Mainz-05-Trainer Sandro Schwarz resigniert ob der Leistung seiner Mannschaft (Foto: Imago, imago/Revierfoto)

Bundesliga | FSV Mainz 05 Ui-jui-jui-au-au-au

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Stephan Mai

Mainz 05 steht nicht erst nach dem schwachen Auftritt im DFB-Pokal-Viertelfinale bei Eintracht Frankfurt am Scheideweg – ein Einwurf von SWR-Sportreporter Stephan Mai.

Der Mainzer Fastnachts-Klassiker beschreibt ein wenig das Theater, das gerade rund um den Bruchweg, die Trainingsstätte der Mainzer, herrscht. Normalerweise kommt das Lied vom "ui-juj-juj" und "au au au" nach einer besonders derben, oder schlechten Pointe auf den Fastnachtssitzungen zum Einsatz.

Das Pokalspiel in Frankfurt war wieder so ein Tiefpunkt – ein flacher, ein schlechter Witz –, ein desaströser, ein mutloser und vor allem fehlerhafter Auftritt. Ui-juj-juj und au au au.

Mainz 05 fehlt die Konstanz

Die Pleite in Frankfurt und vor allem der schwache Auftritt zieht, nicht nur in den Sozialen Netzwerken, einen Aufschrei hinter sich her. Auf und nieder, immer wieder – tollen Leistungen gegen Stuttgart folgen schwache Spiele wie in Leverkusen. Respektvollen Auftritte, wie noch am Samstag, als die Mainzer dem Rekordmeister Bayern München lange Paroli boten, folgte nun der Auftritt gegen die Eintracht mit dreifach donnernden, selbstverschuldeten Gegentoren.

Schon seit Saisonbeginn ist es vielen im Mainzer Umfeld ein Dorn im Auge, dass ausgerechnet Sandro Schwarz zum Cheftrainer befördert wurde. Der Mann, der zuvor mit der zweiten Mannschaft von der 3. Liga in die Regionalliga abgestiegen war. Dabei ist es ein logischer Weg, den die Verantwortlichen in Rheinhessen gerne den „Mainzer Weg“ nennen. Schließlich hatten sich die Trainer-Eigengewächse stets als Volltreffer entpuppt. Klopp, Tuchel, Schmidt, nun Schwarz. Dazwischen Fehlschüsse mit den Vereinsfremden Andersen und Hjulmand. An Schmidt hielt Sportvorstand Schröder selbst dann noch fest, als Teile der Mannschaft begannen, ihm die Gefolgschaft zu verweigern. Und die Mainzer schafften den Klassenerhalt, trennten sich erst danach. Stilvoll und freundschaftlich.

Mainz 05 hält an Sandro Schwarz fest

Nun steigt der Druck wieder. Die Mannschaft steht auf Rang 16, dem Relegationsplatz. Abstiegsangst geht um, und Angst ist auch in Mainz ein schlechter Ratgeber. Die Stimmen werden laut und lauter, das zu tun, was andere im Tabellenkeller schon hinter sich haben: den Trainer zu wechseln. Köln, Hamburg, Bremen, Stuttgart – alle haben dies getan. In Mainz wird man das nicht tun.

Dauer

Es gibt derzeit kein Eigengewächs mit dem die Nullfünfer ihren "Mainzer Weg" fortsetzen könnten. Und Sandro Schwarz genießt Hochachtung im Verein und bei der Mainzer Trainer-Ikone Jürgen Klopp. Der erklärte noch diese Woche, dass er seinen ehemaligen Mitspieler und Mit-Aufsteiger von 2004 für eine Idealbesetzung mit Mainzer Stallgeruch hält. Schwarz und Klopp verbindet bis heute eine innige Freundschaft und die Verbundenheit zum Verein. 

Schwarz gilt als Fachmann ohne Arroganz

Aber Klopp ist nicht der einzige Fürsprecher, auch der neue Vorstand Stefan Hofmann hält viel von Schwarz. Er hatte seine frühe Entwicklung als Fußballlehrer am Bruchweg begleitet. Damals baute Hofmann das Mainzer Nachwuchsleistungszentrum auf, und Schwarz war einer seiner Jugendtrainer. Er überzeugte mit überragendem Engagement mit einer hundertprozentigen Verbundenheit zum Verein und am wichtigsten: mit Erfolgen.

Wird Mainz 05 ein ganz normaler Fußball-Klub?

Dass nun in Mainz von einer breiten Masse der Fans der Kopf des Trainers unverhohlen gefordert wird, ist typisch für die Kurzsichtigkeit und Kurzfristigkeit des Bundesliga-Geschäfts. Die Mainzer haben zweifellos, von den Namen und den Kosten her den besten Kader aller Zeiten. Vor allem in der Breite sind die Nullfünfer für ihre finanziellen Verhältnisse gut aufgestellt. Aber in der Spitze fehlt es – in der Leistungsspitze und auch in der Sturmspitze.

Es fehlt ein Mann, der den Unterschied machen kann, der ein Spiel mal allein entscheiden kann, einer wie einst Andre Schürrle, Shinji Okazaki oder Yunus Malli. Mit diesen Spielern waren die Mainzer immer deutlich über dem Strich. Spielten mit ihnen über dem Niveau, das ihre finanzielle Möglichkeiten in der Tabelle eigentlich zulassen.

Mainz-05-Fans schießen sich auch auf Rouven Schröder ein

Auch diese Kaderzusammenstellung kommt immer mehr in den Fokus der Kritiker – und damit die Arbeit des Sportvorstands. Schröder und Schwarz – raus! Eine Forderung, zigmal publiziert in diversen Fanforen, so drastisch, dass Foren geschlossen wurden, weil den Administratoren die harsche Kritik zu weit ging. Ui-juj-juj und au au au

Das Umfeld hat sich entwickelt, und das ist nicht immer nur positiv. Die Ultras haben im Stadion und drum herum ihre Macht ausgebaut. Sie agieren in einer Art und Weise, die nicht mehr typisch für Mainz 05 ist. Das beginnt bei der eintönig-monotonen Sangeskultur im Q-Block und endet, wenn Fans, die da nicht mitmachen wollen, beschimpft werden.

Die Mainzer Ultras kommen vom "Mainzer Weg" ab

Es zeigt sich auch daran, dass das Stadion zunehmend leer gespielt wird. Erst in der Euro League, dann im DFB-Pokal und immer häufiger in der Bundesliga gehen die Zuschauerzahlen zurück. Zu Auswärtsspielen fährt nur noch ein kleiner Teil der Fans und ein großer Teil der Ultras mit. Und dort wird dann gezündelt, provoziert und gestänkert – das ist kein „Mainzer Weg“, das ist das gleiche Problem, dass viele andere Bundesligaclubs auch haben. Ui-juj-juj und au au au.

Der Fluch der Erfolge, der Qualifikation für die Europa-League-Plätze und der guten Bundesliga-Platzierungen, haben in Mainz die Erwartungen in die Höhe geschraubt. Die Mechanismen des Geschäfts greifen nun mal auch in Mainz. Die Verantwortlichen wollen dagegen ihren „Mainzer Weg“ weiter gehen: auf Kontinuität setzen, sich nicht von Stimmungstiefs beeinflussen lassen und die logischen Handlungsabläufe nicht anwenden. Mal sehen, wie lange Schröder und Hofmann das wirklich durchhalten können – oder ist für den „Mainzer Weg“ auch bald Aschermittwoch?

Ui-juj-juj und au au au

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Stephan Mai
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