber nachdenken und eines Tages den Mut finden, nach vielen Gesprächen diesen Weg zu gehen. Ich kann einfach nur sagen, man fühlt sich danach frei.

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