Das Vereinsheim des SV Geisingen aus der Luft (Foto: SWR)

Fussball | Energiekrise

Amateurvereine in der Energiekrise - so will der DFB helfen

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Leon Sander

Der Amateurfußball steht vor einem Winter voller Probleme. Der DFB hat dafür ein neues Hilfsmittel: Die Clubberatung. Was steckt dahinter? SWR Sport hat eine Beratung beim SV Geisingen mitgemacht.

Der Amateurfußball steht vor einem bitterkalten Winter. Die Energiekrise wird die Vereine hart treffen; sie müssen Kabinen und Duschen heizen sowie Fluchtlichter strahlen lassen. Als ob der Vereinsfußball nicht schon Probleme genug hätte: Corona schien gerade erst überstanden. Und schon davor fehlten Mittel, Spieler und Ehrenamtliche.

Der SV Geisingen steht vor genau diesen Schwierigkeiten. Eigentlich ist der Fußball-Bezirksligist aus dem Bodenseekreis gut aufgestellt. Die Stadt Geisingen hat knapp 6.000 Einwohner und im Umkreis konkurrieren fünf Fußballvereine. Dennoch hat der SV 320 Mitglieder, zwei Mannschaften bei den Herren, eine bei den Damen und dazu noch eine Jugendabteilung. Auch bei der Energie hat der SV vorgebeugt: Alle Lichter im Vereinsheim sind energiesparende LEDs, auf dem Dach liegt eine Solaranlage. Und doch sagt der 1. Vorsitzende Ralf Jauch: "Ich habe schon auch ein bisschen Bauchweh für die nächste Zeit."  

Hilfe vom Verband: Die Clubberatung

Die Vereinsverantwortlichen engagieren sich nach besten Kräften, doch auch sie können nicht alle Schwachstellen beheben. Die Flutlichtanlage läuft ohne LED, die Heizung wärmt wie bei vielen Vereinen mit Gas. Geisingens Sportvorstand Alexander Othmer ist überzeugt, die Strukturen im Vorstand noch besser machen zu können, und mehr Ehrenamtliche brauchen sie immer. Othmer hat nach Rat gesucht. Und ihn beim Verband gefunden.

Im Internet ist er auf Samuel Keienburg gestoßen, Clubberater des Sübdadischen Fußballverbands (SBFV). Die Clubberatung ist ein neues Programm des DFB und der Landesverbände, um Amateurvereinen bei den Problemen zu helfen, die auch den SV Geisingen umtreiben. Dabei besucht ein ausgebildeter Experte kostenlos einen Verein und versucht zu helfen. Othmer hat seinen Verein bei der Beratung angemeldet und Keienburg nach Geisingen eingeladen. SWR Sport war dabei.

Das richtige Mittel zur richtigen Zeit?

Corona, Energie, Inflation: Haben die Verbände die Clubberatung als Sofortmaßnahme gegen die Krisen eingeführt? Nein, die Beratungen laufen schon länger – und wirken im Nachhinein wie weise Voraussicht. Das ursprüngliche Ziel des DFB: Den Vereinsfußball fit machen für die EM im eigenen Land 2024. 2019 hat der DFB das Pilotprojekt gestartet, inspiriert vom niederländischen Fußballverband.

"[Die Clubberatung] ist unter anderem entstanden aus Erkenntnissen aus dem niederländischen Fußball. Wir haben dort ein Video gesehen, in dem die Bedürfnisse von Vereinen dargestellt wurden", sagt DFB-Vizepräsident Peter Frymuth im Interview mit SWR Sport. Die Clubberatung fällt beim DFB in seinen Zuständigkeitsbereich: "Das war damals so etwas wie eine Initialzündung. Wir haben uns gefragt, wie können wir dies oder etwas Ähnliches mit der gleichen Zielrichtung im Bereich des DFB etablieren."

Der DFB zahlt, die Landesverbände machen

Der DFB berät die Clubs allerdings nicht selbst. Er koordiniert das Pilotprojekt, bildet die Clubberater aus und finanziert den Landesverbänden die Stellen. Die Anzahl der Clubberater richtet sich nach Verbandsgröße. Samuel Keienburg ist der einzige Berater des SBFV.

Die Beratung liegt in den Händen der Landesverbände und ihrer Club-Berater*innen, die offizielle Bezeichnung des DFB. Dafür gebe es zu viele regionale Unterschiede, so Peter Frymuth: "Jeder Landesverband konnte im Rahmen der Pilotierung auch eigene Ideen entwickeln. Wie könnte es bei mir am besten funktionieren? Dadurch ergeben sich verschiedene Varianten."

Die Clubberatungen im Südwesten

Neben dem SBFV nehmen im Südwesten vier der fünf Landesverbände an der Clubberatung teil. Einzig der Fußballverband Rheinland ist noch nicht dabei, will aber nachziehen. Damit ist er sogar der einzige Verband in Deutschland, der noch fehlt. Beim Württembergischen Fußballverband (wfv) und beim Südwestdeutschen Fußballverband (SWFV) wird die Beratung gerade aufgebaut.

Bei beiden gehen die Vereinsbesuche 2023 los. Der SWFV startet mit zwei Clubberatern auf Minijob-Basis, der wfv mit einer Vollzeitstelle. Beide Verbände stehen im engen Austausch mit den Verbänden, die schon dabei sind, um von deren Erfahrungen zu profitieren.

Unter anderem vom Badischen Fußballverband (bfv), der bereits 2019 als einer der ersten Verbände beim Projekt mitmachte. Für seine drei Regionen Mittelbaden, Rhein-Neckar-Kreis und Odenwald hat der bfv drei Berater auf 450 € Basis eingestellt.

Geisingen statt Katar: Die Clubberatung als Gegenentwurf zur WM?

Samuel Keienburg ist von seinem Job überzeugt: "Das ist ein bisschen ein Gegenentwurf zur WM in Katar, nicht?" Die Clubberatung biete gute Ansatzpunkte für die Probleme der Vereine: "Wir setzen uns mit Vereinen an den Tisch und überlegen, wie die sich für die Zukunft aufstellen können. Wo soll die Reise hingehen? Dann erarbeiten wird das Schritt für Schritt."

Der Clubberater Samuel Keienburg spricht mit den Vereinsverantwortlichen vom SV Geisingen am einem Tisch. (Foto: SWR)
Samuel Keienburg (l.) bei der Clubberatung mit den Verantwortlichen vom SV Geisingen

Die Vereine müssen sich hinterfragen. Gehen wir in die Richtung Breitensport? Dann muss sich der Verein stark im Ort verankern. Beispielsweise mit einer Kooperation mit dem örtlichen Turnverein oder den Schulen. Gehen wir in Richtung Leistungssport? Dann braucht der Verein Strategien für gute Förderung. Beispielsweise mit qualifizierten Trainern und Scouts.

Die richtige Ausrichtung hilft aber nicht, wenn die Vereine niemanden finden, der sie umsetzt. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, es gibt in Deutschland immer weniger Ehrenamtliche. Auch dafür bietet Keienburg Ansätze: Menschen würden motiviert werden, wenn sie ein klares Ziel haben. Beispielsweise eine spezielle soziale Komponente oder ein Leitbild.

Außerdem empfiehlt Keienburg Projekte im Verein: "Ein moderner Mensch möchte sich nicht fest binden. Ein Präsident macht das nicht mehr 40 Jahre lang. Heute gibt es eher Personen, die projektbezogen arbeiten und kurzfristiger entscheiden."

Was kann der SV Geisingen machen?

Genau diese Herangehensweise nimmt Keienburg mit nach Geisingen, als er der Einladung von Vorstand Othmer folgt. Für Verein und Berater stimmt die Ausrichtung. Der SV bietet Breitensport und ist gut vor Ort verankert. Allerdings will Othmer noch mehr aus den Vereinsverantwortlichen und -mitgliedern herausholen. Und er sucht nach noch mehr Möglichkeiten gegen die Energiekrise. 

Die Idee von Clubberater Keienburg: Beides kombinieren. Er erarbeitet mit dem Verein ein Projekt mit dem Thema Nachhaltigkeit. Keienburg hat einen Ökologie-Fahrplan für den SV dabei. Dieser trägt den Namen N!-Charta. Die Charta beschäftigt sich mit einem Vereinsleitbild, aber auch so profanen Dingen wir E-Bike-Ständer vor dem Vereinsheim. Damit gibt der SV Geisingen sich und seinen Mitgliedern ein Ziel, das über das Randsportliche hinausgeht.

Der Clubberater beantwortet die Energiefrage

Keienburg hat auch Lösungen für den Alltag des SV Geisingen dabei. Wie z.B. Förderstellen, die dem Verein helfen können auf LED-Flutlichter umzusteigen. Und er empfiehlt, den Schaltkasten für das Flutlicht abzuschließen. Damit nicht jeder die Lichter anschalten kann, wie er möchte.

Die Damenmannschaft des SV Geisingen trainiert unter Flutlicht (Foto: SWR)
Wird im Winter richtig teuer: Die Flutlichtanlage des SV Geisingen

Der SV Geisingen ist dankbar für die Tipps des Experten. "Ganz ehrlich, ich hätte für die Dienstleistung auch gezahlt", so Vorstand Othmer. Die Clubberatung kommt gut an. Er könne sich vor Anfragen nicht retten, so Keienburg. Die Vereine kämen auf eine Warteliste. Auch in den anderen Verbänden sieht es ähnlich aus. Laut DFB-Vize Peter Frymuth sei der einzige Wunsch der Vereine, dass noch mehr Beratungen stattfinden.

Geht es weiter mit den Clubberatungen?

Der DFB hat die Pilotphase auf 2024 verlängert, weil während Corona zu wenig Beratungen bei den Vereinen stattfinden konnten. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass der Verband das Projekt weiterführt.

Der Projektleiter des DFB, Patrick Bonacker, strebt den Regelbetrieb an. Er will die Clubberatung ausbauen und die Berater ausführlicher schulen.

Vereine wie der SV Geisingen würden das sehr begrüßen. Vorstand Alexander Othmer plant sich in Zukunft wieder beraten zu lassen. Die Clubberatung kann die Vereinsarbeit nicht ersetzen. Aber sie kann sie vereinfachen, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Beim SV Geisingen blicken sie mit weniger Bauchschmerzen in die Zukunft.

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